„Maßstab muss das Tier sein“

Vortrag beim Landvolk in Groß Lessen

Professor Robby Andersson zeigte vor den Landwirten aus dem Diepholzer Südkreis auf, woran man Tierwohl festmachen kann.

Groß Lessen - „Moderne Landwirtschaft muss tiergerecht sein.“ Was diese Forderung bedeutet, erläuterte Prof. Dr. Robby Andersson von der Hochschule Osnabrück in seinem Vortrag. Der Inhaber des Lehrstuhls für Tierhaltung befasst sich mit dem Verhalten von Nutztieren und deren Haltung. Auf Einladung des Landvolkes Diepholz referierte Andersson während der Kreisverbandsversammlung im Gasthaus Husmann in Groß Lessen.

Vor rund 150 Landwirten und Gästen legte der Experte dar, worauf es beim Tierwohl aus seiner Sicht ankomme. „Differenzierte Betrachtungsweisen sind wichtig“, mahnte der Agrarwissenschaftler. Viele Forderungen aus Politik und Gesellschaft müssten daraufhin überprüft werden, ob sie wirklich dem Tier nützten. Als Beispiel führte Andersson an, dass mehr Platz und Freilandhaltung auch Probleme mit sich bringen könnten. Er sprach von stressintensiven Rangkämpfen unter den Tieren und der Einschleppung von Infektionen und Seuchen.

Maßstab für Tierwohl müsse das Tier sein und nicht menschliches Empfinden. „Die Welt der Tiere ist eine andere als unsere und tierisches Verhalten kann schnell fehlinterpretiert werden“, so Andersson. „Wenn mir kalt ist, ist dem Tier auch kalt – das ist ein Trugschluss. Kühe zum Beispiel fühlen sich bei sehr niedrigen Temperaturen sehr wohl.“ Wichtig sei es bei Nutztieren, dass deren Bedarf gedeckt werde. Das Tier müsse frei von Schmerz und Hunger sein, es müsse gesund sein und sein normales Verhalten ausleben können. „Bedarf und Bedürfnis ist nicht dasselbe“, sagte der Referent. „Ein Mensch hat einen Bedarf an Wasser – und vielleicht ein Bedürfnis nach Bier.“

Andersson bedauerte, dass in der öffentlichen Diskussion die Begriffe Tierwohl, Tierschutz und Tierrechte durcheinander geworfen werden würden. Während sich das Tierwohl besonders auf die Gesundheit, das Verhalten und geringen Stress beziehe, fokussiere sich der Begriff Tierschutz darauf, das Tier vor Schaden zu schützen. „Und Tierrechtler erkennen Tieren dieselben Rechte zu wie Menschen. Zwischen einer Ratte und einem Kind wird kein Unterschied gemacht“, so Prof. Andersson. Nutztierhaltung sei mit diesem Weltbild per se unvereinbar.

Tiergerecht sei es, wenn man die Eigenschaften des Tieres in den Fokus rücke, die auch innerhalb einer Art unterschiedlich sein könnten, daher sprächen Fachleute auch nicht von artgerecht. Nutztiere würden lernen und sich anpassen, auch das müsse man berücksichtigen. „Ich kann eine Kuh, die über die Jahrzehnte auf mehr Milchleistung gezüchtet wurde, nicht einfach weniger füttern“, betonte der Referent. „Mein Wunsch an die Landwirte ist es, dass sie mehr kommunizieren, warum sie die Tiere so halten wie sie es tun.“

Landvolk-Vorsitzender Theo Runge bedankte sich bei dem Experten für seine Ausführungen und für die Bereicherung der Debatte. Runge betonte, dass gerade vor dem Hintergrund der Skandale auf den Schlachthöfen in Niedersachsen, von denen er sich im Namen aller Berufskollegen deutlich distanziere, die Diskussion über Tierwohl aktueller denn je sei. „Sie muss aber auf wissenschaftlicher Grundlage geführt werden.“ 

- sme

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