Ambulante Wohneinrichtung für Jugendliche zieht innerhalb Sulingens um

„Villa Jazz“ löst Haus Mühlenhof ab

In einem der Bewohnerzimmer (von links): Thorsten Kühn, Xenia Radmacher und Freba Safi.
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In einem der Bewohnerzimmer (von links): Thorsten Kühn, Xenia Radmacher und Freba Safi.
  • Harald Bartels
    vonHarald Bartels
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Sulingen – Seit Ende Juni ist die „Villa Jazz“ an der Kampstraße in Sulingen bewohnt. Dabei handelt es sich allerdings nicht um ein hochherrschaftliches Anwesen, sondern um eine Wohneinrichtung der „Jazz 2010 GbR“ – kurz für „Jugendaktionen zur Zukunft“, ein 2010 im Landkreis Nienburg entstandener Träger der Jugendhilfe.

Seit 2018 ist der Träger auch im Landkreis Diepholz tätig, sagt Thorsten Kühn, einer der beiden Leiter. Schon im Vorfeld sei mit dem Landkreis besprochen worden, auch die Betreuung einer in Sulingen ansässigen Wohngruppe unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter zu übernehmen. Mit dieser Wohngruppe im „Haus Mühlenhof“ in der Nähe des Berufsbildungszentrums Dr. Jürgen Ulderup sei auch Freba Safi zu „Jazz“ gestoßen, die bereits seit 2016 die Jugendlichen betreut habe. Die Unterbringung dort sei ohnehin nur befristet geplant gewesen, weswegen das neue Gebäude an der Kampstraße gekauft wurde, erklärt Thorsten Kühn: „Wir wollten mitten in der Stadt bleiben und nicht raus aufs Land, denn die Jugendlichen haben keine Autos und sind auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen.“

Seit Mai habe man das Haus „mit viel Herzblut“ umgebaut. Neben einigen örtlichen Handwerksbetrieben seien daran auch die vier Bewohner beteiligt gewesen. „Sie haben schon im April begonnen, sich aus Europaletten selbst Betten zu bauen und beim Umbau haben sich die Jungs draußen um das Unkraut gekümmert, haben beim Streichen und beim Verlegen der Vinyl-Fußböden geholfen“, berichtet Xenia Radmacher, Leiterin der Hilfen des Trägers im Landkreis Diepholz. Auch der neue Name, „Villa Jazz“, sei von Bewohnern und Betreuern gemeinsam erdacht worden – „wir sind ja nicht mehr am Mühlenhof.“

Das neue Gebäude ist mit den vier Bewohnern voll belegt, jeder verfügt über ein Einzelzimmer in Größen zwischen zehn und 16 Quadratmetern mit dazugehörigem Bad. „Wir hatten das Glück, dass der Vorbesitzer des Hauses hier eine Bildungsstätte für Hundebesitzer angedacht hatte und deswegen die Zimmer schon ein Bad hatten“, sagt Thorsten Kühn. Daher gebe es hier kein Gemeinschaftsbad mehr wie im vorigen Gebäude, aber weiter eine Gemeinschaftsküche und einen Aufenthaltsraum.

Zwar habe die Einrichtung mit Geflüchteten begonnen, sie sei aber grundsätzlich offen für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen, betont Kühn. Das klare Ziel bei allen Bewohnern sei die Verselbstständigung, damit sie später in einer eigenen Wohnung leben könnten. Männliche Jugendliche im Alter zwischen 16 und 19 Jahren aus dem Landkreis Diepholz, konkretisiert Xenia Radmacher die Klientel. Laut Gesetz könnten sie auch bis zum Alter von 21 Jahren in der Einrichtung leben, aber die meisten wollten lieber vorher in eine eigene Wohnung ziehen. Im Schnitt würden sie zwischen sechs und zwölf Monate hier verbringen, allerdings sei ein junger Mann bereits seit anderthalb Jahren da. Anfangs werde für zwei Monate getestet, ob diese Wohnform im konkreten Fall das Richtige ist, anschließend, gemeinsam mit dem Jugendamt und dem Vormund, reflektiert.

Die Bewohner gehen zur Schule oder machen eine Ausbildung, und von Montag bis Freitag stehen ihnen vier Betreuerinnen und Betreuer zur Seite, die abends und am Wochenende eine Rufbereitschaft gewährleisten. Unterstützung gibt es für die Bewohner bei Problemen in Schule oder Lehre, bei der Vorbereitung auf Gespräche mit Jobcenter oder Ausländerbehörde sowie bei Arztbesuchen. Xenia Radmacher: „Wir führen Gespräche über ihre Vergangenheit, aber auch über ihre Wünsche und Ziele.“ Die Geflüchteten sprächen mit den Betreuern auch über ihre traumatisierenden Erfahrungen, aber eine Therapie sei kaum möglich – aufgrund der Sprachbarriere, außerdem seien „Doktoren für den Kopf“ oft bei ihnen nicht gut angesehen. Hilfreich sei da, dass Freba Safi mit ihnen spreche und dabei auf ihre Berufserfahrung als Erzieherin in Afghanistan zurückgreifen könne. Viele der Geflüchteten kämen auch noch zu ihr, wenn sie schon ausgezogen sind, sagt Safi. Grundsätzlich ende die Betreuung nicht mit dem Auszug.

Seit Beginn der Tätigkeit im Landkreis sei ein gutes Netzwerk aufgebaut worden, und es gebe einen engen Austausch mit dem Jugendamt, der Polizei, Ärzten und Bethel im Norden, berichtet die Leiterin, und diese Partner wolle man – ebenso wie die Kollegen aus den Einrichtungen im Landkreis Nienburg – gerne dabeihaben, wenn sich die „Villa Jazz“ öffentlich vorstellt. „Wir müssen gucken, wann wir das offiziell machen dürfen“, ergänzt Thorsten Kühn, „aber die Nachbarn wissen schon Bescheid.“

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