Bethel im Norden richtet Tagesstätte ein

Verselbständigung ist das Ziel im Sulinger „Taff“

Das Team rund um das „Taff“: Marlies Beich (Leiterin ambulante Dienste), Mitarbeiterin Heike Wiegmann, Martin Hoppe (Bereichsleiter Eingliederungshilfe) (vorne von links) sowie Karsten Wenisch (Leiter TAFF) und die Mitarbeiter Holger Schwandt und Kristina Overhoff (hinten von links).
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Das Team rund um das „Taff“: Marlies Beich (Leiterin ambulante Dienste), Mitarbeiterin Heike Wiegmann, Martin Hoppe (Bereichsleiter Eingliederungshilfe) (vorne von links) sowie Karsten Wenisch (Leiter TAFF) und die Mitarbeiter Holger Schwandt und Kristina Overhoff (hinten von links).

Sulingen – Seit zehn Jahren besteht das „Taff“ von Bethel im Norden an der Nienburger Straße in Sulingen als Sozialpsychiatrisches Tageszentrum. Das ist Geschichte: Inzwischen ist das „Taff“ eine Tagesstätte für volljährige Menschen mit seelischen Behinderungen, so der offizielle Titel.

„So viel hat sich gar nicht verändert“, betont Marlies Beich, Leiterin der ambulanten Dienste der Eingliederungshilfe von Bethel im Norden, denn das „Taff“ sei auch bisher schon als Tagesstätte ausgerichtet gewesen. Der größte Unterschied sei, dass die Menschen statt wenigstens an 15 Stunden pro Woche wie bisher nun mindestens an 20 Stunden pro Woche an den „Taff“-Angeboten teilnehmen müssten. Zudem gebe es, weil nun das Land Niedersachsen zuständig sei für die Leistungsvereinbarung, nicht mehr 27, sondern 20 Plätze.

Wie bisher bietet das „Taff“ den Teilnehmern von 8 bis 16 Uhr einen strukturierten Tagesablauf: Die Menschen könnten sich, ganz nach ihren Stärken und Vorlieben, in den gewohnten Bereichen beschäftigen, ob Holzwerkstatt, Frauenwerkstatt, Fahrradwerkstatt, Gartenbereich oder Kreativbereich. Immer sehr beliebt sei die Küche, denn „da bekommen sie immer viel Anerkennung und Rückmeldung für ihre Arbeit.“ Der offene Mittagstisch sei vor Corona sehr gut angenommen worden, und aktuell werde der als Außer-Haus-Verkauf fortgeführt.

„Viel Anerkennung und Rückmeldung“

Karsten Wenisch mit einigen Schöpfungen aus dem Kreativbereich des „Taff“.

So könnten die Teilnehmer kontinuierlich einer Tagesbeschäftigung nachgehen, ergänzt „Taff“-Leiter Karsten Wenisch, und parallel dazu gebe es nun Gruppenangebote in zwei Kategorien, wobei die Menschen an wenigstens einer Gruppe aus jeder Kategorie teilnehmen müssen. So fallen in die rote Kategorie Angebote wie freies kreatives Gestalten, Musik, Holzarbeiten, Genuss oder Spiele und „Gehirnjogging“, während zur grünen Kategorie eine Frauen- beziehungsweise Männergruppe gehören, eine Bewegungsgruppe sowie das Angebot „Lebenspraktisches“. Dahinter verbirgt sich der eigentliche Schwerpunkt der Tagesstätte: Die Teilnehmer hätten aufgrund ihrer Defizite in mehreren Bereichen oft wenig Möglichkeiten zur Teilnahme an der Arbeitswelt oder dem gesellschaftlichen Leben, so Marlies Beich. Daher gebe es für sie Hilfe bei der Gestaltung des Alltags und beim Abbau von Ängsten, beispielsweise bei der Mengenplanung für den Einkauf, bei der Kleiderauswahl nach Anlass und Jahreszeit, bei der Nutzung von Bus und Bahn, etwa für den Facharztbesuch, oder bei der Körperhygiene und Mülltrennung. Andere Aspekte sind die Förderung der Kommunikation untereinander sowie die Unterstützung bei der Freizeitgestaltung, etwa durch Besuche auf dem Wochenmarkt, im Kino oder bei Veranstaltungen. „Es geht immer um Verselbständigung“, so Marlies Beich, „und es betrifft die ganze praktische Lebensführung des Einzelnen.“

„Wir räumen Barrieren weg“

Die Eingliederungshilfe verändere sich prozessual schon seit Jahren, sagt Martin Hoppe, Leiter des Bereichs Eingliederungshilfe von Bethel im Norden. Die Kommunikation miteinander, die Haushaltsführung, die eigene Körperhygiene, die Mobilität und die gesellschaftliche Teilhabe seien die Säulen, die zu einem gesundheitlichen Wohlbefinden dazugehörten, aber dabei würden die Menschen nun personenzentrierter unterstützt: „Wir räumen die Barrieren weg, die die Menschen an der Teilhabe hindern.“ Wichtig sei, dass es ein umfassendes Angebot gebe, zu dem die Wohnanlage an der Südstraße in Sulingen oder die „proWerk Arbeit & Integration“ gehörten. Wenn es einen entsprechenden Bedarf gebe, werde das Angebot ausgeweitet: „Mehr und mehr Menschen trauen sich, mit ihrem psychischen Hilfsbedarf nach draußen; es ist eine gute Entwicklung, dass es nicht mehr so schambesetzt ist.“

Zusätzliche Angebote seien abhängig von den Zielen und Wünschen der Teilnehmer, erläutert Marlies Beich: Gemeinsam werde überlegt, welche Tätigkeit angemessen sei, um die Fähigkeiten der Teilnehmer zu fördern, und so sei beispielsweise die Fahrradwerkstatt entstanden. Das „Taff“ sei sehr gut vernetzt mit anderen Institutionen, und insbesondere die Kooperation mit dem Jobcenter sei gut – „das kommt den Teilnehmern zugute.“ So habe man – auf Wunsch des Jobcenters – unabhängig von der Tagesstätte Arbeitsgelegenheiten, sogenannte AGH-Plätze, eingerichtet. „Wir unterstützen Menschen, die in ihrer Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt sind, aber Beratungsdefizite haben“, ergänzt Karsten Wenisch.

Die Untergestelle von Nähmaschinen bilden jetzt die Tische im Begegnungscafé.

Gleichzeitig trage die Arbeit dazu bei, dass sich die Kommunen öffneten für „Menschen, die anders sind“, so Martin Hoppe. Das „Taff“ sei in Sulingen seit Jahren eine wertgeschätzte Einrichtung, in der Begegnungen stattfänden.

„Wir arbeiten seit zehn Jahren daran, Vorurteile abzubauen“, fügt Karsten Wenisch hinzu. Daher sei die Einrichtung immer nach außen geöffnet gewesen, beispielsweise mit dem Begegnungscafé. Die Gruppen der Tagesstätte seien aber vorerst rein interne Angebote: „Wir müssen nach Corona sehen, wie wir das wieder öffnen können.“

Einrichtung im Industriestil

Diese Öffnung sei aber wichtig, stellt Marlies Beich heraus: „Das Möbelkaufhaus ,Hin & Weg‘, das wieder angelaufen ist, und das Begegnungscafé sind ,Übungsplattformen‘ für die Teilnehmer, weil sie da immer wieder mit fremden Menschen in Kontakt kommen.“ Das gelte auch für die Auftritte bei der „Informa“ in Sulingen und beim Kirchdorfer Herbstmarkt, die mit den Teilnehmern immer sorgfältig vorbereitet würden.

Im September sei das „Taff“ zudem wieder Wahllokal für die Kommunal- und Bundestagswahlen – „zum ersten Mal in den renovierten Räumlichkeiten“, hebt Marlies Beich hervor. Während des ersten Shutdowns im vergangenen Jahr habe für das „Taff“ ein Betretungsverbot geherrscht, weswegen die Mitarbeiter täglich mit den Teilnehmern telefoniert hätten, um den Kontakt zu halten. Das habe gut funktioniert, und zugleich sei die Zeit genutzt worden, um alle Räume zu streichen und zu tapezieren. Komplett verändert habe sich das Begegnungscafé, denn hier habe Karsten Wenisch alte Nähmaschinenuntergestelle mit Tischplatten versehen, die nun im Café stehen. „In der Optik wollten wir den Industriestil aufnehmen, um einen Bezug herzustellen zur Lackdraht Union, die hier früher ansässig war – da hätte Fachwerk einfach nicht gepasst.“

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