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Verein „Kontakt“: Arbeit mit jungen Straftätern im Kreis

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Von: Harald Bartels

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Vier Erwachsene stehen vor dem Eingang zu einem Gebäude.
Für den Jugendhilfeverein „Kontakt“ tätig sind in Sulingen Beate Fritz und Marie Schlärmann sowie in Syke Anne Jahnke und Holger Arntjen (von links). © Bartels

Sulingen / Syke – Die Vakanz ist beendet: Seit Oktober verstärkt Sozialarbeiterin Marie Schlärmann das Team des Vereins für Jugendhilfen im Landkreis Diepholz „Kontakt“ in Sulingen.

Nachdem Susanne Huick, die von Anfang an dabei gewesen sei und den Verein mit aufgebaut habe, Ende 2021 in den „wohlverdienten Ruhestand“ ging, sei die Stelle unbesetzt gewesen, sagt Holger Arntjen, Geschäftsführer des Vereins. Schlärmann kümmere sich nun von Sulingen aus um den Bereich Diepholz. Insgesamt vier Mitarbeiter gebe es im Team, und „wir haben keine hohe Fluktuation“: Er selbst, ansässig in Syke, sei seit 19 Jahren dabei, seine ebenfalls in Syke tätige Kollegin Anne Jahnke seit acht Jahren und Beate Fritz in Sulingen bereits seit 1996.

Was macht „Kontakt“ eigentlich? „Wir brauchen keine Werbung“, sagt Arntjen lachend, „wir arbeiten mit verurteilten jugendlichen Straftätern in unterschiedlichen Angeboten.“ Eines der wichtigsten sei die sogenannte Betreuungsweisung: Dabei geht es um eine intensive Einzelbetreuung über einen vom Gericht festgelegten Zeitraum, meist zwischen sechs und zwölf Monate. Inhaltlich könne es dabei um alle Probleme gehen, die die Jugendlichen mitbringen, sagt Arntjen. Manchmal führe ein Problem zur Straftat, aber man beobachte eine steigende Anzahl von Jugendlichen mit multiplen Problemlagen, bei denen beispielsweise zur Suchterkrankung eine mangelnde Sozialisation oder psychische Auffälligkeiten hinzukommen.

„Die Aufarbeitung der Straftat ist das Hauptthema“, ergänzt Anne Jahnke, „aber es muss ganzheitlich geguckt werden: Wenn jemand als Teil der Beschaffungskriminalität einen Einbruch begeht, reicht es nicht aus, nur den Einbruch aufzuarbeiten.“

Während diese Maßnahme im sozialen Umfeld des Jugendlichen stattfindet, haben die Gruppenangebote ihren Platz in den Vereinsräumen in Sulingen und Syke. Dazu zählen soziale Trainingskurse, in denen die Teilnehmer über drei Monate sich wöchentlich für drei Stunden treffen. „Da werden vielfältige Themen bearbeitet, und die Jugendlichen profitieren voneinander und ihren Erfahrungen“, sagt Jahnke.

In Zusammenarbeit mit Polizei und Verkehrswacht angeboten werden Verkehrsseminare. Sie richten sich an Jugendliche, die im Verkehr auffällig wurden, von Ordnungswidrigkeiten über Fahren unter Einfluss von Alkohol oder Betäubungsmitteln bis hin zu Fahrern, die Unfälle mit Schwerverletzten oder Toten verursachten.

Als „sehr praxislastig“ beschreibt Arntjen das Antigewalttraining: „Was ist Gewalt, in welchen Situationen kommt es zu Gewalt und wie kann ich mich selbst kontrollieren?“ Mit diesen Fragen müssten sich die Teilnehmer beschäftigen. Das Seminar über fünf dreistündige Treffen sehr kompakt, aber auch sehr intensiv mit dem Ziel, dass die Teilnehmer „den Impuls sehen: Du kannst etwas verändern.“

In Zusammenarbeit mit der Fachstelle Sucht der Diakonie Diepholz-Syke-Hoya wird das Risikokompetenztraining „RisK / Release it“ angeboten. Es richtet sich an junge Suchtmittelkonsumenten und soll helfen, den eigenen Konsum zu überprüfen.

Wichtige Aufgabe: Täter-Opfer-Ausgleich

Eine weitere wichtige Aufgabe: der Täter-Opfer-Ausgleich. „Wir gucken, ob wir eine gemeinschaftliche Lösung finden, um ihn außergerichtlich aus der Welt zu schaffen“, erläutert Jahnke. Häufig gehe es dabei um Fälle von Körperverletzung oder Vandalismus. Das Ziel sei nicht nur die Wiedergutmachung, sondern auch, dass der Beschuldigte Verantwortung für die Tat übernimmt. Die Teilnahme sei freiwillig, ein erfolgreicher Ausgleich werde im Strafprozess berücksichtigt. Beate Fritz: „Die Grundvoraussetzungen sind ein Geständnis und die Einsicht des Täters.“

Seit einem Jahr arbeitet „Kontakt“ in Kooperation mit der Jugendhilfe Neustadt als Beratungsstelle für Täter bei häuslicher Gewalt. Es sei ein Training ausschließlich für männliche Täter, erklärt Arntjen, und den Hinweis auf diese Stelle erhielten sie noch vor Ort von den Einsatzkräften der Polizei.

Es gebe eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Gerichten und der Polizei, lobt Beate Fritz, und man erfahre eine hohe Wertschätzung. „Wir haben ein sehr gutes Netzwerk, das über die Jahre entwickelt wurde“, ergänzt Arntjen, „das unterscheidet uns von anderen Landkreisen.“ Dass es eine spezialisierte Jugendhilfe gibt mit festen Ansprechpartnern, sei eine Besonderheit – andernorts werde das oft allgemein von den Jugendämtern erledigt.

„Fast alle Jugendlichen beenden die Maßnahme, das ist ein Erfolg“, stellt der Geschäftsführer fest, nur ganz wenige brächen vorzeitig ab. Das große Ziel sei laut Beate Fritz eben auch, ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Jugendlichen herzustellen. Sie hätten zudem die Möglichkeit, nach Ablauf der Maßnahme freiwillig weiter am Angebot teilzunehmen. Da er als einziger der Mitarbeiter auch im Landkreis wohne, treffe er immer wieder mal frühere Klienten beim Einkaufen wieder, verrät Arntjen. Das sei eigentlich immer positiv. Auch nach Jahren würden ehemalige Teilnehmer noch anrufen mit Fragen. Es gebe aber auch Jugendliche, die mehrfach betreut werden. „Manche erreichen wir auch gar nicht, die gehen irgendwann in Haft.“ Die Grundvoraussetzung sei die Bereitschaft, sich zu verändern: „Die Jugendlichen verstehen, dass wir nicht die Justiz sind und nicht bestrafen wollen, sondern helfen.“

Es sei ein Prozess mit den jungen Menschen, aber auch mit vielen anderen Beteiligten, vor allem den Eltern und der Familie, betont Fritz. Eine der häufigsten Ursachen für Kriminalität sei mangelnde Erziehungsverantwortung der Eltern, dass diese selbst einen Mangel an Bindungs- und Beziehungsfähigkeit hätten, in der Erziehung keine klaren Regeln und Grenzen setzen könnten – unabhängig von irgendwelchen sozialen Schichten. Ein Beispiel aus der Arbeit sei ein Jugendlicher, der in der Schule Drogen verkaufte. Das habe die Schulleitung angezeigt. Die Eltern unterstützten nicht die Sanktionen, sondern gingen dagegen und gegen die Schule vor. „Verwahrlosung und Überbehütung können zum gleichen Ergebnis führen“, warnt Beate Fritz.

„Kontakt“ habe nicht den Auftrag, Familienarbeit zu leisten, aber die Eltern müssten mitgenommen werden. „Zuwendung ist auch ganz wichtig für das Selbstwertgefühl“, betont Arntjen. Gerade bei Gewalttätern fehle es häufig an Anerkennung, und die holten sie sich über Einschüchterung, selbst wenn es negative sei. Oft erlebe man, dass die Jugendlichen sich in den Maßnahmen zum ersten Mal ernst genommen fühlen.

Generell sei der Landkreis aber, bezogen auf die Kriminalität, „ein Dorf“, lacht Arntjen. „Die Leute hier halten sich für die großen Gangster und gefährlich, in der Großstadt sind sie es.“

Informationen zum Verein „Kontakt“

Der Verein für Jugendhilfen im Landkreis Diepholz „Kontakt“ wurde 1987 gegründet und ist als einziger Anbieter tätig für ambulante sozialpädagogische Angebote nach dem Jugendrecht. Er betreibt Geschäftsstellen in Sulingen und Syke, wo jeweils auch die Gruppenangebote des Vereins beheimatet sind. Die Teilnehmer kommen in der Regel per Zuweisung von den Amtsgerichten Diepholz, Sulingen und Syke sowie von der Staatsanwaltschaft Verden. 2021 wurden von den drei Mitarbeiterinnen und Geschäftsführer Holger Arntjen insgesamt 138 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 21 Jahren betreut, wovon 33 eine Maßnahme aus dem Vorjahr fortsetzten. Der Verein erhebt zwar auch Mitgliedsbeiträge, überwiegend finanziert aber der Landkreis Diepholz die Arbeit, zudem erhält „Kontakt“ Bußgelder von Gerichten zugewiesen. Weitere Informationen: www.kontaktev-dh.de.

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