Die Welt ein bisschen besser machen

Trauer um Eva Kurth: Sulingen verliert „Grande Dame des Ehrenamts“

Die vielfältig sozial engagierte Sulingerin Eva Kurth starb am Sonntag im Alter von 89 Jahren.
+
Die vielfältig sozial engagierte Sulingerin Eva Kurth starb am Sonntag im Alter von 89 Jahren.

Sulingen – Die Liste der Aktivitäten, Veranstaltungen, Ideen, die Eva Kurth ins Leben rief, ist bereits unglaublich lang – und doch noch nicht beendet, als sie am Sonntag friedlich einschläft, für immer. Die zu erledigenden Aufgaben sind in der markanten Handschrift auf Zetteln notiert. Was bleibt, ist, vor dieser feinen Dame den Kopf in Ehrfurcht zu neigen. Oder einfach, in Erinnerung an eine schöne Begegnung mit ihr, noch mal herzhaft zu lachen, wie sie es auch so gerne und oft tat. Mit schelmischem Blick. Mit Schalk im Nacken.

Eva Kurth wurde am 17. März 1932 in Pohle (Landkreis Schaumburg) geboren, als erstes von vier Kindern des Ehepaars Farke. Die Familie zieht nach Freistatt, als der Vater dort Dorfschullehrer wird. Eva bricht nach dem Abitur in Diepholz zum Lehramtsstudium nach Braunschweig auf. Dort lernt sie auch Hilmar Kurth kennen. Von ihm muss sie, nach 64 Ehejahren, mit seinem Tod im Juni 2019 Abschied nehmen. Da liegt hinter dem Paar ein reiches, ein erfülltes Leben, gesegnet mit zwei Töchtern, sieben Enkeln und zehn Urenkeln. Eine große Bilderwand im Wohnhaus von Eva Kurth zeugt von vielen Stationen im Leben des Paares, das beide gemeinsam als Lehrkräfte ins Sulinger Land beordert. Zunächst nach Mellinghausen, dann, 1959, nach Sulingen.

Eva Kurth strebt nicht nach Posten und Ämtern – und doch hat sie letztlich beides. Das mag daran liegen, dass sie immer im Verbund gearbeitet hat, nie allein. Damals hieß das „Gemeinschaft“, heute als Teamwork bezeichnet. Eva Kurth knüpft zeitlebens Kontakte (heute „Networking“ genannt). Das Netz lässt Eva Kurth mit jedem Tag, mit jedem Kontakt wachsen, Ziel: das Leben in Sulingen aktiv mitzugestalten. Das Netz ist nie als eigenes Sprungbrett gedacht, dennoch wird sie zwei Mal aufgrund ihres großen Engagements zum Bürgerfest des Bundespräsidenten eingeladen. Dennoch erhält sie, aufgrund des ehrenamtlichen Wirkens, im Jahr 2002 das Bundesverdienstkreuz.

Für Eva Kurth ist ihr Wirken orientiert am Schicksal anderer, mit besonderem Blick für Senioren und Behinderte. Ihr Lebensinhalt sei gewesen, die Welt jeden Tag ein bisschen besser zu machen – im direkten Umfeld und darüber hinaus, heißt es seitens der Familie. Die ist tieftraurig, weil ihr geliebtes Oberhaupt, mit dem man eben noch im großen Kreis Weihnachten gefeiert hatte, nun nicht mehr ist.

Wie keine Zweite hat Eva Kurth im Sulinger Land jenes Netzwerk gesponnen, für die Themen, die ihr am Herzen lagen, immer Partner gesucht. Für Projekte Unterstützer, Sponsoren und Förderer gefunden. Wer sich täuschen ließ von der fragilen Silhouette von Eva Kurth bekam den scharfen Verstand mit jenem ihr eigenen Lächeln serviert. Eva Kurth ließ bei Themen, die ihr wichtig waren, nicht locker – erst recht nicht, wenn es sich um sogenannte Tabu-Themen handelte.

In den 1970er Jahren nicht, als sie, zusammen mit Ehemann Hilmar, die Geschichte der Sulinger Juden erforschte, aufschrieb, Kontakte zu ehemaligen jüdischen Mitbürgern in Sulingen in aller Welt knüpfte und gegen das Vergessen anarbeitete, zuletzt 2007 als Initiatorin der Sulinger „Stolpersteine“. Sie blieb hartnäckig am Ball 1989 als Mitbegründerin des Vereins „Schattenwende“, dem Arbeitskreis gegen sexuellen Missbrauch, der sich 2015 auflöste, bis dahin aber das „Sorgentelefon“ schaltete, dessen Nummer viele Hilfesuchende wählten.

Mit der Pensionierung 1995 ergab sich neue Freizeit, die sie wiederum für andere einsetzte: Als Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt in Sulingen ist sie seit 1996 bei einem Verein, der Solidarität, Menschlichkeit und soziale Verantwortung zu seinen Zielen zählt. Also genau das, was Eva Kurth immer schon gelebt hatte. Der AWO-Bundesverband ehrt diesen unermüdlichen Einsatz im September 2021 mit der selten vergebenen eigenen Verdienstmedaille für Eva Kurth.

Der Senioren- und Behindertenbeirat der Stadt Sulingen, 2001 gegründet, muss sich nun eine neue Sprecherin suchen. Einen anderen Kümmerer, der für jeden ein offenes Ohr hat. Ob Nachbarschaftshilfe oder, das letzte große Projekt, die Selbsthilfegruppe für Angehörige von Menschen mit Demenz, der sie im April 2019 auf die Beine half: Mit Eva Kurth ist die „Grande Dame des Ehrenamtes“ im Mittelzentrum verstummt.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Einbruch: 90-Jährige schläft während der Tat vor dem Fernseher

Einbruch: 90-Jährige schläft während der Tat vor dem Fernseher

Einbruch: 90-Jährige schläft während der Tat vor dem Fernseher
Freie Wähler Sulingen: Vorzug für Familien und Engagierte?

Freie Wähler Sulingen: Vorzug für Familien und Engagierte?

Freie Wähler Sulingen: Vorzug für Familien und Engagierte?
Drei Schließungen in der Diepholzer Innenstadt

Drei Schließungen in der Diepholzer Innenstadt

Drei Schließungen in der Diepholzer Innenstadt
Bruchhausen-Vilsen plant voller Zuversicht das Kreiszeltlager der Jugendfeuerwehren

Bruchhausen-Vilsen plant voller Zuversicht das Kreiszeltlager der Jugendfeuerwehren

Bruchhausen-Vilsen plant voller Zuversicht das Kreiszeltlager der Jugendfeuerwehren

Kommentare