Tourneetheater Thespiskarren liefert Meisterwerk der Schauspielkunst

Ziemlich klasse Vorstellung

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Timothy Peach (l., als Philippe) und Felix Frenken (als Pfleger Driss) werden am Ende zu guten Freunden.

Sulingen - Im Jahr 1993 heuerte der querschnittsgelähmte Adlige Philippe Pozzo di Borgo (42), bis zu seinem Paragliding-Unfall Geschäftsführer der Champagnergesellschaft Pommery, einen Kleinkriminellen algerischer Abstammung als Pfleger an. Die ungleichen Männer werden „ziemlich beste Freunde“.

Ihre Geschichte bot Stoff für literarische und filmische Dokumentationen, Éric Toledano und Olivier Nakache brachten sie auf die Kinoleinwand – ihr Film war in der Saison 2011 ein absoluter Überraschungserfolg. Das Tourneetheater Thespiskarren wagte sich mit der Bühnenfassung von Gunnar Dreßler über eine hohe Hürde, zumal das Gros der Theaterbesucher die Kinoversion kannte. Und das Stück daran maß.

Um es vorwegzunehmen: Unter der Regie von Gerhard Hess, der die Story liebevoll, feinfühlig und ohne falsche Sentimentalität inszenierte, entstand ein Meisterwerk der Schauspielkunst.

Die Protagonisten Timothy Peach (Philippe) und Felix Frenken (Pfleger Driss) gaben der Geschichte einen ebenso beklemmenden wie heiteren Anstrich – das wahre Leben lässt grüßen.

Philippe hadert mit seinem Schicksal. Angesichts seiner Situation („vom Hals bis zu den Zehen spüre ich nichts“) und dem scheinheiligen Mitleidgehabe seiner Umwelt verfällt er in Depressionen. Keiner seiner Pfleger hält es lange bei ihm aus.

Da taucht Driss auf, der eigentlich nur eine „Absage fürs Amt“ von ihm haben möchte, dann aber bleibt. Mit seiner unkonventionellen Art gibt er Philippe neuen Lebensmut. Philippe schlägt Warnungen, dass „Jungs aus der Vorstadt“ kein Mitleid kennen, in den Wind: „Das ist es doch, was ich will. Woher er kommt, was er gemacht hat, ist egal. Ich habe in meinem Zustand nur Zeit für das Wesentliche...“.

Trotz der Tragik der Geschichte wird Humor großgeschrieben: Köstlich war etwa die Diskussion von Philippe und Driss über Musik. Driss kennt die Lieblingskomponisten seines Arbeitgebers allenfalls von der Telefonwarteschleife des Pariser Arbeitsamts (Vivaldis „Vier Jahreszeiten“) oder aus dem Zeichentrickfilm „Tom and Jerry“ („Hummelflug“ von Nikolai Rimski-Korsakow), bringt ihn aber schließlich zum rhythmischen Kopfnicken zu „Earth, Wind and Fire“, während er selbst mit der Hausangestellten Magalie (Sara Spennemann) eine spektakuläre Tanzeinlage gibt.

Vor einem schlichten Bühnenbild (Ausstattung: Cornelia Brey), das mit wenigen Requisiten auskommt, zeichnet das Ensemble den Weg der ungleichen Männer schnörkellos nach. Diese werden am Ende zu guten Freunden, die sich auf Augenhöhe begegnen – auf der Bühne, aber auch im „richtigen“ Leben.

Die Bühnenfassung muss den Vergleich mit der bunten Kinowelt nicht scheuen. Nicht nur in der Gunst des Sulinger Publikums rangiert die Inszenierung ganz weit oben: Am Tag der nahezu ausverkauften Aufführung im Stadttheater hatte die Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen (INTHEGA) das Tourneetheater Thespiskarren für ihr Stück „Ziemlich beste Freunde“ mit dem ersten Preis („Neuberin 2015“) ausgezeichnet.

mks

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