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Team des „Sulingen Projekts“ stellt Mordfall Wiegmann nach

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Von: Martina Kurth-Schumacher

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Schlüsselszene am Tresen: Zwei Polizisten greifen in die Auseinandersetzung im Hotel „Zur Börse“ (hier „gespielt“ vom Gasthaus Kastens) ein.
Schlüsselszene am Tresen: Zwei Polizisten greifen in die Auseinandersetzung im Hotel „Zur Börse“ (hier „gespielt“ vom Gasthaus Kastens) ein. © Werner Focke

Schmalförden/Sulingen – „Eine Sprechrolle ist fies“, offenbarte Harald Soboll schmunzelnd. Er hatte beim Dreh über eine Sulinger Stadtratssitzung (1933) Nazibürgermeister Fritz Schmeling verkörpert. Jetzt stand er in einer Szene aus dem Jahr 1931 erneut vor der Kamera, allerdings als schweigender Genießer – Bier trinkend und „dicke Zigarren“ rauchend.

Das Team des „Sulingen Projekts“ arbeitet seit 2016 an einer Filmdokumentation über 1000 Jahre Stadtgeschichte: Der „Wiegmann-Dreh“ ist eines der letzten Teile des Puzzles aus Anekdoten, Spielszenen, Interviews mit Zeitzeugen, historischen Fotos und Filmen, Luftaufnahmen und 3-D-Animationen, das das Leben in der Sulestadt illustrieren soll. Schauplatz der Dreharbeiten am Samstagabend war zum zweiten Mal das Gasthaus Kastens in Schmalförden. „Die Kneipe ist so schön rustikal, das erleichtert uns die Arbeit. Wir müssen nur die elektrischen Lampen hochhängen und die Schalter verdecken. Das passt“, sagte Werner Focke.

Kleine Geschichten schreiben Geschichte – auch der Zwischenfall im Hotel „Zur Börse“: Automechaniker August Wiegmann kehrte hier ein, um ein Bier zu trinken. Der große und kräftige Mann war, ebenso wie seine neun Brüder, dafür bekannt, keiner „Keilerei“ aus dem Weg zu gehen. Er geriet in einen Streit mit anderen Kneipenbesuchern, sodass zwei Ordnungshüter eingreifen mussten. Wiegmann wurde kurz darauf vor dem Lokal erschossen, Begleitumstände: unbekannt.

Werner Focke und Filmemacher Martin Hermann übernahmen das Briefing der elf Statisten. Wichtiger Hinweis an die Akteure: „Der direkte Blick in die Kamera ist tabu. Und bitte überzieht nicht, wenn ihr Betrunkene spielt – das kann nach hinten losgehen.“ Timo Sudmann hatte in der Rolle des August Wiegmann den wohl schwierigsten Part.

Bei Dreh-Vorbereitungen: Werner Focke, Martin Hermann und Uwe Kordes (von links).
Bei Dreh-Vorbereitungen: Werner Focke, Martin Hermann und Uwe Kordes (von links). © Kurth-Schumacher

Nach vier Stunden war die Szene zur Zufriedenheit der Filmemacher „im Kasten“. Erfahrung, Routine, Professionalität und Improvisationsfreude sorgten – trotz coronabedingter Einschränkungen und der Erkrankung einiger Crew-Mitglieder – für einen reibungslosen Ablauf. Liebe zum Detail war Programm, originalgetreu waren nicht nur die von der „Theaterkunst Berlin“ ausgeliehenen Polizeiuniformen. Wert hatten die Filmemacher auf eine authentische Besetzung gelegt und daher etwa Markus Liebs (Dr. Golm) und Harri Soboll (Bürgermeister Schmeling), Statisten aus anderen Vorkriegsszenen, erneut angefragt.

Spaß mache die Arbeit an dem Projekt immer noch, dennoch sei er froh, dass nach sechs Jahren langsam ein Ende abzusehen ist, unterstrich Werner Focke. Bis zum Sommer werden die letzten Drehs erfolgen, die Filmpremiere ist für Frühjahr 2023 geplant.

Walter (Walli) Wiegmann freut sich, dass die Geschichte seines Großvaters, dessen Schicksal einst die Gemüter in der Sulestadt bewegt hatte, in die Dokumentation einfließt. Frank Wenker und Kerstin Melloh-Kordes („Sulingen Projekt“) hatten ihn auf diese Anekdote angesprochen, konnten ihn auch für ein Interview gewinnen. „Ich kenne die Geschichte aus Erzählungen meiner Oma. Der Fall kam damals vor das Landgericht Verden: Meine Oma erhielt von der Stadt Sulingen, Arbeitgeber der Polizei, 15 250 Reichsmark. Viele waren geschockt, dass sie dem Vergleich zugestimmt hat.“

Eigentlich hatte „Walli“ Wiegmann nur als Zaungast an den Dreharbeiten teilnehmen wollen. Unversehens fand er sich am Kneipentisch wieder – ebenfalls dicke Zigarren rauchend. Freizeit-Kneipier Olaf Schmidt (Gasthaus Kastens) hatte seinen Einsatz vor der Kamera auch nicht geplant, aber die Crew war sich einig: „Keiner kann den Wirt glaubwürdiger spielen als du.“

Freizeit-Kneipier Olaf Schmidt (links) hatte seinen Einsatz vor der Kamera nicht geplant.
Freizeit-Kneipier Olaf Schmidt (links) hatte seinen Einsatz vor der Kamera nicht geplant. © Christine Nordenholz

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