Bewusst und transparent einkaufen

„Tatschis Kartoffeln“ in Groß Lessen: Gutes kommt hier direkt vom Hof

Drei Menschen stehen vor einem Traktor und zeigen Gemüse in die Kamera.
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Auf die Direktvermarktung ihrer Produkte setzen seit 2015 Daniel, Sabrina und Nico Tatgenhorst (von links).

Groß Lessen – Angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten für viele landwirtschaftlichen Betriebe fällt immer wieder das Stichwort Direktvermarktung. Doch was genau lässt sich darunter verstehen, und können die Betriebe davon leben?

In einem Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung äußerte kürzlich Holger Hennies, Vorsitzender des Landvolks Niedersachsen, dass der Boom für die Direktvermarktung schon wieder vorbei sei. Dem widerspricht Sabrina Tatgenhorst: „Direktvermarktung ist der richtige Weg für uns.“ Die Familie kaufte 2002 einen Hof im Sulinger Ortsteil Groß Lessen, meldete dafür 2015 wieder die landwirtschaftliche Produktion an. Ihr Mann Nico sei auf einem Bauernhof aufgewachsen, habe später im Kartoffelanbau gearbeitet – und der stehe nun im Vordergrund. „Die ersten Vermarktungsversuche haben wir hier auf dem Hof unternommen, mit einem SB-Stand, aber wir waren nicht bekannt genug“, berichtet Sabrina Tatgenhorst.

Das habe sich geändert, als sich 2017 die Gelegenheit ergab, einen Wochenmarktstand in Syke zu übernehmen. „Das ist ein schönes Flair auf dem Wochenmarkt“, erzählt sie. Es habe ihnen so gut gefallen, dass inzwischen unter dem Namen „Tatschis Kartoffeln“ Stände auf weiteren Märkten hinzukamen. „Diepholz und Syke sind für uns die Hauptmärkte, aber auch in Sulingen sind wir nun angekommen“, ergänzt Nico Tatgenhorst. Wagenfeld, Lemförde, Dinklage und Lohne sind die weiteren Standorte, an denen die Familie zwischen Mittwoch und Samstag vertreten ist. Es sei nicht einfach gewesen: „Für den Wochenmarkt braucht man einen langen Atem und darf nicht gleich aufgeben.“

Kunden interessieren sich für Herkunft der Waren

In den Gesprächen mit Marktkunden hätten sie gemerkt, wie interessiert diese daran sind, zu erfahren, wo die Lebensmittel herkommen. Daraus sei der Gedanke entstanden, die eigene Produktpalette zu erweitern: zunächst mit dem Anbau von Salaten, auch alte Sorten, die es im Supermarkt nicht zu kaufen gebe, dann mit Kohlrabi, Kohl, Radieschen sowie, im Tunnelanbau, auch Tomaten, Gurken und, erstmals im vergangenen Jahr, Erdbeeren. Von den eigenen Flächen dienten knapp zwölf Hektar dem Kartoffel-, etwas mehr als zwei Hektar dem Gemüseanbau – der Anteil sei gestiegen. Es seien keine zertifizierten Bioprodukte, weil die dafür erforderliche Umstellung die Produktion samt Schälservice für die Gastronomie erschweren würde. Aber es sei alles unbehandelt und nur organischer Dünger komme zum Einsatz, versichert Sabrina Tatgenhorst.

Als coronabedingt viele Menschen im Homeoffice waren, seien mehr Kunden zu den Wochenmärkten gekommen, „da konnten wir uns beweisen.“ Daraus sei dann die Idee der Gemüsekisten entstanden, um auch die Kunden beliefern zu können, die nach der Rückkehr an ihren Arbeitsplatz nicht mehr auf den Wochenmärkten einkaufen konnten. Dafür können Interessierte auf der Internetseite des Hofs (www.tatschis-kartoffeln.de) entweder eine „Überraschungskiste“ ordern (drei Viertel Gemüse, ein Viertel Obst) oder sich den Inhalt der Kiste aus dem Produktsortiment zusammenstellen. Geliefert wird einmal pro Woche zwischen Syke und Stemshorn. „Wir können kontaktlos liefern, weil wir die Kiste vor der Tür abstellen, und damit haben wir uns einen guten Kundenstamm aufgebaut“, berichtet Sabrina Tatgenhorst. Wie schon für den Wochenmarkt, werde zugekauft, was nicht aus eigenem Anbau stammt – nach Möglichkeit regional, um damit andere kleinere Landwirte zu unterstützen, „und das kommt sehr gut an.“ Online sei das Sortiment noch größer, umfasse auch Artikel von Wochenmarktkollegen.

Höhere Wertschätzung für Lebensmittel

Über die Direktvermarktung gebe es eine höhere Wertschätzung für die Lebensmittel, hat Nico Tatgenhorst beobachtet: „Die Leute gehen doch auf den Wochenmarkt, weil sie bewusst einkaufen.“ Der Preis sei zwar etwas höher als bei konventionellen Produkten, aber niedriger als für Bioware. Das Aussehen spiele kaum eine Rolle: „Je krummer die Gurke, desto besser.“

Dieser Weg sei jedoch mit viel Arbeit verbunden für Anbau, Ernte und Verkauf der Lebensmittel. So umfasst der Betrieb inzwischen, inklusive des Ehepaars und Sohn Daniel, sieben Mitarbeiter. Sabrina Tatgenhorst verrät: „Wir planen einen eigenen Hofladen, eventuell mit Café.“

Landwirte und Verbraucher in Kontakt

Für Stefan Meyer, Pressereferent Agrarpolitik des Landvolk-Kreisverbandes Diepholz, ist das Thema nicht neu: „Die ,Kartoffelkiste‘ gibt es ja schon lange“, sagt er, und die Zahl der Anbieter wachse. Zu den Pionieren zähle der Hof Bönsch in Sulingen-Stadt mit dem „Sulinger Freiland-Ei“, auch der Hof Tegge in Klein Lessen sei ein gutes Beispiel mit seiner Milchtankstelle, wo die Kühe direkt dahinter stünden. Das sei auch wichtig für die Öffentlichkeitsarbeit der Landwirtschaft, denn „die Leute kommen auf die Höfe, können mit den Landwirten ins Gespräch kommen und direkt ihre Fragen stellen.“ Das sei eine ganz andere Transparenz – und oft der Anstoß für die Betriebe, ihren Hof auch digital zu präsentieren, etwa auf Instagram. Zudem würden sie sich weiter vernetzen und ihr Angebot breiter aufstellen. Auf dem Hof Tegge gebe es beispielsweise nicht nur die eigene Milch, sondern auch Kartoffeln aus Stocksdorf. „Peters Hofladen“ in Sulingen, mitten in der Stadt gelegen, sei für viele Höfe eine zusätzliche Vertriebsmöglichkeit.

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Die Direktvermarktung werde mit Leidenschaft betrieben, aber: „Es ist für die einzelnen Betriebe und auch insgesamt eine Nische, und das wird es auch bleiben“, stellt Stefan Meyer fest. Man dürfe sich keinen Illusionen hingeben – der Großteil der Erzeugung werde weiterhin für die Großabnehmer geschehen. Das werde etwa deutlich am Beispiel der Milchtankstellen: Die Milcherzeuger hätten eine sogenannte Andienpflicht, müssten also all ihre Milch ihrer Vertragsmolkerei zur Verfügung stellen, während im Gegenzug die Molkereien eine Abnehmpflicht hätten. Für die Milchtankstellen sei daher eine Kulanzregelung gefunden worden, was zeige, dass es nur um relativ geringe Mengen gehe.

Direktvermarktung als zusätzliches Standbein

Ein Nachteil sei oft die „Kasse des Vertrauens“, weil nicht alle Kunden auch alle Einkäufe vollständig bezahlten. Sehr traurig sei zudem, wenn Verkaufsautomaten unter Diebstählen und Vandalismus leiden, wie in Sulingen, wo vor Jahren solch ein Projekt vor dem E-Center scheiterte.

Die Bezirksstelle Nienburg der Landwirtschaftskammer Niedersachsen bereite gerade die Gründung eines „Netzwerks Direktvermarktung Diepholz / Nienburg“ vor, um Direktvermarkter und Erzeuger zu unterstützen – die Auftaktveranstaltung sei geplant für den 1. Februar.

Grundsätzlich ist Stefan Meyer überzeugt: „Die Direktvermarktung ist ein weiteres Standbein, aber sie kann nicht für alle die Lösung sein.“

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