Kritik an Freigabe von Online-Glücksspiel

Expertin Leonie Rathmann warnt: „Das Angebot schafft Nachfrage“

Eine Frau hält eine Spardose in Form eines Glücksspielautomaten in die Kamera.
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Ein Glücksspielautomat dient Leonie Rathmann in der Fachstelle Sucht und Suchtprävention in Sulingen nur als Spardose.

Sulingen / Diepholz – Am 1. Juli tritt der die neue Fassung des Glücksspielstaatsvertrags in Kraft. Für Leonie Rathmann, Sozialarbeiterin der Fachstelle Sucht und Suchtprävention in Sulingen, ist das kein Grund zur Freude: „Wir sehen die Änderungen sehr kritisch“, sagt sie.

Die wichtigste Neuerung: Künftig sind Online-Glücksspielangebote in ganz Deutschland und nicht länger nur in Schleswig-Holstein erlaubt. Waren bisher lediglich Sportwetten legal, sind es künftig auch virtuelle Casinos, Pokerrunden und Glücksspielautomaten. Für die Expertin der vom Diakonischen Werk Diepholz-Syke-Hoya betriebenen Fachstelle ist damit auch eine erhöhte Suchtgefahr verbunden, denn „das Angebot schafft Nachfrage.“ Online-Glücksspiel sei überall verfügbar, auch mit dem Smartphone, und besonders in Zeiten von Corona sei das wesentlich gefährlicher als die Angebote in Spielhallen oder Gaststätten.

Begründet werde die Legalisierung damit, dass der „natürliche Glücksspieltrieb kanalisiert“ werden solle, doch das zieht Rathmann in Zweifel: Dem Forschungsbericht „Glücksspielverhalten und Glücksspielsucht in Deutschland“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge hätten im Jahr 2019 insgesamt 37,7 Prozent der Bundesbürger innerhalb von zwölf Monaten wenigstens einmal an einem Glücksspiel teilgenommen. Den größten Anteil dabei hätten Lotterien gehabt, mit 32,5 Prozent, während der Anteil von Online-Casinos bei nur 0,7 Prozent gelegen habe. „Deswegen ist fraglich, ob es wirklich einen ,natürlichen Glücksspieltrieb‘ gibt, der damit kanalisiert werden soll.“

Neue Schutzmaßnahmen für Gefährdete

Eingeführt werden mit der Neufassung auch erweiterte Schutzmaßnahmen für die Nutzer. Es gebe nun ein anbieterübergreifendes Einzahlungslimit von 1 000 Euro pro Monat. Allerdings sei dieses Limit nicht sonderlich hilfreich: „Ich kenne nicht so viele Hobbys, die 1 000 Euro im Monat kosten.“

Außerdem soll es eine automatische Spielsucht-Früherkennung geben, auf Basis von Algorithmen. Deren Zuverlässigkeit bezweifelt Rathmann aber: „Typische Suchtmerkmale wie Realitätsflucht oder Verheimlichungsverhalten kann die Software kaum erkennen.“

Systemübergreifende Selbstsperre möglich

Als sehr positiv bewertet die Sozialarbeiterin jedoch die Möglichkeit einer systemübergreifenden Sperre, die sowohl für Online-Angebote als auch für reale Spielstätten gilt. Diese Sperre gelte mindestens ein Jahr, könne aber auf eine Dauer von wenigstens drei Monaten verkürzt werden. Sie müsse ausdrücklich gekündigt werden, sonst laufe sie weiter. Schon jetzt gebe es die Möglichkeit einer Fremdsperre durch die Mitarbeiter eine Spielhalle, aber das Personal müsse dafür noch besser geschult werden.

Für die Einhaltung der Maßnahmen werde die „gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder“ mit Sitz in Sachsen-Anhalt als neue bundesweite Kontroll- und Aufsichtsstelle eingerichtet. Ihre Tätigkeit solle sie in vollem Umfang jedoch erst zum 1. Januar 2022 aufnehmen.

Schutzmaßnahmen sind nur ein Anfang

„Wir sind froh, dass es bei den Schutzmaßnahmen einen Anfang gibt“, stellt Leonie Rathmann fest, „aber wir sind nicht sicher, dass es funktioniert. Wird beispielsweise zukünftig jeder Gastwirt den Ausweis kontrollieren, bevor ein Gast am Automaten spielt?“

Verlagert sich das Glücksspiel stärker auf virtuelle Angebote, werde es auch schwieriger, Gefährdete mit Hilfsangeboten wie denen der Fachstelle zu erreichen, befürchtet Rathmann. „Häufig kommen sie zu uns, weil sie von Angehörigen darauf gestoßen werden. Wenn sie aber online spielen, ist eine Gefahr für andere schwerer zu erkennen.“

Vier Themenabende im August

Daher biete die Einrichtung im August an vier Donnerstagen, jeweils von 17.30 bis 18.30 Uhr, Themenabende an, um dafür zu sensibilisieren. „Sie richten sich aber nicht nur an Betroffene und Angehörige, sondern sind für alle interessierten offen.“ Die Themen im Einzelnen: 5. August, „Spielerschutzmaßnahmen – Wie hilfreich sind Sperrsysteme und Einzahlungslimits?“; 12. August, „Online-Glücksspiele – Gefahren und Risiken bei Computerspielen“; 19. August, „Warnzeichen – Wann wird Spielen zur Sucht?“; 26. August: „Ausstieg aus dem Glücksspiel und wie Apps dabei unterstützen können“. Die Zahl der Teilnehmer ist jeweils auf zehn Personen begrenzt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, allerdings sollte ein negativer Corona-Test vorgewiesen werden. Die Fachstelle bietet an den Abenden auch eine Testmöglichkeit vor Ort an, wofür jedoch ein rechtzeitiges Erscheinen notwendig ist. Bei Fragen ist Leonie Rathmann unter Tel. 0 42 71 / 14 00 sowie per E-Mail (Leonie.Rathmann@evlka.de) zu erreichen.

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