New York nach dem Anschlag

Sulinger Knut Teske erinnert sich an 9/11

Ein Gemälde mit einer Ansicht von New York hat Knut Teske in seinem Wintergarten in Sulingen.
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Ein Gemälde mit einer Ansicht von New York hat Knut Teske in seinem Wintergarten in Sulingen.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 sind vielen Menschen im Gedächtnis geblieben: Fast 3 000 Menschen kamen ums Leben, als al-Qaida-Attentäter zwei entführte Flugzeuge in die beiden Haupttürme des World Trade Center (WTC) in New York und eines in das Pentagon steuerten; ein viertes Flugzeug brachten die Passagiere zum Absturz, bevor es sein Ziel erreichen konnte. Einen besonderen Blick auf die Ereignisse hat Knut Teske: Der Sulinger, damals Chefreporter der Tageszeitung „Die Welt“, war, wie er sagt, der erste Journalist, der nach den Anschlägen nach New York reiste.

Sulingen – „Ich bin ein großer Fan von New York, mein Leben lang schon“, sagt der 79-Jährige, „es ist heute noch die Stadt meines Lebens.“ Erst eine Woche vor den Anschlägen habe er sie privat mit seiner Tochter besucht, und beide seien auch auf der Aussichtsplattform des WTC gewesen. Am Tag des Anschlags sei er gerade von einer schweren Kieferoperation zurückgekommen mit „irren Schmerzen“ und habe sich zuhause in Berlin hinlegen wollen, als seine Sekretärin angerufen und ihn aufgefordert habe, den Fernseher anzuschalten. „Ich fragte: ,Welcher Kanal?’ und sie sagte: ,Egal.’“

Knut Teske fährt sofort zum Flughafen

Er habe gesehen, wie die zweite Maschine in den Südturm geflogen sei, und habe seine Sekretärin aufgefordert, sofort Tickets nach New York zu besorgen. Seine Zahnschmerzen habe er vergessen und sei mit dem Koffer, den er immer parat gehabt habe, zum Flughafen gefahren. Während der Taxifahrt sei im Radio zu hören gewesen, wie der erste Turm zusammenbrach – „da dachte ich: Scheiße, du bist zu spät.“ Er sei aber letztlich zu früh gewesen, denn es sei keine Maschine geflogen.

Das war der Punkt, den ich sehen wollte: Die Stadt flimmerte unter uns, und dann war da ein gigantisches schwarzes Loch.

Knut Teske

Erst zwei Tage später habe er einen Flug bekommen von Frankfurt aus. Direkt nach New York habe er nicht fliegen wollen, weil ihm klar gewesen sei, dass er dann auf dem John F. Kennedy Airport ankommen würde. „Ich wollte nach LaGuardia, um über die Stadt zu fliegen.“ Er sei dann nach Washington geflogen, weil er damit eine bessere Chance hatte mitzukommen und die Route über New York führte. „Das war der Punkt, den ich sehen wollte: Die Stadt flimmerte unter uns, und dann war da ein gigantisches schwarzes Loch.“

Über New York: Teske berichtet von Todenstille im Flugzeug

Die Maschine sei in Washington angekommen, wo das Pentagon zerstört worden war, aber er habe weiter nach New York gewollt. Er sei gerne Reporter gewesen, aber da habe er zum ersten Mal in seinem Leben gedacht „Musst du jetzt fliegen?“, denn er habe ja auch mit dem Zug fahren können.

Im Wartesaal des Flughafens seien ständig die Bilder der Anschläge auf den Fernsehern gelaufen, und alle andere Passagiere seien ebenfalls nervös gewesen – „da saß einer und las die Zeitung verkehrt herum und hat das gar nicht mitbekommen.“

Über New York habe Totenstille in der Maschine geherrscht, die ohnehin nur halb voll gewesen sei. „Wir sind aus dem Flughafen gekommen, und die Stadt stand still.“ In den 72 Stunden nach den Anschlägen hätte sich der Stau in New York noch nicht aufgelöst gehabt: Frauen hätten in den Wagen Kinder bekommen, berittene Polizei und Ärzte zu Pferd hätten versucht zu helfen.

Massen strömen nach Entfernung der Sperren zum Anschlagsort

Untergebracht in einem kleinen Hotel habe er sich ein Fahrrad gemietet und sei zum Anschlagsort gefahren, wo er dank seines Journalistenausweises die Sperren habe passieren können. „Dieser Müllhaufen da, das war unbeschreiblich – in einer Breite von 500 Metern war er höher als der Kölner Dom.“

Dieser Müllhaufen da, das war unbeschreiblich – in einer Breite von 500 Metern war er höher als der Kölner Dom.

Knut Teske

In den nächsten Tagen seien die Laster gefahren und hätten den Schutt weggebracht: „Bei jedem Schrottlaster stand eine Million Menschen da und hat geklatscht.“ Nach vier oder fünf Tagen seien die Sperren entfernt worden, und die Massen wären dorthin geströmt. „Man kam um eine Ecke und sah den ganzen Schutt: Alle schalteten ihre Kofferradios aus, die Frauen fingen an zu weinen, und die Männer wussten nicht, wie sie ihnen helfen sollten.“ Und zu der Zeit habe die grüne Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler gesagt, sie sei froh, dass die „Phallus-Türme des Turbokapitalismus gestürzt worden seien“.

Durchschnittsalter der Opfer liegt bei 34 Jahren

„Die deutschen Kollegen, die nicht da waren, haben überhaupt nicht begriffen, was los war“, ist sich Teske sicher. An einem Tag sei er nach Ellis Island gefahren, um einen Blick auf das Ganze zu haben. „Da habe ich genau das gleiche erlebt: Alle standen hinten am Heck, dem Ufer zugewandt, und als diese Leere da war, aus der immer noch Rauch aufstieg, sah es aus wie das riesige Gebiss eines Eishockeyspielers, der die Vorderzähne verloren hat. Es war Stille, die Frauen fingen an zu weinen, und bei den Männern traten die Kaumuskeln vor Zorn hervor.“

Jeden Tag sei er in eine Bar gegangen, und eines Tages habe ihn der Barkeeper auf einen Mann aufmerksam gemacht, der seit vier Tagen dort gewesen sei und immer in Richtung des Anschlagsorts gesehen habe, anstatt nach Hause zu gehen. „Der hatte im 63. Stock sein Büro und war an dem Tag nicht da – der ist verrückt geworden.“ An jeder Hausecke, an jeder Litfaßsäule habe man die Bilder gesehen von lachenden, jungen Leuten, alle zwischen 29 und 38, die vermisst wurden oder tot waren. Der Altersdurchschnitt der Menschen, die in den beiden Türmen arbeiteten, habe bei 34 Jahren gelegen. Über 300 Polizisten und Feuerwehrleute seien gestorben, als die Türme einstürzten.

Jedes Glockengeläut bei Beerdigungen bringt ganz New York zum Schweigen

„Dann begannen die Beerdigungen.“ Jedes Mal, wenn die Glocken geläutet hätten, habe die Stadt wieder still gestanden, die nach vier oder fünf Tagen wieder langsam zur Normalität übergegangen sei. Ungewöhnlich sei auch die Stimmung in der Stadt gewesen, aber nach zehn Tagen hätten die ungewöhnliche Höflichkeit und Herzlichkeit wieder nachgelassen.

Was nicht nachließ, waren die Eindrücke.

Knut Teske

„Was nicht nachließ, waren die Eindrücke“, blickt Teske zurück. In einer Seitenstraße hätten vor einer Kirche Tausende von Vögeln gelegen, die durch die Staubwolke nach dem Einsturz der Türme umgekommen seien. „Das sah unheimlich aus“, und die Uhr der Kirche, die zum Zeitpunkt des Einschlags des zweiten Flugzeugs stehen geblieben sei, habe er sich gemerkt. Auch sieben, acht, neun Tage später sei nicht der Wetterbericht im Radio wichtig gewesen, sondern der Verkehrsbericht: „Der dauerte zwei Stunden – welche Straßen immer noch gesperrt sind, welche Krankenhäuser geschlossen sind und in welche anderen Krankenhäuser man gehen müsste.“ Die Geschäfte hätten immer noch zu gehabt, während die Bars offen gewesen seien, wo er gerne einen Kaffee getrunken habe.

Bilder aus New York hat Knut Teske noch heute im Kopf

Als er sich ein Jahr später Fernsehaufnahmen angesehen habe vom Geschehen, habe ihn geschockt, zu sehen, wie viele Leute aus den brennenden Türmen gesprungen seien: „Das war die Wahl zwischen Skylla und Charybdis: Drinnen wären sie verbrannt unter Qualen, und so haben sie einen Todessturz gewählt, der aber auch an die 40 Sekunden gedauert hat.“ Diese Bilder sehe er nach wie vor, obwohl er nicht live dabei gewesen sei; Albträume habe er nie gehabt.

Morgens um 10 Uhr sei in Berlin immer Konferenz gewesen, weswegen er morgens um 2 Uhr aufgestanden sei, um seine Berichte zu schreiben. Er schreibe gerne, obwohl er sich manchmal damit schwertue, aber diese Texte hätten sich wie von selbst geschrieben. Gegen Viertel vor 3 Uhr sei er fertig gewesen, habe redigiert, um dann ab 4 Uhr wieder mit dem Rad in der Stadt unterwegs zu sein, schildert Teske.

Er sei sieben Jahre lang Kriegsreporter gewesen, und das mit großer Anteilnahme und höchstem Interesse, betont er, aber „das Thema überwältigt mich immer noch. Es war das Überwältigendste, was ich in meinem Leben gesehen habe.“

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