Einblicke in einen Drehtag

Sulingen-Projekt zur Nazi-Zeit: Wenn die Wucht des Hasses spürbar wird

„Einmarsch“ auf den Saal, um die historische Stadtratssitzung aus dem Jahr 1933 nachzustellen. Fotos: S. Wendt
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„Einmarsch“ auf den Saal, um die historische Stadtratssitzung aus dem Jahr 1933 nachzustellen. 

Wenn der Hass plötzlich greifbar wird und alle nur noch schockiert sind von der Wirkung der Szene, dann muss es sich um einen sehr bedrückenden Film handeln. Das Sulingen Projekt begibt sich in die Abgründe des Dritten Reichs und rekonstruiert das Leben des NS-Widerständlers Carl Prüter.

Sulingen - Als die Statisten in den Uniformen in den Saal stiefeln, sorgen die Absätze (teilweise mit Nägeln gespickt) auf dem Holzboden für ein Stakkato, das sofort aufhorchen lässt: Das Geräusch klingt bedrohlich – und dabei hat die Szene noch gar nicht angefangen. Sulingen 1933, die historische Stadtratssitzung, in der Carl Prüter, letzter aufrechter Sozialdemokrat, Rückgrat beweist und weder den Manierismen geschweige denn der Ideologie des Nationalsozialismus verfällt. Am Ende lautet die Abstimmung des Gremiums 10:1 – und Carl Prüter wird damit aus dem Stadtrat Sulingen verwiesen.

Das Sulingen Projekt nimmt mit auf eine Zeitreise durch zehn Jahrhunderte Sulinger Geschichte, aufgearbeitet in einem ganz besonderen Filmprojekt. Das Dritte Reich sollte nicht ausgespart bleiben, das war von Anfang an festgelegt.

Sulingen Projekt: Eine filmische Zeitreise bis hin zum Dritten Reich

Das Team des Sulingen Projekts hat auch diese Szene akribisch vorbereitet. Gut drei Wochen dauern die Vorbereitungen. An diesem Samstag ist das Landhaus Kasten der Treffpunkt. Technik und Maske sind professionell und versiert. Die Kostüme eine andere Sache: Uniformen nach NSDAP-Vorgabe wurden ausgeliehen bei „Theaterkunst“ in Berlin. Der Grund der Ausleihe wurde aus Berlin penibel nachgefragt, das Team vom Sulingen Projekt überprüft.

Wer Szenen dreht, in denen Statisten in diesen Kostümen agieren, wenn dazu noch entsprechende Wortwahl samt Armgruß zu hören und zu sehen sind: Das Ordnungsamt und die Polizei sind informiert über die Dreharbeiten, damit nicht falscher Alarm ausgelöst wird.

Cord Tinnemeyer als Carl Prüter.

Es ist allerdings echte Gänsehaut, die die Zuschauer befällt, als Harald Soboll, der den Bürgermeister Fritz Schmeling darstellt, die Szene spielt und eine flammende Rede hält. Eine Rede, die im Original aus der Sitzung von 1933 überliefert ist. Und die angesichts der aktuellen politischen Entwicklung der rechten Szene den Atem stocken lässt: Die Wortwahl ist dieselbe.

In der Vorbereitung auf diese Szene haben die Mitglieder des Sulingen Projekts alle Statisten eingewiesen: Heute herrscht Fotoverbot, wegen der Hakenkreuzembleme. Die Szene ist nach einem Originalfoto nachempfunden, die Nazi-Fahnen wurden selbst geschneidert. Frank Wenker erklärt allen Statisten die Situation, die zu dieser Stadtratssitzung führte, in der Carl Prüter ausgeschlossen wird. Thomas Baier, bereits Teil des „Apparatsspotts“-Teams und Dreharbeiten samt Maske und Kostümen gewöhnt, sagt: „Man fühlt sich anders.“ Mit Haarwichse hat er einen Seitenscheitel gezogen, wie die anderen Statisten. „Das erste Mal seit ich acht bin“, juxt er. Und das erste Mal seit Jahrzehnten ist er wohl auch rasiert. „Ich steh einfach schon anders“, kommentiert er, nachdem er die braune Uniform angezogen hat.

Am Abend folgt die letzte Szene, ein Fackelzug, den Martin Hermann (im Vordergrund), filmt.

Das Unwohlsein hat auch alle anderen Statisten erfasst, die die Nazi-Anhänger spielen sollen. Komparsen, die bereits bei anderen Szenen des Sulingen Projekts mitgemacht haben, haben für diese Szene abgesagt. Harald Soboll hat sich mit seiner Ehefrau besprochen, ob er die Rolle annehmen soll. Und auch er bestätigt: Die Kulisse, die anderen Darsteller – alles ergibt plötzlich eine Atmosphäre, in der er den Ton findet, die Rede so zu halten, wie sie Schmeling vielleicht auch gehalten hat. Bestandteil der Szene ist, dass die Statisten, die Rat und Zuschauer spielen, am Ende aufspringen und „Heil“ rufen, samt ausgestrecktem rechten Arm.

Schon beim ersten Durchgang verändert sich die Atmosphäre. Ein kollektives „Oh mein Gott“, erklingt, weil die Wucht des Hasses, der Carl Prüter entgegen geschlagen haben muss, spürbar wird. Die Wucht des Hasses, die Ralf Stege (auch er als Laiendarsteller aus „Apparatspott-Zeiten“ bekannt) bei jeder Wiederholung der Szene intensiviert. Er spielt den Bürgervorsteher Heinrich Feltgen, der den Antrag stellt, Prüter aus dem Rat auszuschließen. Seine Darstellung macht sprachlos, Szenenapplaus.

Das historische Foto diente als Vorlage.

Der Drehtag endet mit Fackelträgern in Uniform, Drehort ist das Lüningsche Rittergut in Sulingen. Die Stiefel im Stechschritt auf dem Kopfsteinpflaster lassen erneut alle erschauern. Ein Drehtag, der nachhaltig beeindruckt.

Hintergrund: Wer war Carl Prüter?

Die Oberschule in Sulingen ist nach Carl Prüter benannt. Sein Lebensweg ist auf der Homepage der Schule geschildert. Hier ein Auszug: Carl Prüter wurde am 26. Juni 1888 in Hamburg geboren und wohnte seit 1923 in Sulingen. Er war Postschaffner und wurde 1908 Mitglied der SPD. 1924 rief er mit auf zur Gründung des Reichsbanners „Schwarz-Rot-Gold“ und damit gegen die Feinde der Weimarer Republik. 1925 fand die Fahnenweihe des Reichsbanners in Sulingen statt. Carl Prüter rettete die Fahne über die Nazi-Zeit hinweg. Im Jahr 1926 wurde Carl Prüter Vorsitzender des Sulinger SPD-Ortsvereins. Im Wahlkampf 1930 spricht er vor mehr als 200 Zuhörern.

Bei den Wahlen 1933 wurde Carl Prüter als einziger Sozialdemokrat ins Bürgerkollegium gewählt. Bei der ersten Sitzung wurde er auf Antrag des Bürgervorstehers Feltgen hin mit 10:1 Stimmen aus dem Rat ausgeschlossen – er hatte das „Heil“ auf Hitler und das Vaterland verweigert.

Prüter sprach sich öffentlich für die Belange der Juden aus, ihm wurde polizeiliche Haft angedroht, falls er weiter sein Amt im Bürgerkollegium ausübe. Prüter verlor seinen Arbeitsplatz, weil er sich weigerte, aus der SPD auszutreten. Als die SPD in Deutschland verboten wurde, kam Carl Prüter für mehrere Wochen in Schutzhaft. Bei dem am 20. Juni 1944 auf Hitler verübten Attentat galt er als „Verdächtiger“ und kam für sieben Wochen ins Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg.

Nach Kriegsende wurde Carl Prüter 1945 Mitglied im provisorischen Vorstand der SPD, im Januar 1946 Vorsitzender, wurde Mitglied des Stadtrates und war stellvertretender Bürgermeister. In den Kreistag kam er im Oktober 1946, er war stellvertretender Landrat. 1964 verzichtete er aus Altersgründen auf alle politischen Ämter. Am 9. Oktober 1965 verstarb Carl Prüter in Sulingen.

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