„Kino im Kopf“

„Stück und Hauptfigur sind erschreckend aktuell“: Dramaturgin und Schauspieler im Interview

Michelle Barthel, Schauspielerin, sie spielt am Sonntag die Jeanne d‘Arc.

Sulingen - Von Sylvia Wendt. Zum Thema „Mut“ wurde im Rahmen des Literaturfestes Niedersachsen 2019 für ein einziges Gastspiel (Sonntag, 8. September, um 17 Uhr, im Stadttheater Sulingen) eine szenische Lesung erarbeitet.

Zur szenischen Lesung und zum Thema antworten Dramaturgin Barbara Kantel, Hauptdarstellerin Michelle Barthel und Schauspieler Henning Nöhren.

Warum Johanna von Orléans (nach Friedrich Schiller)?

Susanne Mamzed (Intendantin Literaturfest Niedersachsen): Für mich ist Jeanne d’Arc die mutige Frau schlechthin. Sie steht für die absolute Hingabe an ein höheres Ziel, und das macht sie für mich auch so faszinierend. Die Geschichte vom Bauernmädchen, das in den Krieg zieht und die Stadt Orléans vor englischen Truppen verteidigt, wurde von so vielen Künstlern ausgedeutet. An Friedrich Schillers Version gefällt mir besonders, dass sie weniger Heiligenfigur als irdische Frau mit echten Gefühlen ist. Ich bin sehr gespannt, wie Michelle Barthel und die anderen Schauspieler das auf der Sulinger Bühne zum Leben erwecken!

Johanna von Orléans – eine bekannte Figur der Geschichte, jetzt auf der Bühne: Warum sollte der Zuschauer sich die szenische Lesung am 8. September in Sulingen nicht entgehen lassen?

Barbara Kantel: Die Jungfrau von Orléans ist eine der facettenreichsten und widersprüchlichsten Bühnencharaktere Schillers: Ist sie bloß eine naive Heranwachsende mit Wahnvorstellungen, die an ihren widerstreitenden Gefühlen zerbricht? Eine junge Frau, die selbstbewusst ihre selbstgestellte Aufgabe gegen alle Anfechtungen der mächtigen Männer verfolgt? Oder eine religiöse Fanatikerin, die den konsequenten Weg einer Märtyrerin geht? In Zeiten von modernen Glaubenskriegen und ideologischem Fanatismus erscheinen das Stück und seine Hauptfigur erschreckend aktuell.

Michelle Barthel: Die Geschichte der Johanna von Orléans ist aktueller denn je. Eine junge Frau, fast noch ein Kind, zieht in den Kampf, um die Feinde ihres Volkes in die Flucht zu schlagen und stellt sich dadurch ohne Angst und geführt von einer inneren Stimme einer größeren Macht, um ihr Volk zu befreien. Für mich ist Greta Thunberg die heutige Johanna von Orléans. Mutig und mit Hingabe beweisen uns beide, dass wir selbst die Veränderung sein müssen, die wir von der Welt erwarten.

Henning Nöhren: Lesungen sind wie Kino im Kopf, die Reduzierung auf den Text lässt der Phantasie Raum. Es sind tolle Schauspiel-Kolleginnen und -Kollegen dabei, die man in der Konstellation nicht so schnell wieder zusammen hört.

Literatur, Lesung, Theater: Was ist das Schönste am Live-Auftritt vor Publikum?

Barbara Kantel: Theater entsteht erst gemeinsam mit dem Publikum. Im Kopf jedes einzelnen Zuschauers ergibt sich aufgrund der individuellen Kontextualisierung ein ganz eigenes Theatererlebnis. Zu wissen, dass es den Zuschauern um mich herum ebenso geht, macht die besondere Theatererfahrung aus. Ich schätze, das ist bei einer Lesung ganz ähnlich.

Henning Nöhren: Zuschauer unterschätzen oft, wie groß ihr Einfluss auf das Gelingen eines Abends ist. Wenn du auf der Bühne stehst, hast du riesige Antennen, nimmst jedes Rascheln, jedes Räuspern war, du spürst, ob Resonanz entsteht oder nicht. Es braucht von beiden Seiten die Bereitschaft sich einzulassen, dann kann Neues und Einmaliges entstehen, das Besondere an der Live-Situation ist ja immer diese Gegenwärtigkeit, kein Abend gleicht dem anderen.

Michelle Barthel: Das Schönste an einem Live-Auftritt ist die direkte Resonanz des Publikums. Wenn man das Gefühl hat, dass das Publikum den Moment genauso sehr genießt und sich einfangen lässt von der Geschichte, die man erzählt. Für mich sind Lesungen sehr besonders, weil die Sprache und der Text im Vordergrund stehen und man dadurch spürt, wie mächtig Worte sein können.

Das Literaturfest in Niedersachsen hat in diesem Jahr Veranstaltungen unter das zentrale Thema Mut gestellt. Was ist für Sie mutig?

Michelle Barthel: Nelson Mandela hat mal gesagt: „Unsere tiefste Angst ist es nicht ungenügend zu sein, unsere tiefste Angst ist es, dass wir über alle Maßen kraftvoll sind.“ Für mich bedeutet mutig zu sein, sich trotz der eigenen Angst immer wieder in neue und ungewisse Situationen hineinzubegeben, um sich selbst neu zu erfahren und sich der Angst zu stellen.

Barbara Kantel: Mut ist die Fähigkeit, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Eine Fähigkeit, die heute mindestens so dringend gebraucht wird, wie zu Zeiten Immanuel Kants, von dem ich mir die Sentenz ausgeliehen habe.

Henning Nöhren: Bei Mut denke ich immer zuerst an Zivilcourage, an Menschen, die ihre Stimme erheben gegen Gewalt und Unrecht und sich damit selbst in Gefahr bringen. Aber es braucht nicht immer die große Geste. Ein Ja oder Nein im Kleinen können genauso viel Mut erfordern. Auch das Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit, der Bedürftigkeit, der eigenen Verletzlichkeit, sind für mich alles Zeichen von Mut.

Karten

Eintrittskarten sind erhältlich beim Kulturverein Sulingen (Rathaus), Tel. 0 42 71/14 40, in allen Geschäftsstellen der Mediengruppe Kreiszeitung sowie online.

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