Entschuldigungen kommen zu spät 

Sportpark-Feuer: Jugendstrafen mit Bewährung 

Sulingen - Von Carsten Schlotmann. Als Martin Thamm am Dienstag vor dem Jugendschöffengericht des Amtsgerichtes Sulingen die Erlebnisse der Nacht zum 13. Dezember 2015 im Sportpark der Stadt Sulingen schilderte, hätte man im Sitzungssaal eine Stecknadel auf den Boden fallen hören können.

Thamm selbst war den Tränen nah. Dass das Gericht unter Vorsitz von Richter Alexander Goette den heute 19-jährigen Luca S. aus Bremen und den 19-jährigen Marcel A. aus Diepholz zu Jugendstrafen und Sozialdiensten verurteilte, tröstete Thamm weniger. Auch nicht die Entschuldigung, die Marcel A. während der Verhandlung aussprach. Martin Thamms Tochter Joana: „Das kommt reichlich spät; zu spät.“

Zu einem Jahr und vier Monaten Jugendstrafe verurteilte das Gericht am Dienstag Luca S. und Marcel A. aus Diepholz zu einem Jahr und sechs Monaten. Den beiden Jugendlichen legten sie unter anderem zur Last, in der Nacht zum 13. Dezember 2015 im städtischen Sportpark in Sulingen ein Feuer in einem Kassenhaus am Sportfunktionsgebäude gelegt zu haben. 

Bewährung und Sozialdienst 

Die Flammen waren dann vom Kassenhaus auf das Hauptgebäude übergegriffen. Die Jugendstrafe wird für die Dauer von zwei Jahren auf Bewährung ausgesetzt. Neben ihr erlegte das Gericht den beiden 19-Jährigen jeweils 80 Stunden Sozialdienst auf, die sie binnen einer Frist von drei Monaten abzuleisten haben. Verantworten mussten sich Luca S. und Marcel A. Dienstag auch für die Brandstiftung in drei weiteren Fällen. 

Am 11. Dezember 2015 hatten sie Papiertonnen an der Tilsiter Straße in Sulingen in Brand gesetzt, am 18. Januar des Folgejahres einen Altpapiercontainer an der Sulinger Kindertagesstätte Ratz und Rübe, bevor sie in den Morgenstunden des 19. Januar – wieder im Sportpark – einen Schuppen anzündeten. In dem Schuppen lagerten auch Gasflaschen.

Staatsanwalt und Verteidiger teilten noch am Dienstag nach der Urteilsverkündung mit, dass sie auf Berufungen verzichten würden. „Damit ist das Urteil rechtsgültig und tritt noch heute in Kraft“, erklärte Richter Goette.

Junge Männer gestehen 

Vorausgegangen waren der Urteilsverkündung gut sechs Stunden Beweisaufnahme und 60 Minuten Plädoyers der Staatsanwaltschaft und der Verteidiger Philipp Martell und Dr. Jan van Lengerich. Luca S. und Marcel A. sind geständig, sprachen Dienstag über Details der Brandstiftungen.

Der ausgebrannte Sportpark in Sulingen nach dem ersten Feuer.

Unterschiedliche Auffassungen vertraten Staatsanwaltschaft und Gericht in puncto der Tat am 19. Januar (Brandstiftung Schuppen). Während die Staatsanwaltschaft den Tatbestand der vorsätzlichen Brandstiftung in Einheit mit dem Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion geahndet wissen wollte, stellte das Gericht infrage, inwieweit die beiden Jugendlichen, die zur Zeit der Taten in einer betreuten Wohngruppe in Sulingen lebten, sich über die Auswirkung des Feuers auf die Gasflaschen im Klaren waren.

Staatsanwaltschaft forderte härtere Strafen 

Die Staatsanwaltschaft hatte für Luca S. eine Jugendstrafe von einem Jahr und neun Monaten, für Marcel A. eine von einem Jahr und elf Monaten Dauer gefordert (beide zur Bewährung ausgesetzt; zusätzlich die Ableistung von 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit in einem Zeitraum von drei Monaten).

Strittig war auch, ob die beiden heute 19-Jährigen, als sie im Dezember 2015 gezielt mit Unterstützung von mitgeführtem Spiritus im Kassiererhaus des TuS im Sportpark gezündelt hatten, sich bewusst waren, dass das Feuer auf das angrenzende Sportfunktionsgebäude übergreifen würde. Richter Goette billigte den Heranwachsenden zu, zur Tatzeit nicht unbedingt in Kenntnis der beiden Einliegerwohnungen im Sportpark gewesen zu sein.

Ausgebrannte Wohnungen im Clubhaus des TuS Sulingen

Fahrlässig statt vorsätzlich 

Eine bewohnte das Ehepaar Thamm mit ihrem beeinträchtigten Sohn. Die Thamms waren erst beim Eintreffen der Feuerwehr auf die Rauchentwicklung in dem Gebäude aufmerksam geworden.

Im Ergebnis verständigten sich der Richter und die Jugendschöffen in ihrem Urteil auf „Vorsätzliche Brandstiftung in Tateinheit mit fahrlässiger Brandstiftung“.

Die als Zeugin geladene Freundin von Marcel A., Mutter vom im März 2016 geborenen Kind, und seine Schwester verzichteten im Sitzungssaal auf Aussagen. Die Schwester hatte am 19. Januar vergangenen Jahres, den Zeugen Ferhan G. per Chat über die erfolgte zweite Brandstiftung im Sportpark informiert – und schloss Folgetaten nicht aus. Ferhan G. brachte dann die Polizei auf die Spur der beiden Brandstifter, die 2016 noch gemeinsam in einer von Bethel im Norden betreuten Wohngruppe lebten.

Verhalten geändert

Ihnen hielt Richter Goette in der Urteilsbegründung zugute, dass sie seit ihrer Festnahme im Januar 2016 versuchten, ihre Leben zu strukturieren. Luca S. strebt derzeit an einer Schule in Bremen unter anderem den Realschulabschluss an, Marcel A. will im August eine Ausbildung im Handwerk beginnen.

Gericht und Staatsanwaltschaft riefen den beiden Tätern in Erinnerung, dass die Familie Thamm auch heute noch von normalen Strukturen weit entfernt sei. Martin Thamm sprach von einem materiellen Schaden in Höhe von 110.000 Euro, von dem die Versicherung nur etwa Zweidrittel trägt, ausführlicher von psychischen Belastungen, mit denen insbesondere seine Frau und sein Sohn zu kämpfen hätten. 

„Wenn Milan in die Nähe des Sportparks kommt, fängt er an zu schreien.“ Die Familie lebt derzeit in Siedenburg. Er, Thamm, wolle irgendwann nicht mehr an die Nacht denken. Und: „Wir versuchen, unser Leben wieder in den Griff zu bekommen.“

Rubriklistenbild: © Mediengruppe Kreiszeitung

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