Die Geschichte hinter der Fassade

Serie Hausgeschichte(n): Vom ersten Auto, einem toten Geschäftsmann und der „Tanksäule“

Autoausstellung vor dem einstigen Geschäftshaus von August und Anna Wiegmann an der Langen Straße 49.
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Autoausstellung vor dem einstigen Geschäftshaus von August und Anna Wiegmann an der Langen Straße 49.

Von August Wiegmann, seinem gewaltvollen Tod mit nur 37 Jahren und warum das neu erbaute Haus, das heute anstelle seiner einstigen Werkstatt steht, diese besondere Form und eine ganz andere Adresse hat. Eine Geschichte, die das Team des „Sulingen Projektes“ für ihren Film „1000 Jahre Sulingen“aufgreifen möchte.

Sulingen – „Mein Mann war ein herzensguter Mensch. Aber wenn er etwas getrunken hatte, hatte er eine schlechte Bierart“, habe seine Ehefrau Anna über ihren August gesagt. So erzählt es Enkel Walter Wiegmann heute.

August Wiegmann wird am 23. September 1894 geboren. Er ist einer von neun Söhnen, die seine Mutter Marie zur Welt bringt. Er ist Chauffeur beim Landrat Menger und fährt als solcher eines der ersten Autos in Sulingen. In diesen Haushalt bewirbt sich die 1897 in Arnsberg geborene und in einem gräfliche Haushalt als Köchin ausgebildete Anna. Das Paar heiratet 1920, im August, und hat schon im Februar eine eigene Firma gegründet. Geschäftsräume und Privatwohnung darüber finden sich an der Langen Straße 49. August Wiegmann repariert Autos der Marke Adler, kümmert sich zudem um Fahrräder, Motorräder, Zentrifugen und Nähmaschinen. Vor dem Haus wird eine Benzin-Tanksäule für Automobile betrieben. August Wiegmann fährt außerdem Taxi und Anna gibt Nähkurse. Dem Paar werden zwei Kinder geboren: Mathilde (1922) und Walter (1926).

Marie Wiegmann und ihre neun Söhne. August ist der Zweite von rechts in der hinteren Reihe und auf dem vorderen Foto als Soldat im Jahr 1918.

Walters Sohn, der ebenfalls Walter heißt, aber von allen nur „Wali“ genannt wird, berichtet, dass Oma Anna über die damaligen Jahre freimütig erzählt habe – wenn man sie denn fragte.

Demnach hat August Wiegmann gerne mal ein Bier getrunken und konsumierte das dann fast ausschließlich im Gasthaus. Wenn es mal handgreiflich wurde, sei August Wiegmann gerne mittendrin gewesen – das gehöre auch zur Wahrheit, habe Anna Wiegmann später immer gesagt.

Das Ereignis, das über die Grenzen hinaus bekannt wird, und das die Stadt Sulingen erschüttert, geschieht am 16. November 1931. „Wali“ Wiegmann hat die Angaben von Oma Anna und die von weiteren Augenzeugen gesammelt. So lässt sich ein Ablauf aufzeichnen.

August Wiegmann auf Kneipentour

August Wiegmann möchte an jenem Montagabend ein Bierchen trinken und genießt das erste im Ratskeller. Der kräftig gebaute Mann fährt Taxi und trägt dazu gerne einen schweren Ledermantel, auch an dem Tag. Dem ersten Bier folgt ein weiteres und noch eins und wieviele es im Ratskeller letztlich sind, ist nicht überliefert. August soll schon etwas lauter gewesen sein, aber „nichts Gravierendes“, so wird berichtet. Auf dem Weg nach Hause liegt Kennewegs Gasthaus – und August kehrt ein. „Besser, du gehst nach Hause“, heißt es schnell.

Zwei Polizisten kommen am Gasthaus vorbei, hören lautstarke „Unterhaltung“, kommen in die Gaststube. Auch sie sollen August aufgefordert haben, nach Hause zu gehen. Es mag zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. Und August Wiegmann, starker Kerl, der er ist, wollte wohl nicht, dass man ihn anfasst, mag die Arme, die sich ihm entgegenstrecken, weggedrückt haben – und hat dabei wohl einem der Polizisten „einen übergezogen“.

Anna Wiegmann, Tochter Mathilde, August Wiegmann, seine Mutter Marie, sein Bruder Ernst und Sophie Stöver (von links).

Die beiden Beamten sollen versucht haben, ihn in Schutzhaft zu nehmen, lautet eine überlieferte Erklärung von Schneidermeister Eder und Textilkaufmann Leymann sowie Ratskollege Eichler, die ebenfalls im Gasthaus gewesen seien, nach einer Sitzung.

Oma Anna habe ihrem Enkel Wali berichtet, dass sie gehört habe, dass es unten im Laden laute Geräusch gegeben habe.

Dann kommt es zum Unglück.

August Wiegmann ist wohl aus dem Gasthaus gestürmt, über die Straße und in seinen nur wenige Meter entfernten Laden gegangen. Wütend? Hat er eine Glühbirne geschnappt? „Die waren damals ja anders in der Zusammensetzung“, erklärt Wali Wiegmann. Hat Opa August sie, in Rage, gen Tanksäule geschmissen? Ist sie dort mit einem lauten Knall explodiert?

„Aber er wurde nicht wieder wach“

Nach einem ersten Knall gab es einen zweiten – einen Schuss. „Vor dem Laden lag der Opa, ich habe mich hingekniet und ihn in den Arm genommen. Aber er wurde nicht wieder wach“, zitiert Wali Wiegmann aus einem Gespräch mit seiner Oma.

Mit Anfang 30 ist Anna Wiegmann Witwe mit zwei kleinen Kindern und einem Ladengeschäft. Die Stadt nimmt Anteil an dem tragischen Todesfall.

Polizist Schultz, der den tödlichen Schuss abgeben hat, wird versetzt. In der Zeitung wird über den Fall berichtet – und dabei aus dem Polizeiprotokoll zitiert. Demnach habe August Wiegmann die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdet.

Die Polizeibeamten hätten ihn aufgefordert, nach Hause zu gehen. Und als er sich weigerte, wollten sie ihn in Schutzhaft nehmen. Da habe er Widerstand geleistet, sich der Festnahme entzogen und sei „nach seinem Hause gelaufen“. Kurz darauf sei er „an der Tür erschienen und wollte tätlich gegen die Beamten vorgehen“. Zur „Abwehr des Angriffs“ habe sich Polizeihauptwachtmeister Schulz genötigt gesehen, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Dieser Schuss habe Wiegmann „bedauerlicherweise so schwer verletzt“, dass der nach einigen Stunden im Kreiskrankenhaus Sulingen verstorben sei.

Die Traueranzeige 1931.

Auf 14 500 Reichsmark lautet der Vergleich, den Anna Wiegmann 1932 mit der Stadt Sulingen schließt, die zudem anteilig Anwaltskosten zahlt. Anna Wiegmann verzichtet auf alle Ansprüche und Forderungen, die sie gegen die Stadt und gegen den Polizisten Schulz stellen könnte. „Ich habe nie herausgefunden, warum dieser Vergleich geschlossen wurde“, sagt Wali Wiegmann. Akteneinsicht habe er zwar beim Landgericht Verden beantragt, aber nicht erhalten. Nirgendwo sei nachlesbar, was an diesem Abend wirklich geschah, es gibt nur Vermutungen.

Das Haus Lange Straße 49 wurde vor einigen Jahren abgerissen, Unternehmer Karl-Heinz Jantzon hat es neu aufgebaut, mit Wohnungen, jetzt unter der Adresse Hohe Straße. Von der Langen Straße aus gesehen ist die auffällige Struktur, ganz beabsichtigt, einer alten Tanksäule nachempfunden.

Über die Firmenstandorte:

Von Umzügen und Firmenstandorten: Bereits 1926 hatten August und Anna Wiegmann Scheune und Grundstück an der Schützenstraße 7 von Tierarzt Greiser gekauft. Anna Wiegmann führt die Geschäfte tatkräftig und couragiert weiter, nach dem Tod ihres Mannes, heißt es in den Familienunterlagen, Gekauft wird 1936 das Grundstück an der Schützenstraße 9. Darauf wird eine Fahrzeughalle erstellt, das Ladengeschäft für den Fahrradhandel zieht hierhin um, Anna und ihre beiden Kinder wechseln in die Schützenstraße 7.

Wali Wiegmann hat keine Unterlagen darüber, ob es sich bei dem Haus Lange Straße 49 um das Elternhaus von August Wiegmann gehandelt hat. Das Haus Schützenstraße 7 ist heute sein Zuhause, an der Adresse Schützenstraße 9 findet sich ein Teil des Parkplatzes des E-Centers.

Das neue Haus, das jetzt unter der Adresse Hohe Straße zu finden ist.

Über den Vergleich zwischen Anna Wiegmann und der Stadt Sulingen werde heute noch diskutiert, aber man müsse sich das so vorstellen, sagt Wali Wiegmann: „Da ist eine Witwe mit zwei Kindern und einem Geschäft, die habe sehen müssen, dass für ihre Kinder gesorgt ist.“

Augusts Bruder Ernst hilft der Witwe in dieser Zeit. In der Firmengeschichte ist notiert, dass der Sohn Walter Wiegmann im Jahr 1948, zurück aus der Kriegsgefangenschaft, in die Firma eintritt. Die habe sich prächtig entwickelt, wird im Autosegment Vertragshändler bei Opel.

Ein neuer Komplex an der Schützenstraße, erworben Anfang der 1970er Jahre, bietet Platz für Werkstatt, Lager, Kundendienst und Büro.

Ein erneuter Umzug folgt 1985, als das Grundstück „ehemals Textil Maschmann“ an der Langen Straße gekauft wird und hierhin Fahrradgeschäft und Autohandel wechseln. Anna Wiegmann verkauft Räder noch bis ins hohe Alter von 85 Jahren. 1989 will die Stadt über die Stadtkernsanierung den gesamten Betrieb aus der Innenstadt an den Stadtrand verlagern. Die Parteien, nach Walter Senior ist auch dessen Sohn Walter im Betrieb tätig, einigen sich zunächst, die Firma eröffnet neu am Standort Nienburger Straße 174. Die Neueröffnung erfolgt im März 1993, der Fahrradladen wird verkauft. Zwei Brüder von August Wiegmann, Karl und Gustav, wandern in die USA aus. Mutter Marie macht sich tatsächlich auf die Schiffsreise und besucht ihre Söhne in deren neuer Heimat. Das Geschäfts- und Wohnhaus an der Langen Straße 49 wird nach dem Umzug der Firma von Marie Wiegmann an Sophie Stöver weitergeben. Es hat danach verschiedene Mieter, auf Uhren Wolff folgt Uhren Stöver – bis zum Abriss und Neubau des jetzigen Eckhauskomplexes.  sis

Über die Serie Hausgeschichte(n):

Private Häuser im südlichen Landkreis Diepholz: Deren Geschichte und auch Geschichten von Bewohnern stellen wir in der Serie „Hausgeschichte(n)“ vor. Besitzen oder bewohnen Sie ein Gebäude, das etwa 100 Jahre alt ist und über das oder aus dem es Interessantes zu erzählen gibt? Dann lassen Sie es Teil der Serie werden. Schreiben Sie eine E-Mail mit dem Betreff Hausgeschichte(n) an redaktion.diepholz@kreiszeitung.de beziehungsweise redaktion.sulingen@kreiszeitung.de und beschreiben Sie darin kurz und stichwortartig die Besonderheiten des Gebäudes.

Bitte Anschrift und Telefonnummer nicht vergessen. Nach Prüfung und Absprache verfassen wir dann einen Bericht mit Fotos. Kosten entstehen Ihnen dadurch selbstverständlich nicht.

Von Sylvia Wendt

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