Furcht vor Arbeitsmarkt-Folgen

Schülerinnen und Schüler wollen kein „Corona-Abitur“ ohne Prüfungen

Ein gelbes Schild mit dem Hinweis: „Abitur - bitte nicht stören“.
+
Außergewöhnliches Abschlussjahr 2021: Sind faire Prüfungen für alle möglich, wenn Schüler im Lockdown nicht störungsfrei lernen konnten?

Szenario A, B oder C? Was klingt wie aus einem Katastrophenfilm, bestimmt den Schul-Alltag in Pandemie-Zeiten. Die Buchstaben stehen für Präsenz-Unterricht in festen Lerngruppen, Wechselunterricht oder Fernunterricht. Konnten sich Schüler unter diesen Vorzeichen gut auf ihre Prüfungen vorbereiten? Und sollten beim Abi ‘21 Halbjahresnoten statt Prüfungen ausschlaggebend sein?

Landkreis Diepholz – Lars Buse, Leiter der Graf-Friedrich Schule in Diepholz, vergleicht das Abitur mit sportlichen Wettkämpfen: „Jeder Athlet und jede Athletin würde in der Meisterschaft antreten und nicht die Durchschnittsleistung der Saison gewertet sehen wollen.“ Abiturprüfungen seien ein Ziel, auf das die Schülerinen und Schüler hingearbeitet hätten. Es sei wichtig, dass die Zeit am Gymnasium mit echten Prüfungen ihren Abschluss finde.

Kreisschülerrat spricht sich gegen Abschlussprüfungen aus

Aus Sicht der Schulleitung hat der Unterricht am Diepholzer Gymnasium unter Lockdown-Bedingungen und zuletzt im Wechselunterricht gut und zunehmend besser funktioniert. Die Schülervertretung pflichtet dem bei und hofft auf „eine standardgemäße Durchführung der Abiturprüfungen“.

Eliah Robowski, Jahrgangssprecher des 13. Jahrganges am Gymnasium Sulingen, sieht das ähnlich: „Wir haben natürlich keinen Vergleich, wie das Abitur unter normalen Bedingungen stattfindet, allerdings denken wir nicht, dass wir dort mit einem besseren Gefühl in die Prüfungen gestartet wären.“

Hintergrund: Der Kreisschülerrat Diepholz (KSR) hat sich kürzlich für einen Abschluss ohne Klausuren ausgesprochen. Denn die Situation beim digitalen Lernen schaffe eine leistungsmäßige Ungleichheit zwischen den Schulen, faire Wissensstände zu landesweiten Klausuren seien nicht gesichert. Statt zur Prüfungsvorbereitung sollten die kommenden Monate zum Lernen genutzt werden.

Niedersachsen setzt auf angepasste Prüfungen

Der KSR folgt damit Forderungen des Niedersächsischen Landesschülerrats (LSR), der in einem fünfseitigen Konzeptpapier für „Bildung statt Prüfung“ eintritt. Kernforderung ist „die generelle Absage aller allgemeinbildenden Abschlussprüfungen im Schuljahr 2020/21“. Stattdessen wollte der LSR Abschlussnoten, die aus den Halbjahresnoten gebildet werden. Die gewonnene Zeit hätte im verlängerten Schuljahr zum Lernen und Lehren genutzt werden sollen.

Abitur 2021 in Niedersachsen

„Hochwertige“ und sichere Abiturpüfungen auch unter Corona-Bedingungen verspricht Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne den Schülern und Lehrkräften. Dabei sollen besondere Sicherheits- und Hygiene-Standards gelten.

Niedersachsen hält für die landesweiten Prüfungen an den geplanten Terminen zwischen dem 19. April und 11. Mai fest – auch wenn sich Schulen im Wechsel- oder Distanzunterricht befinden sollten. Nachschreibetermine wird es bis zum 9. Juni geben. Die Prüfungen bekommen, so Tonne, einen „Pandemie-Zuschnitt“. Demnach fallen Stoffe, die dem vierten Halbjahr zugeordnet sind, in den meisten Fächern aus dem Prüfungsstoff heraus. Das soll gegen „Unwägbarkeiten“ beim noch bevorstehenden Unterricht vorbeugen. Die Prüfungsaufgaben seien „auf Situationsangemessenheit hin geprüft und gegebenenfalls angepasst“ worden, teilte der Minister mit.

Ziel ist es, ein möglichst normales Ende der Schulkarriere zu ermöglichen. Tonne: „Das ist der beste Weg, um einen Corona-Makel zu verhindern und damit Zukunftschancen für die jungen Menschen zu sichern.“

Die Forderungen nach Abschlüssen ohne Prüfungen hatten die Bildungs-Gewerkschaft GEW in Kreis und Land und der Schulleitungsverband Niedersachsen (SLVN) unterstützt. Auch der Kreiselternrat Diepholz hatte sich im Pandemie-Jahr – zumindest in der Sekundarstufe I (mittlere Reife) – für Abschlussnoten ohne Prüfungen ausgesprochen.

„Man wurde von den Lehrern zu keiner Zeit alleine gelassen“

Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne hat inzwischen entschieden: Die Prüfungen finden – in angepasster Form – statt. In der Sekundarstufe  I setzt das Land dabei stärker auf dezentrale Prüfungen. Beim Abitur werden Prüfungsstoffe aus dem letzten Halbjahr gestrichen.

Ole Moszczynski, Vorstandsmitglied im Landesschülerrat und selbst Abiturient, findet Tonnes Lösung „durchaus tragfähig“. Der LSR-Vorschlag sei zwar die „noch bessere“ Lösung gewesen. Der Zeitpunkt, diese einzuleiten sei aber verpasst worden, erklärt er auf Kreiszeitungs-Nachfrage.

Jahrgangssprecher Eliah Robowski berichtet, dass der Unterricht im Lockdown „größtenteils gut funktioniert“ habe. „Natürlich gab es ab und zu Schwierigkeiten, besonders bei neuen Themen, man wurde von den Lehrern aber zu keiner Zeit alleine gelassen.“

Besseres Lernklima in kleineren Gruppen

Bis zu den Lockerungen am 15. März galt an Niedersachsens Schulen: Wechselunterricht für die Abschlussjahrgänge und Grundschüler, Distanzunterricht für alle anderen. Bei einer ansonsten leeren Schule heißt Wechselunterricht aber nicht, dass die eine Hälfte zu Hause bleibt. Für Sulingen erklärt Robowski, dass die Kurse vielmehr auf zwei Räume aufgeteilt, und von ihrer Lehrkraft abwechselnd unterrichtet beziehungsweise mit Aufgaben versorgt werden. Oder der Lehrer „unterrichtet beide Gruppen aus einem Raum mithilfe einer Videokonferenz“.

Dem Unterricht in kleineren Gruppen kann der Jahrgangssprecher durchaus Positives abgewinnen, das Lernklima sei sehr angenehm gewesen. „Die mündliche Beteiligung, und somit die Note, stieg bei vielen Schülern. Auch das Verhältnis zu den Lehrern besserte sich in vielen Fällen, eventuell durch die teilweise Entlastung, dass nur wir im Gebäude waren.“

Wichtig ist allen Beteiligten ein Abschluss ohne den Makel eines Not-Abiturs, der dann an der Uni oder auf dem Arbeitsmarkt auf die Klasse von 2021 zurückfallen könnte. Dass die Anerkennung garantiert sein müsse, hatten auch die Prüfungs-Gegner stets betont.

Schülerinnen und Schüler wünschen sich vernünftigen Abschluss der Schullaufbahn

Ihr Argument: die erschwerten Lernbedingungen. Lerngruppen-Treffen waren durch die Kontaktbeschränkungen untersagt, die Beschulung zu Hause für viele eine psychische Belastung. Und lahme Internetverbindungen sorgen oft genug dafür, dass virtuelle Klassenräume als stockende Diaschau erscheinen.

Sowohl Schulleitungen als auch Schüler befürchten allerdings, dass gerade einem prüfungslosen Abi ein solcher Makel anhaften würde. Die Aussetzung der Prüfungen, befürchtet Eliah Robowski, „würde höchstens dazu führen, dass unser Abitur an Wert verliert und zum Beispiel als ,Corona-Abitur‘ denunziert werden würde, zumal die Streichung nicht nötig ist“.

Voraussichtlich wird das Abitur 2021 weitgehend so ablaufen wie in den Jahren zuvor. Zumindest, was die Prüfungen angeht. Ob und in welcher Form das überstandene Abi auch als Ende eines Lebensabschnitts gefeiert werden kann, ist noch völlig offen. Das beschäftigt die Schüler. Jahrgangssprecher Eliah Robowski nimmt eine große Unsicherheit über Feierlichkeiten wie Motto-Woche, Abigag und besonders den Abiball wahr. Er hofft: „Wir fänden es schön, wenn möglichst viel stattfinden kann, um unsere 13 Jahre Schule vernünftig zu feiern und abzuschließen, aber es ist nun mal nicht zu ändern.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Blutiger Dornfelder: ein Krimi-Rotwein-Paket zum Genießen

Blutiger Dornfelder: ein Krimi-Rotwein-Paket zum Genießen

Trauerfeier für Prinz Philip am kommenden Samstag

Trauerfeier für Prinz Philip am kommenden Samstag

Große Anteilnahme am Tod Prinz Philips

Große Anteilnahme am Tod Prinz Philips

Bayern verlieren Final-Wiedersehen gegen Paris Saint-Germain

Bayern verlieren Final-Wiedersehen gegen Paris Saint-Germain

Meistgelesene Artikel

Werkstatt an Wohnhaus in Brockum brennt nieder

Werkstatt an Wohnhaus in Brockum brennt nieder

Werkstatt an Wohnhaus in Brockum brennt nieder
Feuerwehr Diepholz: Mobbing als Begründung für Rücktritte

Feuerwehr Diepholz: Mobbing als Begründung für Rücktritte

Feuerwehr Diepholz: Mobbing als Begründung für Rücktritte
Antifa und „Wir sind mehr“ protestieren gegen rechte Gewalt

Antifa und „Wir sind mehr“ protestieren gegen rechte Gewalt

Antifa und „Wir sind mehr“ protestieren gegen rechte Gewalt
Schnappatmung in Schnepke: Das Ortsschild ist weg!

Schnappatmung in Schnepke: Das Ortsschild ist weg!

Schnappatmung in Schnepke: Das Ortsschild ist weg!

Kommentare