Interview beim Reload Festival

Punk-Band Massendefekt: „Wir müssen mal das Maul aufmachen“

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Die Band Massendefekt ist am Samstag beim Reload Festival in Sulingen aufgetreten.

Im Interview mit der Kreiszeitung erklären Sänger Sebi und Gitarrist Nico, warum sie trotz des Erfolgs noch an ihren Punk-Wurzeln festhalten und warum sie nicht länger unpolitisch sein wollen.

Sulingen - Sie machen Punkrock, oder wie sie sagen Punk & Roll. Sie schreien dem Publikum ihre Texte entgegen und sorgen mit ihren Liedern für Ausnahmezustände vor der Bühne. Seit Jahren spielt die Düsseldorfer Band Massendefekt nun schon ganz weit vorne mit in der Liga deutscher Erfolgskünstler. Jetzt haben sie am vergangenen Wochenende ein umjubeltes Konzert beim Reload-Festival in Sulingen gegeben.

Obwohl ihr im Raum Düsseldorf verwurzelt seid, ist Sulingen keine unbekannte Stadt mehr für euch, oder?

Sebi: Ja, genau. Es ist glaube ich das dritte Mal, dass wir jetzt hier auf dem Reload spielen. Wir kennen das Festivalgelände auf jeden Fall ganz gut. Das war ja vorher in Twistringen, oder? Da haben wir auch schon gespielt. Dann das letzte mal vor zwei Jahren hier und jetzt wieder.

Zahlreiche Auftritte, sieben Studioalben, ein riesiges Konzert in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle sowie Vorband unter anderem von AC/DC und den Toten Hosen. Eigentlich spielt ihr schon seit Jahren in der oberen Liga der Musikszene mit. Würdet ihr euch schon als Mainstream bezeichnen?

Sebi: Ja, ein leichter Mainstream-Touch ist da bestimmt reingekommen. Das ist einfach so, das entwickelt sich mit der Zeit. Die Band gibt’s jetzt seit fast 20 Jahren und wir haben halt wirklich als Punk-Rock-Band mit unseren Drei-Akkorde-Schrammel-Dingern angefangen. Jetzt spielen wir immer noch Drei-Akkorde-Schrammel-Dinger, aber es klingt nicht mehr nach Drei-Akkorde-Schrammel-Dingern. (lacht) Ne, es ist schon so: Irgendwann rutscht man ja auch mal in diese Festival-Schiene rein, wo dann diverse Größen dabei sind von denen man auch selber Fan ist. Als richtigen Mainstream würde ich uns nicht bezeichnen. Aber es ist schon eine leicht poppigere Attitüde dazugekommen.

Im Dezember vergangenen Jahres hattet ihr den größten Auftritt eurer Bandgeschichte in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle. Wie viele Besucher waren da?

Nico: Das waren 3500 Leute. Es war der größte eigene Auftritt ohne Berücksichtigung der Festivals.

Auf dem Reload sind es in diesem Jahr wieder über 12.000 Besucher. Mal die Festivals mit reingerechnet: Auf was für Bühnen standet ihr da schon so?

Sebi: Wir haben glaube ich auf allen gespielt bis auf’s Rock am Ring. Deutschlandweit haben wir auf den großen echt schon überall gespielt. Nur Rock am Ring fehlt noch in unserem Repertoire.

2018 kam euer aktuelles siebtes Studioalbum „Pazifik“ raus. Das dürfte einmal mehr gezeigt haben, wie vielfältig Massendefekt sein kann. Neben gewohnt rauen Songs wie „Wo Ich Dich Finde” gab es mit „In/Die Hölle” auch Sounds, die eure Fans bisher eher weniger von euch kannten. „In/Die Hölle” kann man durchaus als gut tanzbar bezeichnen. Woher kommen diese neuen Einflüsse?

Sebi: Wir machen einfach das, worauf wir Bock haben. Das ist schon immer das, was wir gemacht haben. Wenn wir denken, das ist witzig und das macht Spaß, dann tun wir das. „In/Die Hölle” ist glaube ich innerhalb von einem halben Tag im Studio entstanden. Und zwar, weil wir einfach Spaß am Texten hatten. Wir haben uns dabei selber kaputtgelacht. Ich meine, die Sachen, die wir gemacht haben, die gibts ja auch schon auf sieben Alben. Das ist ja immer das gleiche. Ich finde, eine Band muss nicht immer das gleiche machen, was sie schon gemacht hat. Wenn man sich ein bisschen weiterentwickeln möchte und was probieren möchte, dann soll man das halt machen.

Gab es bei „In/Die Hölle” eine besondere Inspirationsquelle?

Sebi: Ja! Tim, unser Tonmann bei dem wir auch die ganzen Alben aufnehmen, hatte da noch so ein Schippselchen rumfliegen von dem Song. Und der wurde halt ein bisschen verwurschtelt. Wir haben gedacht: Das würde doch passen, das klingt doch so ein bisschen indiemäßig, ein bisschen funky. Mal gucken, was wir daraus zaubern können. Und das haben wir dann daraus gemacht.

Letztes Jahr gab es von euch nicht nur positive Nachrichten. Im August habt ihr mitgeteilt, dass Gitarrist, Sänger und Gründungsmitglied Clausi die Band aus persönlichen Gründen verlässt. Dafür kam Verstärkung in Form von Nico dazu. Hast du dich denn mittlerweile schon gut bei Massendefekt eingelebt, Nico?

Nico: Ich war schon vorher mit der Band in Kontakt. Wir kennen uns seit Anfang der 2000er. Da haben meine damalige Band und Massendefekt schon viel zusammen gemacht. Und da wir alle aus Meerbusch und Düsseldorf kommen, sieht man sich abends mal. Von da aus waren wir halt alle ständig in Kontakt. 

Als Sebi mich damals anrief, habe ich erstmal gesagt, ich schlafe noch ‘ne Nacht drüber. Aber das war nur Show. (lacht) Ich wollte nicht direkt Ja sagen. Ich habe mich da aber sehr drüber gefreut. Letztendlich wurde ich, glaube ich, auch angerufen, weil einfach klar war, dass es menschlich passt. Wir kennen uns alle schon sehr lange. 

Es war glaube ich letztes Jahr im Mai als Sebi angerufen hat und Ende September haben wir die erste Show gespielt. Da war ich rein menschlich schon in der Band drin. Musikalisch hat sich das dann noch ein bisschen entwickelt. Aber ich glaube, es war für beide Seiten ein Glücksgriff, eine Win-Win-Situation.

In der Bandgeschichte gab es auch sonst viele Personalwechsel. Wie hat sich die Band durch all die Jahre und die neuen Gesichter verändert und musikalisch entwickelt? Ist Massendefekt heute noch wie Massendefekt damals?

Sebi: Man entwickelt sich immer weiter. Es ist zwar nicht mehr genau so, wie es zur Anfangszeit war, aber es ist immer noch genau so familiär. Wir haben auch immer noch Kontakt zu den alten Bandmitgliedern. Es ist ja nie einer rausgeschmissen worden. Die hatten andere Pläne, dann spricht man drüber und dann kamen halt diverse Ausstiege zustande. 

Ich war letztens noch mit unserem Bassisten Mike bei unserem alten Sänger Ole im Studio, der gerade seine Solo-Sachen aufnimmt, und wir haben da als Gäste noch was mitgemacht. Es ist immer noch alles genau so, die Massendefekt-Familie ist immer noch verhanden. Nur halt mit anderen Leuten. Es ist schwer reinzukommen, aber es ist noch viel schwerer, wieder rauszukommen. (lacht)

Nico: Es ist wirklich sehr familiär. Das mag ich auch total.

Euer neues Album heißt „Pazifik”, ein Lied darauf heißt „Wellenreiter”, die beiden letzten Albenveröffentlichungen habt ihr auf dem Rheinschiff Riverstar gefeiert: Gibt es bei euch eine besondere Bindung zu Wasser und Meer?

Sebi: Das ist Zufall. Wir haben halt gedacht, wir machen immer was Spezielles als Release-Party. Wir haben in Düsseldorf so eine Partybahn. Da haben wir mal zwei Konzerte drin gespielt und sind durch die Altstadt gefahren. Dann haben wir gedacht, wir müssen das irgendwie toppen. Und dann ist es halt das Schiff geworden. Das haben wir jetzt zweimal gemacht und das war schon ziemlich cool. Der Albumtitel „Pazifik” ist entstanden, weil ich jedes Jahr mit meiner Frau einen Roadtrip durch Amerika mache und wir da auch am Pazifik langfahren. Dann habe ich das einfach mal reingeworfen.

Nico: Wir sind aber auch sehr wasseraffin. (lacht) Aber auch alles, was mit Wasser, geschütztem Hafen und Ankern und so zu tun hat: Da kann man auch schöne Bilder drumzubauen. Ohne, dass ich damals am Entscheidungsprozess beteiligt war: Das spielte da auch sicher mit rein.

Eure Lieder sind allesamt auf deutsch. Das ist hier auf dem Reload fast schon eine kleine Ausnahme. Was lässt euch an der deutschen Sprache festhalten in einem Genre, das vor allem durch englischsprachige Texte geprägt ist?

Sebi: Ich kann mich auf Deutsch einfach besser ausdrücken als im Englischen. Auf Englisch fällt’s mir irgendwie schwer. Unsere Texte sind ja sehr persönlich, kommen aus’m Leben und sind Erfahrungen von uns. Jeder Text hat irgendwas mit uns zu tun. Das Texten ist bei uns ein Gemeinschaftsding. Jeder hat eine Idee, einen Vorschlag, was ausgearbeitet. So läuft das bei uns. Aber das geht halt nur auf deutsch.

Nico: Wobei die deutschen Bands ja auch wieder kommen. Bestes Beispiel sind die Donots, die aus diesem Grund wieder zu Deutsch gewechselt sind, weil sie gesagt haben: Das ist unsere Sprache, damit können wir uns besser artikulieren. Und daneben gibt es ja auch noch zig weitere Bands, die auf Deutsch erfolgreich sind.

Punk ist ein Genre, das seit jeher auch gerne für politische Botschaften genutzt wird. Möchtet ihr auch eine politische Haltung mit euren Songs transportieren?

Sebi: Seit den letzten zwei Alben schon. Wir haben früher immer gesagt: Wir sind ‘ne Band, wir machen Musik, Politik sollen andere machen. Aber es ist in den letzten Jahren einfach sehr viel passiert - in Deutschland und weltweit. Da haben wir irgendwann gesagt: Wir müssen mal das Maul aufmachen, wir können uns nicht mehr zurückhalten. Das wollen wir jetzt auch gar nicht mehr. 

Auf unserem neuen Album gibt es den Song „Zwischen Löwen und Lämmern”, der sich ganz klar gegen die rechte Szene wendet. Auf dem Album davor gab es „Neue Helden”, das ist eigentlich das gleiche Thema. Man kann immer nur den Anstoß bei den Leuten geben. Man kann sie nicht verändern, aber zumindest versuchen, dass sie mal drüber nachdenken. Das ist eigentlich unser Anlass: Ich will dir gar nicht unsere Meinung reindrücken, aber denk zumindest mal drüber nach, was ihr da macht und entscheide dann selber. Es gibt so viele Sturrköpfe, die einfach durch die Gegend laufen und gar nicht wissen, was sie da von sich geben. Wenn man die Leute dann ein bisschen zum Nachdenken bringt, dann kann das schon was bringen.

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