Reizthema Milchkrise

„Peitschen Sie den Schmidt dahin“

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Hans Foldenauer vom Bund Deutscher Milchviehhalter erläuterte dem Chef des Bundeskartellamtes, Andreas Mundt (links), und Bundestagsabgeordneten Axel Knoerig die Lage der Milchbauern in Süddeutschland.

Sulingen - Von Julia Kreykenbohm. Die Stimme des Landwirts zittert, als er sich mit dem Mikrophon in der Hand erhebt und vor den rund 80 Gästen, dem CDU-Bundestagsabgeordneten Axel Knoerig und dem Chef des Bundeskartellamtes, Andreas Mundt das Wort ergreift. 170 Milchkühe besitzt er und die Lage sei sehr dramatisch.

„Es gibt Bauern, die müssen jedes Mal mit der Bank verhandeln, um Kraftfutter für ihre Tiere kaufen zu können – und irgendwann liegt wieder ein Kollege tot im Flur, weil er den Druck nicht mehr erträgt“, schildert der Mann mit dem grauen Bart. „Es muss jetzt etwas passieren, es ist nicht mehr fünf vor zwölf, sondern schon fünf nach zwölf.“ Der Landwirt setzt sich wieder und schnäuzt sich, während in dem großen Saal des Restaurants „Dahlskamp“ in Sulingen kurz betretendes Schweigen herrscht.

Es scheint, als habe der Mann aus der Nähe von Bremen allen aus der Seele gesprochen. Sein emotionaler Beitrag offenbart die blanke Verzweiflung der Landwirte und ist nur eine Farbe auf der breiten Gefühls-Palette, die sich vor dem Gastgeber Knoerig präsentiert. Andere Landwirte zeigen sich wütend, wieder andere enttäuscht, manche fast schon resigniert, andere kämpferisch-fordernd. Doch sie alle wollen das gleiche: Die Politik soll endlich etwas tun, um die Milchkrise in den Griff zu bekommen – und zwar so schnell wie möglich. Sie muss die Rahmenbedingungen schaffen, denn branchenintern sei das Problem nicht zu lösen. „Die Andienungspflicht muss weg“, fordern sie. Auf Augenhöhe mit den Molkereien wollen sie verhandeln und endlich teilhaben an dem Markt, von dem sie sich, als Urproduzenten, ausgeschlossen fühlen.

Gäste machen ihrem Ärger Luft

Knoerig, der die Landwirte zu der Diskussion eingeladen hat, zeigt Verständnis. Er will hören, aufnehmen, begreifen und umsetzen. Die Landwirte hingegen wollen eine feste Zusage, eine Ankündigung, dass er in ihrem Sinne handeln wird. Eigentlich soll an diesem Nachmittag über kartellrechtliche Möglichkeiten auf dem Milchmarkt gesprochen werden. Doch die Gäste müssen auch ihrem Ärger darüber Luft machen, dass seit der letzten Milchkrise im Jahr 2009 so gut wie nichts passiert sei.

Kartellamtschef Mundt versucht, etwas Druck aus dem Kessel zu nehmen, in dem er verschiedene Punkte anspricht, die man im Sinne der Landwirte ändern könnte. So mache die 100 prozentige Andienungs- und Abnahmepflicht sie zu einem „gefangenen Kunden“ der Molkereien. Die Kündigungsfristen, die manchmal 24 Monate betragen, seien ebenfalls überdenkenswert. Zudem sollten Molkerei und Landwirt schon im Vorfeld einen Preis vereinbaren. „Die Rechte der Erzeuger sollen gestärkt werden“, so Mundt. Wenn man wolle, können man eine Menge tun. Allerdings baute er auch zu hohen Erwartungen vor: „Das Kartellamt kann ja nur prüfen. Wir sind keine Politiker und die entscheiden letztlich.“

Die Gäste fühlen Andreas Mundt aber auch auf den Zahn und wollen beispielsweise wissen, warum das Kartellamt nichts gegen zu niedrige Einstandspreise tue. Das sei nicht so leicht, entgegnet Mundt, da man bei der Milch errechnen müsse, wie hoch die Produktionskosten gewesen seien. „Die Kosten wurden schon errechnet, die kann man nachlesen“, meinte einer der Gäste. Auf die Bemerkung, man wolle mit der Branche reden, um anhand ihrer Vorschläge neue Konzepte zu erarbeiten, kam die Bemerkung zurück: „Wir sind die Branche, uns gehören die Molkereien.“

Blick auf den Markt in Süddeutschland und Europa

Die Genossenschaften und Verbände wollten keine Veränderung und genauso deswegen könne die Milchkrise auch nicht von der Branche gelöst werden. „Nicht mal in der Schweiz funktioniert das“, erklärt Hans Foldenauer vom Bund Deutscher Milchviehhalter, der aus Süddeutschland angereist ist. Auch dort gehen die Milchpreise inzwischen herunter, nachdem sich der Süden Deutschlands bislang gegenüber dem Norden noch gut gehalten hat. „Ich dachte, in Bayern wäre es besser, damit haben Sie mich jetzt ein Stück desillusioniert“, bekennt Knoerig.

Doch auch der europäische Markt wird thematisiert. Zwar gibt es eine Verordnung, die eine Reduzierung der Milchproduktion erlaubt, nur wird sie weder überwacht noch sanktioniert. Das müsse sich ändern, sind sich Gäste und Gastgeber einig, denn nur wenn es weniger Milch gibt, steigt auch der Preis wieder. Der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt, solle sich dafür in Brüssel mehr einsetzen. „Peitschen Sie den Schmidt dahin“, verlangt eine Frau kämpferisch.

Eine düstere Zukunftsvision malt ein Landwirt, der Ferkelhaltung betreibt. „Im Sauenbereich sind 30 Prozent der Betriebe verschwunden. Niemand stört sich daran, denn nun kommt das Fleisch eben aus Dänemark. So könnte es dann auch dem Milchbereich ergehen.“ Knoerig verspricht, über Lösungen nachzudenken und mögliche Schlupflöcher so schnell es geht zu schließen. „Es geht nicht, dass wir jeden zweiten Betrieb verlieren.“ Zynisch kommt es aus einer Ecke: „Soviele wollen Sie behalten?“

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