Fahrradstraße in Sulingen: Stadt und Polizei setzen auf Information statt auf Strafen

Noch gibt es Flyer, keine Knöllchen

Verkehrsschilder und, neu, Banner markieren den Bereich der Langen Straße, der als Fahrradstraße ausgewiesen wurde. Und auf dem aktuell Polizei und Stadt das Einhalten der Regeln kontrollieren und auf informative Gespräche setzen, statt Knöllchen. Von links: Andrik Hackmann, Sonja Fehrs, Nicole Kossinna und Dirk Rauschkolb.
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Verkehrsschilder und, neu, Banner markieren den Bereich der Langen Straße, der als Fahrradstraße ausgewiesen wurde. Und auf dem aktuell Polizei und Stadt das Einhalten der Regeln kontrollieren und auf informative Gespräche setzen, statt Knöllchen. Von links: Andrik Hackmann, Sonja Fehrs, Nicole Kossinna und Dirk Rauschkolb.

Sulingen – Sonja Fehrs, als derzeit Sulingens einzige Polizistin per Rad unterwegs, ist vor allen anderen beim Froschbrunnen. Und während der drei Minuten, die es dauert, bis die weiteren Protagonisten für den Pressetermin versammelt sind, hat sie bereits vier Schülern, deutlich älter als zehn Jahre, erklärt, dass sie mit dem Rad eben nicht auf dem Bürgersteig fahren dürfen. Im Gespräch darauf hinweisen, erklären, erläutern: „Das Kernproblem ist die gegenseitige Rücksichtnahme“, sagt Sonja Fehrs.

An der fehlt es generell, scheinbar aber besonders, wenn es regnet. Anders lässt sich nicht erklären, wie oft am Montag in kurzer Wartezeit Radler übersehen werden und Autofahrer ihnen die Vorfahrt nehmen. Oder dass Autofahrer nicht die vorgeschriebenen 1,50 Meter Abstand zum Radfahrer halten, den sie auf der Langen Straße überholen wollen.

In der Innenstadt ist, grob gesagt, zwischen dem Froschbrunnen und der Kirchenkreuzung, die Lange Straße als Fahrradstraße ausgewiesen. Mit Piktogrammen auf der Straße, mit Verkehrsschildern, seit Neuestem auch mit großen Bannern, die die Fahrbahn überspannen. Das üppige Blattwerk einiger Bäume schluckt Teile des Banners. Die können, aufgrund der neuen Citybeleuchtung und einhergehend der gesunkenen Zahl an Haken, nicht mehr an so viele Stellen montiert werden, wie vor der Installation der neuen Laternen.

Bürgermeister Dirk Rauschkolb und Nicole Kossinna, Leiterin des Teams Ordnungswesen im Fachbereich III – Bauen, Planung und Ordnung – der Sulinger Stadtverwaltung, verteilen, ebenso wie die Beamten der Polizei in Sulingen, derzeit statt Bußgeldbescheiden Bürgerinformationen. Andrick Hackmann, Leiter des Einsatz- und Streifendienstes im Polizeikommissariat Sulingen, kennt das Modell Fahrradstraße aus heimatlichen Gefilden und weiß: „Das braucht Zeit.“

Es müssten sich erst alle daran gewöhnen, dass die Fahrradstraße die schwächeren Verkehrsteilnehmer schützt und es dauere, bis die Aussage „Hier hat der Fahrradfahrer Vorrang“ auch bei allen in den Köpfen angekommen ist. „Wir sind optimistisch, dass das Projekt Früchte trägt.“

Angst der Radler, auf der Straße zu fahren

Aktuell sei die Gewöhnungsphase eben heikel: Die zunehmende Lockerung der Corona-Auflagen geht einher mit einer Vielzahl an Radlern, die das schöne Wetter nutzen. Kurzum: Die Zahl der Menschen, die draußen unterwegs sind, ist rapide angestiegen. Was schon vor Corona bestand: die Angst der Radler, auf der Straße zu fahren. Die aber soll ihnen genommen werden. Bürgermeister Rauschkolb betont: „Wir wollen die Durchfahrbarkeit weiterhin gewähren.“ Er schließt aber auch nicht aus, dass noch weitere Maßnahmen getroffen werden. Vielleicht versenkbare Poller, die sonntags jeglichen Verkehr aus der Langen Straße nehmen.

Laut Andrick Hackmann wird bundesweit eine Zunahme an Unfällen zwischen Autofahrern und E-Bike-Radlern notiert. „Das verfolgen wir mit einem wachsamen Auge.“ Die bisherige Wahrnehmung des Radlers müsse sich ändern: Dirk Rauschkolb berichtet, dass Autofahrer oft genug die Geschwindigkeit der E-Biker unterschätzten. Zur gegenseitigen Rücksichtnahme zählt Hackmann indes auch, dass der Radler sich gleichsam des erhöhten Risikos bewusst ist.

Zurück zur Fahrradstraße: Die „Schulungsmaßnahmen“ sollen weitergehen. Sonja Fehrs nennt die Präventionsarbeit seit Jahren als einen Schwerpunkt ihrer Arbeit und hat gerade die ersten Seminare an den Schulen gegeben, die ihrerseits die Radfahrprüfungen nicht durchführen konnten –  die Pandemie hat die Verkehrserziehung ausgebremst.

„Wir wollen motivieren, sich an die Regeln zu halten“, nennt es Nicole Kossinna, wenn sie und die Mitarbeiter des Ordnungsamtes in die gelben Westen schlüpfen, so schon weithin sichtbar „Kontrolle“ signalisieren und Menschen sich daraufhin genauso schnell an die Regel erinnern, die sie gerade verletzen. Grundsätzlich soll die Lange Straße für Radler eine sichere Option sein. Und die wiederum sie auch stärker nutzen.

Das Prinzip Fahrradstraße

Der Fahrradfahrer bestimmt das Tempo: Auf einer Fahrradstraße gilt, dass der motorisierte Verkehrsteilnehmer hier Gast ist, und sich den Radlern und deren Geschwindigkeit anpassen muss. Die Lange Straße in Sulingen ist seit Langem „Tempo-20-Zone“ und unterscheidet sich damit zu anderen Fahrradstraßen, auf denen einen Geschwindigkeitslimit von 30 Kilometern pro Stunde gilt. Langsame Radler können nur überholt werden, wenn der Abstand zu ihnen mindestens 1,50 Meter beträgt. Die Vorfahrtsregeln bleiben bestehen. Radler dürfen auf der Fahrradstraße nebeneinander fahren. „Durch das erhöhte Sicherheitsempfinden aufseiten der Radfahrenden weichen diese nicht mehr auf die Gehwege aus. Davon profitieren auch die Fußgänger“, heißt es im Flyer, der aktuell verteilt wird. Mit der Einrichtung der Fahrradstraße werde die bislang selbstverständliche Bevorzugung motorisierten Verkehrs umgekehrt.

Von Sylvia Wendt

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