„H&S Anlagentechnik“ erhält Patent

Neues Leben für alte Matratzen: Sulinger Unternehmen entwickelt Recyclingverfahren

Vor dem Sulinger Hauptsitz von „H&S Anlagentechnik“ stehen Ralf Knief (links) und Rüdiger Schaffrath.
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Vor dem Sulinger Hauptsitz von „H&S Anlagentechnik“: Ralf Knief (links) und Rüdiger Schaffrath.

Sulingen – Was passiert eigentlich mit Matratzen, nachdem sie durch neue ersetzt wurden? Sie landen entweder in Verbrennungsanlagen oder auf Mülldeponien, weiß Rüdiger Schaffrath, Geschäftsführer der „H&S Anlagentechnik GmbH“. Das muss aber nicht mehr zwangsläufig so sein: Das Sulinger Unternehmen hat nun ein Verfahren patentiert, mit dem sich die Bettpolster recyceln lassen.

Seit 1987 befasst sich „H&S“ mit Polyurethanen, kurz PU. Dabei handelt es sich um flüssige Kunststoffe, die vor allem als Weich- oder Hartschaum zum Einsatz kommen – als Schaumstoff beispielsweise in Matratzen, Sitzauflagen oder Lenkrädern, aber auch als Isolierung in Kühlschränken oder Dächern, als Bestandteil der Sohlen von Sicherheitsschuhen, als Paneel oder in Armaturenbrettern von Fahrzeugen. Seinerzeit hätten Hersteller wie Bayer begonnen, den Kunststoff nicht mehr in Gebinden zu liefern, sondern in Tankwagen, und dafür hätten Tanklager entwickelt werden müssen, berichtet Schaffrath. Die seien damals in Zusammenarbeit mit der Hische GmbH konstruiert worden, und aus den Anfangsbuchstaben der Inhaber sei der Firmenname entstanden. Die Lager seien sehr anspruchsvoll in der Herstellung, aber auch qualitativ sehr hochwertig gewesen: „Das hat uns geholfen in Verhandlungen mit Rohstofflieferanten.“

Nach wenigen Jahren sei Ralf Knief, Geschäftsführer Vertrieb, hinzugestoßen, und Anfang der neunziger Jahre habe man begonnen auch international in großen Losen zu arbeiten. Weil der Wettbewerb immer stärker geworden sei, habe man neben der reinen Lagerung auch die Veredelung in den Blick genommen. So seien Anlagen entwickelt worden, um den PU-Rohstoff Polyol mit verschiedenen Additiven zu verarbeiten. „Wir wollten nicht nur der Lieferant von Tonnen von Stahl sein, deswegen haben wir immer auch an der Entwicklung der Technik gearbeitet“, betont Schaffrath. Das sei im Aufbau nicht immer rosig gewesen – an manchen Projekten sei auch ein oder zwei Jahre gearbeitet worden, ohne dass sie realisiert worden wären.

In der chemischen Anlage wird der Kunststoff aus den alten Matratzen wieder aufgearbeitet.

Vor zehn Jahren habe man dann mit der Aufarbeitung von Polyethylenterephthalat (PET) aus Getränkeflaschen in Polyol für Schaumstoffe begonnen. Dafür seien erste kleinere Anlagen gebaut worden, und in Wildau bei Berlin habe das Unternehmen ein Labor eingerichtet. „Damit haben wir die Basics gelernt und hatten das chemische Knowhow, um die Wiederverwertung anzugehen“, erläutert Rüdiger Schaffrath.

Gerade bei der Produktion von Matratzen entstehe unheimlich viel Abfall, weil sie aus großen Schaumstoffblöcken geschnitten werden, stellt Ralf Knief fest. Mit dem Verfahren des Unternehmens könnten die Produktionsreste gleich vor Ort recycelt und wieder für die Produktion verwendet werden. Das sei aufwendig, weil es sich um Duroplaste handele, die nicht einfach – wie Thermoplaste – durch Erhitzen in eine neue Form gebracht werden könnten, sondern chemisch in einem Reaktor recycelt werden müssten.

Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Argument geworden

Vor zehn Jahren sei solch eine Anlage nur zu verkaufen gewesen, weil man dem Kunden habe nachweisen können, dass er damit günstiger fährt als mit einer rein auf Erdöl basierenden Produktion. „Jetzt ist auch die Nachhaltigkeit ein wichtiges Argument – und es ist weiterhin günstiger.“ Heute legten sich auch die Hersteller selbst auf, dass ihre Produkte einen gewissen Recyclinganteil haben müssen, weil die Kunden das erwarten.

„Der nächste Gedanke war zwangsläufig die Verwertung von gebrauchten Matratzen“, sagt Knief. Bis zu 30 Millionen davon würden jährlich in Europa entsorgt, heißt es in einer Pressemitteilung des Unternehmens. Die Verwertung sei aufwendig – weil die Hersteller mit unterschiedlichen Zusammensetzungen arbeiten, sei jede Charge anders, hinzu kämen noch Verunreinigungen. Für das Verfahren habe man nun das erste Patent erhalten, weitere seien in der Prüfung, berichtet Rüdiger Schaffrath. Der „Ritterschlag“ sei, dass zwei Matratzenhersteller das Verfahren verwenden werden, die mit dem als sehr kritisch bei seinen Produkten geltenden Marktführer im Bereich Möbelhäuser assoziiert seien.

Eine vollautomatische Produktionslinie zum Zerlegen der alten Matratzen.

„Damit sind wir weltweit exklusiv“, betont Ralf Knief. Vor 30 Jahren sei die Produktion alleine auf Deutschland bezogen gewesen, aber inzwischen mache das heimische Geschäft nur noch 20 Prozent aus. „Durch die internationale Ausrichtung kommt Befruchtung aus den Märkten“, ergänzt Rüdiger Schaffrath, „das hat uns gefordert – und geholfen.“ So habe man auch im vergangenen Jahr, trotz der Pandemie, große Projekte in den USA, Schweden, Großbritannien, Russland, Mexiko und Frankreich abwickeln können, und schon jetzt habe das Unternehmen 30 bis 40 Prozent mehr Aufträge in den Büchern als im Vorjahr.

„Das Wichtigste ist die Entwicklung: Man muss immer in den Markt hineinhorchen und überlegen, was in ein, zwei Jahren ist“, hebt der Unternehmensgründer hervor. Daher gehe man nun den nächsten Schritt und arbeite am Recycling von Kühlschränken, bei denen sei die Isolierung ein Hauptbestandteil des Volumens.

Immer auf der Suche nach guten Mitarbeitern

Gearbeitet wird daran vorwiegend weiter in Sulingen, wo am Hauptsitz mehr als 20 Mitarbeiter in Verwaltung und Entwicklung beschäftigt sind. Die Konstruktion der Anlagen geschieht inzwischen in Radebeul bei Dresden.

„Wir sind immer auf der Suche nach guten Mitarbeitern, die Lust haben, in einem innovativen Unternehmen auf einem internationalen Markt ihren Beitrag zu leisten“, wirbt Knief. Und Schaffrath fügt hinzu: „Die Zeit ist gerade richtig, es stehen große Aufträge an.“

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