Kastrationen auf „Zuruf“

Nachbars Katze: Tierpfleger-Azubi auf den Spuren streunender Katzen

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Unter der Wippe wartet der Köder auf die Katze.

Sulingen - Von Lisa-Marie Rumann. Mittwochmorgen, 10 Uhr: Das Telefon von Nico Seefeld klingelt. Ein besorgter Bewohner aus Neuenkirchen meldet zwei streunende Katzen. Seefeld ist Auszubildender im Tierheim Sulingen-Lindern und lernt den Beruf des Tierpflegers.

Eine seiner Aufgaben ist es, eben solche Tiere einzufangen. Er macht sich auf den Weg. „In dieser Ecke haben wir schon vier Katzen gefangen“, erklärt Seefeld. Angekommen holt er zwei Katzenfallen aus dem Kofferraum des Autos. Prüfend schaut er sich im Garten um. „Am besten stellen wir sie irgendwo hin, wo sie nicht ganz so auffällig sind.“ Im Visier: der Rhododendron. Das Dickicht des Strauches eigne sich optimal. Mit geübten Handgriffen platziert er die grünen Metallgehege im Garten.

Nun schiebt er jeweils ein Päckchen Nassfutter in das Ende des Käfigs. Die Auswahl des richtigen Köders gestaltet sich nicht schwer. „Hauptsache es riecht“, so Seefeld. Streuner seien nicht wählerisch, sondern einfach nur hungrig. „Hin und wieder kann man sogar zuschauen wie sie direkt in die Fallen laufen.“ 

Seefeld sammelt streunende Katzen ein

Manchmal könne es aber auch einige Tage dauern. Die Zusammenarbeit erfolge dann mit den Anwohnern. „Der Herr, der die zwei Tiere gemeldet hat, kann von seinem Sessel im Wohnzimmer quasi beobachten, wenn die Klappe zufällt.“ Wenn aber bis zum Abend noch keine Katze in der Falle sei, werden sie geschlossen und morgens wieder geöffnet.

Am Nachmittag des nächsten Tages meldet sich der Anwohner. Zumindest eine der zwei Katzenfallen habe zugeschnappt. Seefeld macht sich auf den Weg, um den Streuner einzusammeln und zu Dr. Christine Lund zu bringen. Einen weiteren Tag später ist auch die zweite Katze gefangen – aber nicht im Käfig, sondern durch Einsatz des Nachbarn.

In einer gewöhnlichen Transportbox wird auch sie zur Tierärztin gebracht. Sie leitet die betreuende Tierarztpraxis für das Tierheim Lindern. „Wir nehmen die Katzen auf und schleusen sie durch das normale Programm: die Eingangsuntersuchung“, erzählt Lund im Telefongespräch. 

Fundkatze oder herrenloses Tier?

Neben Blut- und Parasitenuntersuchungen, Impfungen sowie Kastrationen wird auch festgestellt, ob das Tier trächtig ist. So wie in diesem Fall. „Fünf Kitten hat sie zur Welt gebracht“, erzählt Seefeld. Die junge Familie bleibe dann erst einmal im Tierheim.

Nico Seefeld positioniert die Falle.

Die Entscheidung, ob es sich um eine Fundkatze oder ein herrenloses Tier handelt, trifft Lund ebenfalls. Das ist wichtig, denn: Herrenlose Katzen werden nach der Kastration wieder ausgesetzt. Fundtiere bekommen im Tierheim Lindern ein Übergangsquartier und werden neu vermittelt. 

„Um sicher zu gehen, schauen wir, wie zutraulich das Tier ist.“ Der äußere Zustand könne ein Zeichen für die Einordnung sein, muss aber nicht. „Eine etwas zerzauste, aber zahme Perserkatze würden wir nicht als herrenlose Katze einstufen“, so Lund weiter. Der häufigste Grund von Fundkatzen sei, dass sie sich verirren.

Zahl der Fundanzeigen mit sinkender Tendenz

Die Zahl der Fundanzeigen habe sich aber insgesamt deutlich verringert. So seien es im Jahr 2012 noch rund 500 Streuner gewesen, die in der Klinik von Christine Lund behandelt wurden, während es im vergangenen Jahr nur noch etwa 200 gewesen sind. „Durch die Kastrationspflicht ist die Lage merklich besser geworden, aber behoben ist das Problem damit noch nicht.“

Die Kosten für eine Kastration belaufen sich auf rund 100 Euro. Ob sich viele Menschen vor den Kosten scheuen, auf denen sie möglicherweise sitzen bleiben, wenn sie eine Fundkatze abgeben? „Keine Panik“, so Lund. „Sobald sie ein Tier bei uns in der Praxis oder im Tierheim abgeben, übergeht es in die Obhut der Organisation.“

35 ehemalige Streuner im Tierheim Sulingen-Lindern 

Finanzielle Mittel für Kastrationen stellt der Landkreis Diepholz nicht bereit. „Für dieses Thema sind die Ordnungsämter der Gemeinden und Städte zuständig“, erklärt Dr. Karljosef Graf, Fachdienstleiter des Veterinärwesens und Verbraucherschutz. „Wenn wir eine Katze kastriert haben, bekommen wir die Kosten vom zuständigen Amt erstattet“, so Lund. „Das funktioniert quasi auf Zuruf.“

35 ehemalige Streuner leben derzeit im Tierheim Lindern. Im Schnitt bleiben sie bis zu einem Jahr. Manchmal dauert es aber etwas länger, um eine passende Familie für die Samtpfoten zu finden.

Info: Landesprogramm

Das Land Niedersachsen hat im vergangenen Jahr zwei Aktionen organisiert, bei denen Fundkatzen kostenlos zum Kastrieren gebracht werden konnten. Das Kontingent von 200.000 Euro war binnen zwei Wochen aufgebraucht. „Sehr gerne würde ich die Aktion mit den beteiligten Tierschutzverbänden und der Tierärztekammer erneut durchführen“, sagt Michaela Dämmrich, Tierschutzbeauftragte des Landes Niedersachsen. Sie sei noch auf der Suche nach Sponsoren.

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