Das schlimmste Weihnachten ihres Lebens: Familie Thamm und Maurice Krüger stehen nach dem Brand vor dem Nichts

„Diese Tat muss ein Gesicht bekommen“

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Anke und Martin Thamm zeigen auf ihr Wohnzimmer. Es ist völlig ausgebrannt.

Sulingen - Von Arne Flügge. Es waren fünf Minuten, in denen Martin Thamm kurz Zeit für sich hatte. Aber es waren die für ihn quälendsten fünf Minuten seines Lebens. „Ich habe es für mich immer wieder durchgespielt. Was wäre passiert, wenn das Feuer nicht entdeckt worden wäre? Was, wenn wir nicht rechtzeitig wach geworden wären? Was wäre geschehen, wenn meine Tochter allein da gewesen und in ihrem Zimmer geschlafen hätte?“

Bohrende Fragen, mit denen sich der 53-jährige Familienvater sein Hirn zermarterte – obwohl er die einzige Antwort längst kannte: Es wäre zu einer Katastrophe gekommen. „Wenn du darüber nachdenkst, was alles hätte in dieser Nacht passieren können, macht dich das richtig fertig“, räumt Thamm mit zittriger Stimme ein, „und das hat mich auch richtig schwer belastet.“

Seit 25 Jahren lebte er zusammen mit seiner Frau Anke (49) und seinen drei Kindern Marlena (27), Milan (24) und Joana (22) in einer der Dachgeschosswohnungen über dem Sportfunktionsgebäude mit Clubhaus des TuS Sulingen, das in der Wochenendnacht zum 13. Dezember völlig ausbrannte. Wie auch die Wohnung von Maurice Krüger (22), der in der zweiten Herrenmannschaft des TuS Sulingen in der Fußball-Kreisliga spielt. Thamm ist bei der Stadt Sulingen angestellt, Hausmeister, für die Pflege des Sportparks zuständig und gleichzeitig Platzwart des TuS Sulingen. Die Familie hat jetzt alles verloren. Dokumente, Fotos, Erinnerungen, Hab und Gut. Alles. „Auf dem Dachboden ist meine Kindheit verbrannt“, klagt Marlena. Die Wohnung war ihre Heimat.

Die Familie ist aber mit dem Leben davon gekommen. „Und das“, sagt Martin Thamm, „ist das Wichtigste. Man kann sich gar nicht vorstellen, was wir für Schwein gehabt haben.“ Wir stehen am ausgebrannten Gebäude. An der Wand deutet ein Schild „Zu Hause“ die Treppe hinauf Richtung Wohnung. Anke Thamm berührt es kurz und seufzt: „Ein Zuhause haben wir jetzt nicht mehr.“ Je näher man der Wohnung kommt, desto beißender wird der Geruch. Es ist eine Mischung aus kalter, matschiger Asche, Ruß, verbranntem Holz und modrigem Wasser, das in der Wohnung in alle Winkel geflossen ist. Jeder unserer Schritte durch die Ruine wird begleitet vom Knirschen und Knacken tausender kleiner und größerer Glassplitter unter den Füßen. In den Zimmern türmen sich teilweise kniehoch Schutt, Asche, zerplatzte Dachziegel, Mobiliar und herabgestürzte Balken – pitschnass vom Löschwasser.

Durch die verkohlte Balkenlage des offenen Daches pfeift ein kalter Wind. Da, wo das Dach noch nicht eingebrochen ist, hängen überall Fußbodenteile des Dachbodens, Balkenreste oder zerfetzte Glaswolle herunter. Verbranntes oder geschmolzenes Kinderspielzeug, verkohlte Textilien, Möbel, Weihnachtsdekoration – alles wahrlos am Boden verteilt. Vom Spiegel im Flur lacht uns Rudi das Rentier ramponiert an. Stummer Zeuge des Infernos. Der Qualm ist in jede Pore gezogen. Ein Bild der brachialen Zerstörung, die Feuer, Wasser und Luft gemeinsam anrichten können und die kaum vorstellbar ist. Mitten in einem der Räume sitzt – nahezu unversehrt – ein kleiner Stoffhund. Es ist das Zimmer von Sohn Milan.

Milan ist 24 Jahre. Er hat das Down-Syndrom. In der Nacht, als plötzlich das Feuer über die Familie hereinbrach, schlief er fest in seinem Bett, die Eltern nebenan. Marlena, die große Tochter, hat ihre eigene Wohnung in Sulingen. Joana studiert in Hannover, war an dem Wochenende nur rein zufällig nicht da. „Und wenn ich schlafe, bekomme ich nichts mit“, sagt sie. Als die Sirenen heulten, wurde Martin Thamm nur kurz wach. Etwas später aber weckten ihn Scheinwerfer- und Blaulicht, das ins Schlafzimmer des Ehepaares schien. Als der Vater verschlafen ein Fenster öffnete, befahl ihm von unten ein Feuerwehrmann, es sofort wieder zu schließen. Plötzlich nahm Martin Thamm Rauch in der Wohnung wahr. Er ging in den Flur, wo ihm bereits Qualm entgegenkam. „Raus, raus hier, schnell“, habe ich gerufen, erinnert sich der 53-Jährige.

Ausgebrannte Wohnungen im Clubhaus des TuS Sulingen

Er rannte in das Zimmer seines behinderten Sohnes, zog ihm schnell eine Hose an. „Martin war total aufgeregt und aufgelöst“, sagt Ehefrau Anke, die sich auch noch flink ein paar Sachen überwarf, ehe die Familie die Wohnung fluchtartig verließ. „Keiner ahnte, was los war. Wir wussten ja auch nicht, woher das Feuer kam“, sagt Martin Thamm. Unten angekommen, griff er sich zwei Arbeitsjacken, zog eine seinem Sohn an, ehe die Familie das Haus verließ. Milan huckepack auf dem Rücken des Vaters. Er hatte ja keine Schuhe mehr. Draußen wartete bereits ein Rettungswagen, der die Familie in Empfang nahm. „Sie haben sich liebevoll um Milan gekümmert“, sagt Anke Thamm dankbar. Während Frau und Sohn versorgt waren, ging Martin Thamm ums Haus herum. „Ich habe gesehen, dass das Kassenhäuschen brennt und ein bisschen was vom Dach.“ In dem Glauben, dass vielleicht doch nicht alles so schlimm sei, ging er zurück zu seiner Familie, wurde ebenfalls auf eine mögliche Rauchvergiftung untersucht.

Als der Platzwart dann zur Brandstelle zurückkehrte – Schockstarre. Angefacht vom Sturm, hatte sich das Feuer in Windeseile ausgebreitet. Alles stand in Flammen. „Und wenn du dann siehst, wie alles verbrennt, ist das so unwahr. Du denkst, was passiert hier gerade?“, erzählt Martin Thamm. Die Töchter Marlena und Joana wurden umgehend informiert. Marlena eilte sofort herbei. Joana fuhr von Hannover nach Sulingen. Als sie an der Unglücksstelle ankam, erlitt sie einen Schock. „Ich habe nur noch geschrien. Ich bin im Löschwasser zusammengesackt, habe einfach nur noch gestrampelt und geschrien“, berichtet die 22-Jährige unter Tränen. Die Nacht verbrachte die Familie in der Wohnung von Tochter Marlena. Tags darauf quartierten sich die Thamms in der Zwei-Zimmer-Ferienwohnung von Ankes Eltern in Siedenburg ein.

Die Solidarität und Unterstützung war riesengroß. „Die ganze Zeit sind Freunde, Nachbarn und Familienangehörige gekommen, haben uns Kleidung und Essen gebracht“, sagt Anke Thamm: „Das war unglaublich, einfach überwältigend.“ Auch das DRK stellte Kleidung zur Verfügung. Viel Hilfe und Unterstützung erhielt und erhält auch Maurice Krüger. Er bewohnte das Appartement neben den Thamms. Seine Wohnung gleicht ebenfalls einem Schlachtfeld. Der Brand hat auch ihm alles genommen. „Aber ein Buch, das meine Mama mal für mich geschrieben hat, konnte ich retten“, sagt der 22-Jährige. Unversehrt blieb ausgerechnet eine Tüte Grillkohle, die vor der Wohnungstür stand. „Ironie des Schicksals“, seufzt Krüger.

Auch Zweitherrenspieler Maurice Krüger hat beim Großfeuer alles verloren

Der junge Mann arbeitet als Erzieher in einer integrativen Einrichtung in Wagenfeld. Zum Zeitpunkt des Brandes war er auf der Weihnachtsfeier der TuS-Fußballerinnen, deren Trainer er auch ist. Als der Fußballer per Telefon informiert wurde, dass seine Wohnung brennt, hat ihn Freundin Franziska zum Unglücksort gefahren. Dort angekommen, „ging gar nichts mehr. Ich bin einfach nur in Tränen ausgebrochen“, sagt Krüger. Er rief sofort seinen Vater Dieter an. Der ist Notseelsorger. „Es war wichtig für mich, dass Papa gleich gekommen ist und für mich da war.“ Maurice hatte die Wohnung gerade renoviert, sich neue Möbel und eine Küche angeschafft. „Und dann stehst du da, und alles verbrennt“, erklärt er schluchzend: „Mein Kopf war wie ausgeschaltet, ich habe nichts mehr gefühlt.“ Die „extreme Solidarität“ (Krüger), die der Fußballer danach erfahren hat, sei unglaublich gewesen.

Maarten Schops, Trainer der ersten Mannschaft, habe ihm spontan Möbel und Kleidung bereitstellen wollen. Die Hilfsangebote von Freunden vermochte Krüger nicht zu zählen. „Und da ich nicht alle erwähnen kann, möchte ich betonen, dass jeder Einzelne in meinem Kopf und in meinem Herzen ist“, sagt Krüger, der momentan bei seiner Freundin wohnt. Die Erkenntnis der Polizei, dass es Brandstiftung war, macht es für die Familie Thamm und Maurice Krüger – so paradox es klingt – ein Stück einfacher. „Wir haben uns quälende Gedanken gemacht, ob wir das nicht alles selbst verschuldet haben. Durch eine Kerze vielleicht, die wir nicht gelöscht haben“, sagt Martin Thamm. „Oder dadurch, den Herd nicht ausgeschaltet zu haben“, ergänzt Krüger. Hassgefühle gegen den oder die Täter hegen sie nicht. Doch sie wollen, dass der Schuldige geschnappt wird. „Diese Tat muss ein Gesicht bekommen“, sagt Marlena, „damit jeder weiß, dass man mit so etwas nicht einfach davonkommt.“

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