Gründung eines Gesamtbeirats geplant

Mitbestimmung soll bei der Lebenshilfe in Sulingen noch stärker im Fokus stehen

Karsten Bonke steht neben einem Schild der Lebenshilfe.
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Karsten Bonke, pädagogischer Geschäftsführer der Lebenshilfe Grafschaft Diepholz, sieht die gemeinnützige Gesellschaft beim Thema Mitbestimmung auf einem guten Weg, aber noch nicht am Ziel angekommen.

Wie viel ist einem Menschen, der betreut wird, zuzutrauen, und wie viel wird ihm – in bester Absicht – abgenommen? Mitbestimmung lautet das Stichwort dazu, das bereits seit vielen Jahren ein Thema in der Arbeit der Lebenshilfe Grafschaft Diepholz ist. In der Umsetzung der Lebenshilfe-Strategie bekommt sie einen noch höheren Stellenwert.

  • Mitbestimmung soll im Alltag stärker Berücksichtigung finden
  • Tägliche Arbeit in allen Bereichen ist zu reflektieren
  • „Kunden“ der Lebenshilfe sollen zur Wahrnehmung ihrer Interessen ermächtigt werden

Sulingen – Angenommen, eine Gruppe einer Kindertagesstätte der Lebenshilfe Grafschaft Diepholz beschließt, nach draußen auf das Spielgelände zu gehen. Weil es vorher in Strömen geregnet hat, sollen die Kinder ihre Gummistiefel anziehen. Ein Kind jedoch möchte unbedingt seine Hausschuhe anbehalten und damit im nassen Sand spielen. Wie sollen sich die Mitarbeiter nun verhalten?

Respektieren sie das Selbstbestimmungsrecht des Kindes und lassen es gewähren, oder geben sie ihrer Fürsorgepflicht Vorrang und lassen das Kind nicht ohne geeignetes Schuhwerk zu den anderen Kindern? Diese Frage ist nur ein Beispiel für die Dinge, mit denen sich die Lebenshilfe in ihren Einrichtungen unter dem Stichwort Mitbestimmung vermehrt beschäftigt.

Wünsche der Bewohner beeinflussen Gestaltung

„Mitbestimmung ist ein Thema, das in der Lebenshilfe seit vielen Jahren in unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich gehandhabt wurde“, sagt Karsten Bonke, pädagogischer Geschäftsführer der Lebenshilfe. Das habe stark zusammengehangen mit der jeweiligen Leitung und den Mitarbeitenden vor Ort. So werde beispielsweise auf dem Hof Winkelmann in Rehden schon seit Langem versucht, alle Bewohner in Entscheidungen einzubinden. Aktuelles Beispiel dafür sei die Besetzung einer Stelle in der Küche: Die Bewohner seien nach ihrer Meinung über die verschiedenen Bewerber gefragt worden. „Das ist gut, aber auch in anderen Bereichen werden wir immer besser.“

An den Schulen würden inzwischen die individuellen Planungen mit den Eltern oder gesetzlichen Betreuern abgesprochen – „am Anfang nur punktuell, denn das ist auch abhängig vom Interesse der Eltern.“ Ein „wunderbares Beispiel“ sei das inklusive Wohnprojekt am Schwafördener Weg, wo es vor dem Bau eine Befragung unter den künftigen Bewohnern gegeben habe, damit sie ihre Wünsche mit einbringen konnten. „Das war nicht alles eins zu eins umzusetzen, aber es war auch wichtig in Hinblick auf die notwendige Umgestaltung der bestehenden Wohnanlage am Schwafördener Weg.“

„Jeder Bereich muss Alltag hinterfragen“

Den Anstoß zu dieser Entwicklung habe nicht zuletzt die Einführung eines qualitätsbasierten Managementsystems 2017 gegeben. Die Praxis habe man sich damals vor Ort im „Josefsheim Bigge“ in Olsberg angesehen und sei ganz begeistert gewesen. „Im System gibt es zehn Themenblöcke, beispielsweise Teilhabe oder Ethik, da findet sich die Mitbestimmung an jeder Stelle wieder“, erläutert der Geschäftsführer. Erste Schritte sei die Lebenshilfe dann 2018 gegangen, mit einer groben Bestandsaufnahme. Das Ergebnis: „Teils waren wir gut aufgestellt, teils gab es aber noch gewaltigen Nachholbedarf.“

Der Weg zu mehr Mitbestimmung sei ein „Riesenprozess, und da sind wir noch mittendrin.“ Es gelte, immer am Ball zu bleiben und die eigene Arbeit zu reflektieren, um eine andere Haltung aufzubauen: „Jeder Bereich muss seinen Alltag hinterfragen.“

Eine Reihe von Kinderrechten ist auf dem Plakat der Kita „Lindenblüte“ dargestellt.

Etwa im Schulbereich, der gerade für sich zehn Schülerrechte formuliert habe. In den Kindertagesstätten gehe es derzeit darum, dass die Kinder Selbstbestimmung lernen, ergänzt Lebenshilfe-Pressesprecherin Anja Mundt, in der Kita „Lindenblüte“ in Lindern sei gerade ein Plakat erarbeitet worden zum Thema Kinderrechte.

Das Thema Mitbestimmung finde sich auch wieder in der Fünf-Jahres-Strategie, die sich die Lebenshilfe selbst gegeben habe, so Karsten Bonke. Bei deren Umsetzung sei man durch die Pandemie etwas in Verzug geraten.

Angebote individueller zuschneiden

Ein weiteres Schlagwort sei der Begriff Empowerment: „Wir wollen unsere Kunden ermächtigen, ihre Interessen selbst zu vertreten.“ Eine Steuerungsgruppe dazu treffe sich regelmäßig, um ein entsprechendes Konzept zu erarbeiten – noch in der ersten Jahreshälfte solle es fertig werden.

Ebenfalls in diese Richtung wirken werde der bereits in der Strategie verankerte Gesamtbeirat, der noch gegründet werden soll. Die Verantwortung dafür trägt Anja Mundt, und ihr zufolge habe es bereits erste Gespräche gegeben. „Jetzt geht es darum: Wie wird der Beirat ausgestaltet, wie wird es anderswo umgesetzt, welche Themen sind von Belang, welche Aufgaben kann der Beirat übernehmen und wie wird er im Vorstand gehört?“ Auch eine Satzung müsse für das Gremium noch erarbeitet werden.

Die zehn wichtigsten Schülerrechte

Aus den Rechten, die in der UN-Konvention über die Rechte des Kindes von 1989 aufgelistet sind, hat das Lehrerkollegium der Paul-Moor-Schulen die folgenden Punkte als die zehn wichtigsten Schülerrechte ausgewählt: das Recht auf Gleichbehandlung (Artikel 2), der Vorrang für das Kindeswohl (Artikel 3), das Recht auf Mitbestimmung (Artikel 12), das Recht auf Zugang zu Medien (Artikel 17), der Schutz vor Gewalt und Verwahrlosung (Artikel 19), der Schutz auf der Flucht (Artikel 22), das Recht auf Gesundheitsvorsorge (Artikel 24), das Recht auf angemessene Lebensbedingungen (Artikel 27), das Recht auf Bildung und Schule (Artikel 28) sowie das Recht auf Spiel, Freizeit und Erholung (Artikel 31). Im nächsten Schritt sollen diese Rechte mit Schülern und Eltern bearbeitet werden.

Um Mitbestimmung gehe es auch bei den Angeboten, wie es sie beispielsweise für die Bewohner der Wohnanlage gibt, ergänzt Karsten Bonke. Wenn die Mitarbeiter eine Aktivität anbieten, blieben die Kunden unbeschäftigt, die darauf gerade keine Lust haben. „Der nächste Schritt muss daher sein: Wie können wir die personelle Unterstützung bekommen, um den individuellen Wünschen gerecht zu werden?“ Hier werde auch das Ehrenamt ein Thema, etwa als Begleitung beim Kinobesuch, beim Spaziergang oder beim Eisessen.

Die Mitbestimmung spiele auch eine Rolle bei den Anforderungen, die das Bundesteilhabegesetz stellt, denn danach gebe es den Auftrag, Leistungen individuell zuzuschneiden, sagt Karsten Bonke. Dabei gehe der Trend zu personenzentrierten Wohnformen, und das sei bereits zu bedenken bei der anstehenden Umgestaltung am Schwafördener Weg. „Da ist nicht nur die Bausubstanz in die Jahre gekommen.“ Auch bei der Personenzentrierung gebe es Nachholbedarf, und für die Planungen sei gerade eine Konzeptgruppe eingerichtet worden.

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