Eines der ältesten Sulinger Gebäude

Mit dem Pferd durch das Haus

Drei Frauen sitzen auf einer Bank vor einem Fachwerkhaus.
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Auf der Bank vor dem Haus sitzen die drei Eigentümerinnen (von links) Antje Melloh-Tretau, Kerstin Melloh-Kordes und Ulrike Melloh.

Sulingen – Die Bank vor dem Haus spielt eine wichtige Rolle. „Wir haben hier eine super Nachbarschaft“, bekräftigt Kerstin Melloh-Kordes, Bewohnerin des Hauses Nummer 5 an der Schmiedestraße in Sulingen. Sobald sich jemand auf die Bank setzt, geselle sich bald jemand dazu. „Das ist eigentlich jeden Abend so.“ Diese Tradition werde schon lange gepflegt, schließlich handele es sich bei dem Gebäude um eines der ältesten in Sulingen.

Errichtet worden sei es unmittelbar nach dem großen Brand in Sulingen von 1719, dem ein Großteil der damaligen Häuser zum Opfer fiel. Der ursprüngliche Standort habe wohl etwas näher an der Langen Straße gelegen, aber im Zuge des Wiederaufbaus nach den Plänen von Ingenieur-Leutnant Eden aus Nienburg wurden die Straßen verbreitert und die Neubauten mit mehr Abstand zueinander errichtet.

Bauherr war der 1664 geborene Cord Steinweg, der am 9. Januar 1730 starb. Schon ein Vorfahr von ihm fand Eingang in die Annalen der Stadt, weil er 1527 auf einem Scheiterhaufen an der Gosewehr verbrannt wurde. Sein Vergehen: Er war zu den Lehren des Dr. Martin Luther konvertiert.

Das alte Fachwerk verläuft selten schnurgerade.

Cord Steinweg heiratete 1680 Anna Melloh, und beider Sohn ist 1682 verzeichnet als Joachim Steinweg, genannt Melloh. „So kam der Familienname Melloh“, berichtet Kerstin Melloh-Kordes – eigentlich sei die Familie nach dem ersten gepflasterten Weg in Sulingen, der heutigen Schmiedestraße, benannt gewesen. „Wenn mein Vater kam, sagten die älteren immer noch: ,Do kummt Steenwechs Buur‘.“ Ihr Vater war der im Juni verstorbene Friedrich Melloh, und seiner Leidenschaft für die Ahnenforschung verdanken die drei Töchter – Ulrike Melloh, Kerstin Melloh-Kordes und Antje Melloh-Tretau – ihren Wissensfundus über die Geschichte der Familie und des Hauses.

Dessen Alter lasse sich an vielen Stellen ablesen – viele Wände bestehen noch aus Lehm, weswegen es im Sommer im Haus immer kalt sei, vieles sei schief, und jeder Raum sei nur über eine Stufe zu betreten. Daran habe sich auch kaum etwas geändert, als im Jahr 2000 das Gebäude eine komplett neue Gründung erhielt und der Heuboden zu Wohnräumen ausgebaut wurde.

Durch das Scheunendach schimmert das Sonnenlicht.

Bis in die 1960er Jahre hinein sei auf dem Hof, zu dem auch noch zwei Häuslingshäuser auf dem Grundstück gehörten, Landwirtschaft betrieben worden mit der Haltung von Pferden und Kühen. Am Gebäude selbst gab es jedoch nur einen, wenn auch weiträumigen, Garten für Gemüse und Obstbäume. Die Weiden für das Vieh hätten jedoch im Sulinger Bruch gelegen, weswegen zum Melken mit den Milchkannen mit dem Fahrrad oder später mit dem Motorrad gefahren werden musste, erinnert sich Ulrike Melloh. Die Pferde hätten zudem im Brandfall die örtliche Feuerwehrpumpe ziehen müssen.

Nach Ende der Landwirtschaft beherbergte das Anwesen ein Fuhrunternehmen – und auch sonst habe immer ein reger Betrieb geherrscht: „Die Haustür stand immer offen“, so Kerstin Melloh-Kordes, „und die Nachbarn sind immer durch das Haus gelaufen, wenn sie zur Südstraße wollten.“ Einmal sei sogar ein Bekannter aus dem Reitverein mit seinem Pferd durch den Flur und die große Diele geritten. Es sei stets ein Mehrgenerationenhaus gewesen, ergänzt Ulrike Melloh: „Hier war immer etwas los, und das Haus war immer voll.“ Der Hof selbst verbinde die Schmiedestraße mit der Hohen Straße, was häufig als öffentlicher Weg missverstanden werde. Verbunden sei das Grundstück auch mit den umliegenden Flächen, denn „alle Nachbarn haben von ihren Gärten ein Tor zu unserem Garten.“ So habe man sich früher gerne getroffen, und auch heute tausche man sich gerne „über den Zaun“ aus – wenn man sich nicht an der Bank vor dem Haus trifft.

Serie Hausgeschichte(n): Private Häuser im südlichen Landkreis Diepholz: Deren Geschichte und auch Geschichten von Bewohnern stellen wir in der Serie „Hausgeschichte(n)“ vor. Besitzen oder bewohnen Sie ein Gebäude, das etwa 100 Jahre alt ist und über das oder aus dem es Interessantes zu erzählen gibt? Dann lassen Sie es Teil der Serie werden. Schreiben Sie eine E-Mail mit dem Betreff Hausgeschichte(n) an redaktion.diepholz@kreiszeitung.de beziehungsweise redaktion.sulingen@kreiszeitung.de und beschreiben Sie darin kurz und stichwortartig die Besonderheiten des Gebäudes. Bitte Anschrift und Telefonnummer nicht vergessen. Nach Prüfung und Absprache verfassen wir dann einen Bericht mit Fotos. Kosten entstehen Ihnen dadurch selbstverständlich nicht.

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