Mögliche Umbenennung von Straßen

Sulinger Ratsfraktionen: Namen auslöschen oder aushalten?

Das Straßenschild der Hindenburgstraße in Sulingen.
+
Die Hindenburgstraße in Sulingen trägt ihren jetzigen Namen seit 1933.

Sulingen – Was tun mit Straßen, deren Namen aus heutiger Sicht nicht mehr als zeitgemäß empfunden werden? In Bassum wird über diese Frage derzeit erregt debattiert, aber wie sieht es in Sulingen aus?

Zum Hintergrund: Die Bassumer SPD-Fraktion im Stadtrat hatte den Antrag gestellt, die dortige Hindenburgstraße umzubenennen, weil Namensgeber Paul von Hindenburg kein Vorbild sei (wir berichteten). Auch in Sulingen gibt es eine Straße dieses Namens – seit dem April 1933, als die bisherige Landbundstraße umbenannt wurde. Sollte also auch in der Sulestadt über einen neuen Namen nachgedacht werden oder ist es sinnvoller, die bestehende Bezeichnung zu belassen und gegebenenfalls zu erläutern? Wir haben die im Sulinger Stadtrat vertretenen Fraktionen und Gruppierungen ebenso wie Bürgermeister Dirk Rauschkolb um eine Stellungnahme gebeten.

Ihm liege aktuell kein entsprechender Antrag zur Umbenennung vor, stellt der Bürgermeister fest, aber in der Vergangenheit habe es bereits Anfragen von Bürgern gegeben. 2009 sei es schon um die Hindenburgstraße gegangen und 2013 um die Schmelingstraße. In beiden Fällen sei in den politischen Gremien beraten worden, was allerdings nicht zu einer abändernden Beschlussfassung geführt habe; im Fall der Schmelingstraße sei nach Recherchen im Bundesarchiv Berlin sowie in Koblenz im Hinblick auf NS-Mitgliedschaften kein Handlungsbedarf gesehen worden.

Umbenennung nicht von Anwohnern angeregt

„Die historische Einordnung des Reichspräsidenten von Hindenburg ist unstrittig. Ich bin der Auffassung, dass die Straßenbenennungen auch ein Teil der Sulinger Geschichte sind und durch ihre Präsenz eine Mahnung darstellen und die dunklen Seiten der deutschen Geschichte dokumentieren.“ Diese bedürfe sicher der dauerhaften Aufarbeitung, die aber ja auch geleistet werde. „Die Straßenbenennungen sind aus heutiger Sicht also nicht etwa als Würdigung von Verdiensten, sondern in diesem Fall als Mahnung zu sehen.“ Die Anregung einordnender Hinweise nehme er gerne auf und werde diese veranlassen.

Aktuell keinen Handlungsbedarf in dieser Frage sieht Matthias Wendland, Vorsitzender der Gruppe CDU / Bürger erreichen: „Solange eine Straßenumbenennung nicht von den Anwohnern angeregt wird, ist das für uns zurzeit kein Thema und bringt Sulingen nicht nach vorn.“ Die ärztliche Versorgung für das Mittelzentrum und die zu Corona-Zeiten schwierige Haushaltslage seien vorrangige Themen.

Namen als Teil der Erinnerungskultur

Zugleich spreche sich die Gruppe gegen eine Umbenennung aus: „Natürlich hat Hindenburg, der in der Weimarer Republik seit 1925 Reichspräsident war, bei der Machtübernahme Hitlers mitgewirkt. Aber er ist nun einmal ,Teil der deutschen Geschichte‘. Löschen wir nun diesen Namen aus dem Stadtbild, so löschen wir Teile unserer Erinnerungskultur aus, die uns anhält, uns mit dem Thema im Alltag auseinanderzusetzen.“

Laut Dörte Knake (FDP) sei es legitim, sich mit der Thematik historisch kritisch auseinanderzusetzen. „Berechtigte Kritik darf nicht verschwiegen werden, wenn es denn heute auch anders bewertet wird als vor 50 Jahren. Über die nicht immer glücklichen Entscheidungen dieses Mannes sollte man stets informieren.“ In jedem Fall müssten die Anwohner mit einbezogen werden, „dies ist nur demokratisch.“ Dabei dürfe auf keinen Fall vergessen werden, was eine Straßennamensänderung letztendlich für die Anwohner, Gewerbebetriebe und Behörden bedeute – die Änderung sämtlicher behördlicher Dokumente wie Personalausweise und Führerscheine sowie Versicherungen, Briefbögen, Visitenkarten und vieles mehr. „Nach unserer Ansicht dürfen die Kosten nicht auf die Anwohner, Gewerbebetriebe oder Behörden umgelegt werden.“ Daher spreche die FDP sich gegen eine Umbenennung aus.

„Dazu stehen und es aushalten“

Es könne insgesamt ein Thema sein sich zu fragen, ob die Namensgebung noch angemessen ist, sagt Uwe Overhoff als Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler. Seine Fraktion sei bereit, darüber zu sprechen, aber „es kann nicht sein, dass wir alles in der Geschichte auslöschen, sondern wir müssen dazu stehen und es aushalten.“ Wenn das Negative nicht auch deutlich gemacht werde, verschwinde es nicht. „In diesem Fall, der grenzwertig gesehen wird, sind wir für eine Begleitung und würden eine Umbenennung nicht unterstützen.“ Es müsse von Fall zu Fall betrachtet werden: „Wir stehen der Diskussion offen gegenüber.“

Die Gruppe Die Grünen / Die Partei habe sich mit dem Thema schwergetan, räumt der Vorsitzende Hermann Schröder ein. „Sicherlich ist die einstige Lichtgestalt Hindenburg aus heutiger Weltsicht als ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte zu betrachten. Von daher würde ihm aus unserer Gruppe heutzutage keinesfalls die Ehre zuteilwerden, einen Sulinger Straßennamen schmücken zu dürfen.“ Allerdings sehe die Gruppe akut keinen initiativen Handlungsbedarf. „Es ist auch, trotz der aktuellen Diskussion in Bassum, kein diesbezügliches Anliegen direkt Betroffener an uns herangetragen worden, sodass wir unsere Aufmerksamkeit lieber akuten und dringlicheren Problemen widmen als uns mit einer solchen Umbenennung den damit verbundenen Kosten- und Verwaltungsaufwand aufzubürden. Die einfachste und günstigste Lösung wäre sicherlich, eine Person gleichen Namens mit verdienstvollem Hintergrund zu finden.“

Umbenennung nur mit breiter Ratsmehrheit

Für die neu gegründete Fraktion „Sulingen!“ stellt Fraktionsgeschäftsführer Markus Liebs fest, dass solch eine Umbenennung Sache des Rates ist. „,Sulingen!‘ plant derzeit keine Anträge für eine Umbenennung von Straßen.“ Natürlich ändere sich im zeitlichen Kontext auch die Bedeutung von Personen und deren Einordnung. „Für Straßenumbenennungen sollte es immer eine breite Mehrheit geben. Grundsätzlich ist das hoher Verwaltungsaufwand und mit nicht zu unterschätzenden Kosten für die Anlieger verbunden.“

Für die SPD-Fraktion teilt der Vorsitzende Gunter Koop mit, dass die Diskussionen über dieses Thema innerhalb seiner Fraktion noch nicht abgeschlossen sind. „Es ist aber auch eher ein Thema für den neuen Rat.“

Reibungspunkte erhalten für die Auseinandersetzung mit der Geschichte

Umbenennen oder nicht – wie ist diese Frage aus pädagogischer und geschichtswissenschaftlicher Sicht zu betrachten? Stellung dazu nimmt auf Anfrage unserer Zeitung Claudia Schröder, die Obfrau für Geschichte des Gymnasiums Sulingen: Ihre persönliche Meinung spiele dabei keine Rolle, betont die Pädagogin, sondern es gehe um den Umgang mit Geschichte – „wir wollen wir das tun und welches Ziel wollen wir damit erreichen?“ Wichtig sei, eine Erinnerungskultur aufrechtzuerhalten, weil damit das Geschichtsbewusstsein geprägt werde, aber die Geschichte und das Geschichtsbewusstsein müssten immer auch kritisch hinterfragt werden. Hindenburg etwa werde heute vielfach negativ gesehen, aber damals, zur Zeit der Straßenbenennung, sei er vor allem für seine Rolle 1916 bis 1918 sehr geschätzt worden. „Ich bin immer für die Auseinandersetzung mit der Geschichte, und dafür brauchen wir Reibungspunkte.“ Das lasse sich nur erreichen, wenn die Namen erhalten blieben, ohne sie damit zu ehren.

Ein gelungenes Beispiel für diesen Umgang sei die Lettow-Vorbeck-Allee (benannt nach dem verschiedener Kriegsverbrechen im heutigen Namibia beschuldigten Generalmajor Paul von Lettow-Vorbeck, die Red.), die umbenannt worden sei in Namibia-Allee. Die alten Straßenschilder seien aber nicht entfernt worden, sondern sie seien rot durchkreuzt worden, und darüber befänden sich nun die Schilder mit dem neuen Namen: „So ist ein deutlicher Hinweis gegeben auf unsere heutige Sichtweise“, sagt Claudia Schröder.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Israels Armee tötet hochrangigen Militärkommandeur in Gaza

Israels Armee tötet hochrangigen Militärkommandeur in Gaza

Angriff auf Tel Aviv - Hamas-Leute im Fadenkreuz Israels

Angriff auf Tel Aviv - Hamas-Leute im Fadenkreuz Israels

Israel greift Hamas-Tunnel an - Feuerpause nicht in Sicht

Israel greift Hamas-Tunnel an - Feuerpause nicht in Sicht

Bundesregierung: „Antisemitische Kundgebungen nicht dulden“

Bundesregierung: „Antisemitische Kundgebungen nicht dulden“

Meistgelesene Artikel

Lönsstraße in Sulingen: Schön, aber zu teuer?

Lönsstraße in Sulingen: Schön, aber zu teuer?

Lönsstraße in Sulingen: Schön, aber zu teuer?
Stadtwerke: Opalla 1,2 Millionen Euro angeboten

Stadtwerke: Opalla 1,2 Millionen Euro angeboten

Stadtwerke: Opalla 1,2 Millionen Euro angeboten
Kran muss Kran bergen: B 51 in Diepholz für mehrere Stunden voll gesperrt

Kran muss Kran bergen: B 51 in Diepholz für mehrere Stunden voll gesperrt

Kran muss Kran bergen: B 51 in Diepholz für mehrere Stunden voll gesperrt
Todesfall nach Corona-Impfung im Landkreis Diepholz – Obduktion am Freitag

Todesfall nach Corona-Impfung im Landkreis Diepholz – Obduktion am Freitag

Todesfall nach Corona-Impfung im Landkreis Diepholz – Obduktion am Freitag

Kommentare