„Mehr Hilfe von der Politik“

Fachtagungsteilnehmer fordern Umdenken beim inklusiven Arbeitsmarkt

Sulingen - 0,17 Prozent. Eine erschreckend geringe Zahl, die Ulrike Tammen, Fachdienstleisterin Soziales beim Landkreis Diepholz am Montag im Restaurant Dahlskamp in Nordsulingen präsentierte.

So viele Menschen mit Behinderung schaffen den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt. Bei ihnen hat die Inklusion – was das Arbeiten angeht – geklappt. Doch warum gelingt es nur so wenigen? Dieser Frage gingen die rund 50 Teilnehmer der Fachtagung „Inklusiver Arbeitsmarkt – Chancen und Hürden“ nach, zu der die SPD-Kreistagsfraktion eingeladen hatte.

„Schalter im Kopf umlegen“ war eine Forderungen an die Gesellschaft, und „das sind wir alle“, wie Mechthild Strake vom Behindertenbeirat betonte. Man könne die Verantwortung nicht allein auf die Unternehmen schieben, indem man sie auffordere, mehr Menschen mit Behinderungen einzustellen. Und die Aufgabe der Politik ende nicht damit, Geld bereitzustellen. „Die Fördertöpfe sind voll, aber keiner geht ran“, wie Moderator Heinfried Schumacher anmerkte.

Viele Firmen seien nicht informiert, welche Möglichkeiten es gibt und welche Hilfen sie bekommen können, wenn sie sich entschließen, einen Mitarbeiter mit Handicap einzustellen. Wenn sie es tun wollten, mache Bürokratie die Angelegenheit kompliziert, was gerade für kleinere Betriebe abschreckend wirke. „So muss man bei der Kündigung eines Schwerbehinderten eine Erklärung vor dem Integrationsrat ablegen“, wusste Jens Leßmann von der Kreishandwerkerschaft Diepholz/Nienburg. Er schilderte die Situation der Betriebe, die einen Schwerbehinderten eingestellt haben.

„Behinderte werden in ihren Betrieben geschätzt“

Diese charakterisieren ihre Mitarbeiter als „fleißig, unauffällig und hoch motiviert“. Als Haupteinstellungsgrund nennen sie, dass die Art der Behinderung nicht bei der Tätigkeit beeinträchtigt. Die meisten Arbeitnehmer haben eine körperliche Behinderung, die sich zudem erst im Laufe des Arbeitsverhältnisses entwickelt hat. Das zeige auch, dass das Thema alle angehe, denn es könne jeden jederzeit treffen.

„Behinderte werden in ihren Betrieben geschätzt“, lautet ein Fazit einer Umfrage bei den Unternehmen. Aber über die Hälfte sagt auch, dass sich die Beschäftigung für sie wirtschaftlich nicht rechne. Eine Möglichkeit, Menschen aus den Behinderten-Werkstätten in den Arbeitsmarkt zu bekommen, ist das Budget für Arbeit. Damit werden langfristige Hilfen von bis zu 70 Prozent der Lohnkosten für Arbeitgeber gewährt, die Menschen aus einer Werkstatt einstellen. Wie ist es im Landkreis? „1 300 Personen arbeiten in den Werkstätten“, erzählte Ulrike Tammen. Aber nur vier sind über das Budget für Arbeit, das der Kreis zahlt, an einen Job gekommen. Die Verwaltung beschäftigt 77 körperlich Behinderte und liegt damit über dem Trend.

Die Frage kam auf, ob die Werkstätten genug leisten, um die Menschen in Arbeit zu bringen. „Wir haben uns auf den Weg gemacht“, so Wilfried Lau von den Delme-Werkstätten. Eine Tücke sei, dass die Menschen auf dem Arbeitsmarkt meist Mindestlohn bekämen und ihre Rente kleiner sei, als wenn sie in den Werkstätten blieben. „Da müsste die Politik ran.“

Einblick in einen inklusiven Arbeitstag

In der Diskussion klangen Ideen an, wie man Behinderte in den Arbeitsmarkt bringen könnte. So erklärte eine Frau, die als Job-Coach arbeitet, sie freue sich über Arbeitgeber, die Interesse haben, solche Menschen einzustellen. „Wir kommen in die Betriebe, beraten und gucken, was möglich ist.“ Auch Lau meinte: „Wir können Nischen finden. Man muss nur immer nach individuellen Lösungen suchen.“ Der Vorschlag, Betriebe müssten Stellen mit einfachen Tätigkeiten schaffen, stieß auf Skepsis. „Für die Unternehmen ist es nicht wirtschaftlich, da solche Stellen ja auch mit dem Mindestlohn bezahlt werden müssen“, so Leßmann.

Einblick in einen inklusiven Arbeitstag gab Andreas Besser von K-Nord aus Ganderkesee, der sechs Behinderte beschäftigt. Drei von ihnen bräuchten viel Hilfe, „eineinhalb Stunden pro Tag“, schätzte Besser. Wenn die Kollegen nicht dahinter stünden, ginge es nicht. Auch er wünscht sich mehr Hilfe von der Politik für Firmen – nicht nur Geld. „Man muss Unternehmen helfen, den Schalter im Kopf umzulegen.“

juk

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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