SSH Sulinger Land und Freunde weitet Angebote aus

Mehr Hilfe für Suchtbetroffene

Das enge Verhältnis der beiden Gruppenleiter Stefan Winkelmann (links) und Elly Plenge zueinander ermöglicht die Ausweitung der Hilfsangebote.
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Das enge Verhältnis der beiden Gruppenleiter Stefan Winkelmann (links) und Elly Plenge zueinander ermöglicht die Ausweitung der Hilfsangebote.

Sulingen – „Corona hat alles verändert, es ist nichts mehr, wie es war“, stellt Stefan Winkelmann fest, 1. Vorsitzender der Suchtselbsthilfe (SSH) Sulinger Land und Freunde. In vielerlei Hinsicht hat die Pandemie Auswirkungen auf das Leben der Menschen gehabt, aber besonders spüren das Winkelmann und Elly Plenge, die 2. Vorsitzende des SSH, in der Arbeit mit Suchtbetroffenen.

Viele für das Jahr geplante Veranstaltungen mussten ausfallen, vor allem aber waren von Mitte März an für zehn Wochen keine Gruppenabende mehr möglich. „Damit ist für viele Teilnehmer ein Stück Lebensqualität weggebrochen“, stellt Stefan Winkelmann fest. Ein suchtkranker Mensch benötige Struktur und geregelte Tagesabläufe, erläutert Elly Plenge, außerdem sei der Austausch mit anderen bei den Gruppenabenden wichtig – sowohl für die Kranken selbst als auch für die sogenannten Co-Abhängigen, etwa Angehörige und Lebenspartner. „Wir waren und sind auch weiterhin telefonisch 24 Stunden, sieben Tage die Woche, zu erreichen. Aber es ist eine große Herausforderung, die Menschen zu betreuen, wenn man sich nicht sehen kann. Wir haben eine kompletten Gruppe mit sechs Personen verloren, sie mussten aufgrund von Rückfällen in die Entgiftung gehen“, berichtet Winkelmann.

Inzwischen gebe es wieder Gruppenabende, die von beiden gemeinsam geleitet werden, allerdings mit starken Einschränkungen: Maximal 13 Personen statt bisher 20 könnten teilnehmen, es gebe ein Hygienekonzept, wonach unter anderem alles vor und nach dem Abend desinfiziert werde, Kekse und Getränke könnten nicht mehr angeboten werden und alle Teilnehmer müssen eine Maske tragen. Sonst sei die Atmosphäre sehr familiär und freundschaftlich gewesen, die Mitglieder hätten sich in den Arm genommen – jetzt müsse man auf andere Weise Nähe herstellen.

„Es gibt auch Leute, die deswegen jetzt wegbleiben“, so der Vorsitzende. Hinzu komme, dass etwa 80 Prozent der Gruppenmitglieder zur Corona-Risikogruppe gehören. Vorbildlich sei da die Sulinger Hauptgruppe, die Mitglieder meldeten sich vorher an, achteten untereinander darauf, dass jedes Mitglied mal die Chance erhält, beim Gruppenabend dabei zu sein.

Verändert haben sich die Abende laut Elly Plenge auch inhaltlich: „Sonst haben wir immer verschiedene Themen vorbereitet, aber jetzt geht es nur noch um Akutsituationen wie Kurzarbeit oder Existenzangst.“ Zudem seien die Menschen aggressiver geworden, ergänzt Winkelmann: „Der Tonfall ist rauer, die Lautstärke ist angehoben und alle fühlen sich sehr schnell angegriffen – man muss sehr vorsichtig sein, was man zu wem sagt.“

Besonders schwerwiegend sei der Einschnitt für Twistringen gewesen, wo es seit Ende November 2019 eine eigene SSH-Gruppe gab. „Da haben wir viel Arbeit und Energie hineingesteckt, aber dort fangen wir jetzt quasi von Null an“, so Plenge.

Jetzt doppelt so viele Gruppenabende

Um die Situation zu entspannen, haben sich beide entschlossen, ab sofort die Zahl der Gruppenabende im Haus Südstraße in Sulingen und im Haus Neuwerk in Freistatt zu verdoppeln. „Der Bedarf ist gestiegen, deswegen haben wir uns schweren Herzens dazu entschlossen, obwohl wir schon an unserer Leistungsgrenze sind“, bekundet Winkelmann. Möglich sei das nur, weil sie „eine starke Truppe“ hinter sich hätten und sich dafür aus der Klinikarbeit zurückziehen könnten.

„Wir müssen auch auf uns selber achten, weil wir nicht nur Gruppenleitung, sondern auch Mitglied sind“, stellt Plenge klar. Die Selbsthilfe sei eine Mega-Herausforderung neben Vollzeitjob und Privatleben – „wenn wir beide nicht auch beste Freunde wären, hätte es uns auch über die Grenze gebracht.“

Bald beginne die „schlimme Jahreszeit“, November und Dezember, in der es besonders viele Anrufe von Suchtkranken und Co-Abhängigen gebe. „Da ergänzen wir uns total gut, weil wir beide Seiten kennen – Stefan als Suchtkranker und ich als Co-Abhängige. Da können wir die Menschen in den Gesprächen gut abholen.“

Zusätzlich wünsche sich die SSH, mehr Präventionsarbeit leisten zu können, beispielsweise durch Infostände in Supermärkten, sagt Winkelmann. Im August sei die Gruppe erstmals wieder mit einem Stand auf dem Neuen Markt vertreten gewesen – „sonst machen wir das, um gesehen zu werden, aber diesmal gab es viel Informationsbedarf bei den Menschen.“

Darüber hinaus sind Winkelmann und Plenge ständig auf der Suche nach weiteren Gruppenleitern. Die Ausbildung zum freiwilligen Suchtkrankenhelfer, die beide absolviert haben, dauere sieben Monate. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so ,hardcore‘ ist – man wird an die seine Grenzen gebracht, weil es um die eigene Geschichte geht und die der anderen Teilnehmer, schon am ersten Wochenende“, erinnert sich Elly Plenge. „Wir sind aber froh über jede Unterstützung, auch von Außenstehenden.“

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