Produktions-Aus in Sulingen verkündet

Schuh-Riese Lloyd: Landkreis-SPD hofft auf Hilfe aus Hannover

Ein Mitarbeiter von Lloyd Shoes in Sulingen fertigt einen Schuh an.
+
In Sulingen wird künftig nicht mehr bei Lloyd Schoes produziert.
  • Andreas Behling
    vonAndreas Behling
    schließen

Sulingen – Ein Schlag für das Mittelzentrum, vor allem für die Beschäftigten und deren Familien: Der Schuhhersteller Lloyd Shoes stellt in Sulingen die Produktion ein. Nun soll Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) helfen.

  • Schuhhersteller Lloyd Shoes stellt die Produktion in Sulingen ein.
  • Zahlreiche Arbeitsplätze gehen in der Stadt im Kreis Diepholz verloren.
  • Die SPD bittet nun Ministerpräsident Stephan Weil um Hilfe für Sulingen.

Update vom 29. Juli: Die Sozialdemokraten im Landkreis Diepholz bitten Ministerpräsident Stephan Weil um Hilfe: Das Unternehmen Lloyd Shoes, das in Sulingen 125 Arbeitsplätze abbauen und die Produktion ganz ins Ausland verlagern will, soll eine Perspektive bekommen. Um die wirtschaftliche Situation des Unternehmens zu erörtern, trafen sich der SPD-Unterbezirksvorsitzende Ingo Estermann sowie die SPD-Kreistagsfraktionsvorsitzende Astrid Schlegel und die Sulinger SPD-Ortsvereinsvorsitzende Wiebke Wall mit dem Betriebsratsvorsitzenden von Lloyd Shoes, Gerd Beich.

Danach verfassten die Sozialdemokraten ein Schreiben an Weil, in dem sie um Unterstützung des Landes bitten. Daraus zitiert Ingo Estermann: „Deutlich wurde, dass die Arbeitnehmer fest davon überzeugt sind, dass das Unternehmen einen Strukturwandel schaffen kann, um sich auch neuen Wettbewerbsbedingungen anzupassen. Von dieser Position möchte der Betriebsrat die Geschäftsführung des Konzerns nun überzeugen. Es geht darum, Zeit zu gewinnen, damit entsprechende Konzepte umgesetzt werden können.“

SPD wünscht sich Hilfe zur Umsetzung von Lloyd-Shoes-Konzepten

Die Sozialdemokraten setzen sich dafür ein, „dass das Land diese Konzepte begleitet und dabei betrachtet, wie eine finanzielle Unterstützung im Rahmen der einzelbetrieblichen Wirtschaftsförderung aussehen könnte“. Das Ziel der SPD: „Wir könnten uns vorstellen, dass ein entsprechendes Signal für die Gespräche mit der Geschäftsführung nützlich wäre und am Ende so viel Arbeitsplätze wie möglich bestehen bleiben beziehungsweise nicht verlagert werden“, erklärt Ingo Estermann. Er ist Mitglied des Kreistages, ebenso wie Astrid Schlegel und Wiebke Wall. (sdl)

Update vom 9. Juli: Andreas Schaller, Sprecher der Lloyd-Geschäftsführung, erzählt im Interview, dass nicht nur die Produktion in Sulingen heruntergefahren werde, sondern auch in Rumänien und Indien - in Sulingen allerdings komplett, da dies der kleinste Standort sei. Bezüglich der Mitarbeiter sagt er: „Unsere Aufgabe ist es, das Unternehmen so aufzustellen, dass sie einen absolut sicheren Arbeitsplatz haben.“ Der Schuhhersteller sei bemüht, dass schnell Anschlusspositionen gefunden werden.

Darüber hinaus kritisiert Andreas Schaller die Politik, die den Handel massiv im Stich lassen würde. Da Handelsstrukturen zusammenbrechen und es keine Abnehmer gebe, könnten auch keine Schuh-Shops eröffnet werden. Die Konsequenz daraus: Viel weniger Umsatz. Deswege müsse diese Personalmaßnahme getroffen werden, erklärt der Sprecher.

Aber Lloyd verschwindet nicht ganz aus dem Mittelzentrum. Sowohl der Personalbereich, die Einzelhandels-Organisation, aber auch die gesamte Planung der Produktion im Ausland und der Materialeinkauf, bleibe am Sulinger Standort bestehen. Das mache jedoch ein relativ kleines Team aus.

Eine Chance die Schuhproduktion von Lloyd mittelfristig in Sulingen wieder aufzunehmen, sieht Andreas Schaller nicht: „Da irgendjemandem Hoffnung zu machen, wäre unseriös.“

Nachfrage in Corona-Krise weitestgehend ausgeblieben - Umsätze haben massiv gelitten

Ursprungsmeldung: Die Corona-Krise habe Lloyd hart getroffen: „Nicht zuletzt das über Jahre erfolgreich aufgebaute Vertriebskonzept der Nachlieferung, welches es dem Handel ermöglicht, ,just in time‘ beliefert zu werden und das über 50 Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht, hat massiv gelitten.

Sitz von Lloyd Shoes: Sulingen, Deutschland
Gründung:13. Februar 1888
Mitarbeiterzahl:ca. 1800 (2018)
Weitere Werke:Rumänien und Indien

Die weltweite Nachfrage ist durch die über Wochen hinweg geschlossenen Geschäfte weitgehend ausgeblieben. Auch nach Öffnung des Einzelhandels sind die Umsätze weit hinter den Vorjahreszahlen geblieben.“ Hinzu komme, dass insbesondere Business-Schuhwerk und Schuhe für formelle und festliche Anlässe „nicht annähernd im gewohnten Ausmaß nachsortiert“ würden – bedingt durch den Wegfall entsprechender Anlässe sowie die deutliche Ausweitung von Homeoffice.

In den letzten Monaten habe das Unternehmen Lloyd Shoes für nahezu alle Mitarbeitenden des Standortes Sulingen „Kurzarbeit beantragt und umgesetzt. In den Auslandswerken in Rumänien und Indien wurde die Produktion ausgesetzt und erst in den letzten Wochen wieder, mit verminderter Kapazität, hochgefahren.“

Im laufenden Geschäftsjahr erwarte Lloyd Shoes einen Umsatzrückgang gegenüber 2019 von circa 30 Prozent: „Die Verantwortlichen des Unternehmens rechnen aufgrund der sich massiv verändernden Märkte, insbesondere den Wegfall vieler Handelspartner, mittelfristig nicht mit einer Rückkehr zu den in den letzten Jahren erreichten Umsätzen.“

125 Arbeitsplätze bei Lloyd in Sulingen in Gefahr - Geschäftsleitung verweist auf Corona-Krise

Die Produktion in Sulingen, in der zurzeit noch arbeitstäglich 1 350 Paar Schuhe hergestellt würden, werde „im Rahmen der notwendigen Kapazitätsanpassung nicht weiter fortgeführt. Die Verwaltung wird verschlankt und so strukturiert, dass die Leistungen des Unternehmens gegenüber den Kunden (...) auch in Zukunft sichergestellt werden können.“ Circa 125 Vollzeitarbeitsplätze würden am Standort Sulingen nicht mehr zur Verfügung stehen. Den 14 Auszubildenden, die den Beruf des Schuhfertigers erlernen, werde das Unternehmen den Abschluss ihrer Ausbildung im Jahr 2022 ermöglichen. Erst kürzlich produzierten die Mitarbeiter in Sulingen noch Mund-Nasen-Hilfsmasken, um Ärzte und Polizisten in der Corona-Krise zu unterstützen.

In Sulingen wird die Produktion der Schuhe mit dem roten Streifen eingestellt.

„Diese Entscheidung war die härteste, die ich in meiner Berufslaufbahn bisher treffen musste“, wird Andreas Schaller, Sprecher der Lloyd-Geschäftsleitung, zitiert. „Leider haben uns die massiven Auswirkungen der Corona-Krise keine andere Wahl gelassen. Uns ist allen bewusst, dass die Einstellung der Serienproduktion in Deutschland einen harten Einschnitt bedeutet. Besonders schmerzhaft ist die Tatsache, dass alle Mitarbeitenden einen großartigen Job bei uns gemacht haben. Noch im Februar sind wir, aufgrund der bis dahin ausgewiesenen Ergebnisse, von einer guten Entwicklung im Jahr 2020 ausgegangen.“ Weder Schaller noch der zweite Geschäftsführer, Jörg Wetzel, waren am Dienstag für eine Stellungnahme zu erreichen.

Er habe erst bei einer Betriebsversammlung am Mittag von der Entscheidung erfahren, erklärt Betriebsratsvorsitzender Gerd Beich auf Anfrage der Redaktion: „Das ist schlimm. Es ist jetzt noch ganz frisch.“ Allerdings habe er eine Ahnung gehabt: „Wenn ich sehe, wie die Umsatzzahlen sich entwickelt haben, war klar, dass man irgendwann reagieren muss, sonst ist das gesamte Unternehmen gefährdet. Jetzt müssen wir in Verhandlungen eintreten über den Interessensausgleich, einen Sozialplan – das wird sich über Monate hinziehen, bis genau feststeht, wer und wie das Unternehmen verlassen muss.“

Wiederaufnahme der Lloyd-Produktion in Sulingen unwahrscheinlich - Bürgermeister „kalt erwischt“

Von den 125 geplanten Stellenstreichungen seien 65 Kräfte in der Produktion betroffen, „und dann natürlich die Verwaltung, aber auch der Zuliefererbereich, die Logistik, selbst Shops.“ Auch an den Produktionsstandorten in Rumänien und Indien werde reduziert. „Wir verkaufen fast 600. 000 Paar Schuhe weniger – und das ist nur die Planung, wie es wirklich am Jahresende aussieht, wissen wir nicht. Wenn jeder von uns ein paar Jahre keine Schuhe kaufen kann, wird er immer noch nicht barfuß rumlaufen. Das ist unser Problem.“ Hält er es für vorstellbar, dass die Produktion in Sulingen irgendwann wieder aufgenommen wird? „Daran glaube ich nicht. Wir sind ja in Besitz der Ara Schuhfabriken AG, und die Entscheidung ist getroffen. Arbeit in Deutschland ist teuer – bei uns wird es nur noch Modell- und Prototypenproduktion geben.“

Bürgermeister Dirk Rauschkolb sagte am Abend, die Nachricht habe ihn kalt erwischt: „Das ist eine dramatische Entwicklung, ich bin total konsterniert.“ Lloyd Shoes sei für Sulingen ein großer Arbeitgeber – Stellenstreichungen „bekommen vor allem die Menschen zu spüren, die jetzt von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Und die Auswirkungen auf die Steuereinnahmen der Stadt werden auch nicht gut sein. Das ist eine weitere Hiobsbotschaft für Sulingen.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Livigno ist mehr als Benzin und Zigaretten

Livigno ist mehr als Benzin und Zigaretten

Zwei Jahre nach Einsturz: Neue Brücke in Genua eingeweiht

Zwei Jahre nach Einsturz: Neue Brücke in Genua eingeweiht

Das Pixel 4a hat mehr Power - aber noch kein 5G

Das Pixel 4a hat mehr Power - aber noch kein 5G

Haushaltgeräte gebraucht kaufen

Haushaltgeräte gebraucht kaufen

Meistgelesene Artikel

Vom Flüchtling zum Abgeordneten: „Jeder kann etwas gegen Ungerechtigkeit tun“

Vom Flüchtling zum Abgeordneten: „Jeder kann etwas gegen Ungerechtigkeit tun“

Rohrschaden an Kladdinger Straße: Anwohner zeitweilig ohne Wasser

Rohrschaden an Kladdinger Straße: Anwohner zeitweilig ohne Wasser

Aus Strangmeyer wird Fuggerstädter

Aus Strangmeyer wird Fuggerstädter

Die ersten Kabel sind verlegt

Die ersten Kabel sind verlegt

Kommentare