Erstes Wiedersehen nach acht Monaten Corona-Pause

„Lebst Du auch noch?“: Der Freitags-Kartenclub „bei Ute“

Die Freitags-Doppelkopf-Runde „bei Ute“ mit, von links, Heinz, Günter, Jürgen und Hartmut darf sich wieder treffen.
+
Die Freitags-Doppelkopf-Runde „bei Ute“ mit, von links, Heinz, Günter, Jürgen und Hartmut darf sich wieder treffen.

Sulingen – „Lebst Du auch noch?“ Acht Monate liegen zwischen heute und dem letzten Treffen. Sie haben sich alle wiedererkannt. Es ist Freitag. Und, endlich wieder, nach Monaten, ist ein Wiedersehen möglich. Die fünf Herren sind heute zu viert, der Kartenclub trifft sich im Sulinger Gasthaus „Zum schwarzen Ross“, also „bei Ute“ (Meyer), alle 14 Tage. Corona hatte für jene monatelange Zwangspause gesorgt. Und es ist, als würden die zurückliegenden acht Monate mit dem ersten Schluck Bier weggespült.

Das Kartenspiel bringen sie immer selbst mit. Es wird schnell ausgetauscht, wenn zu viele Getränketropfen daran kleben und bevor die Macken einer Karte das Blatt verraten, ohne, dass man das Bild sieht.

Und die Herren sitzen so, wie sie sonst auch sitzen. Jeder hat seinen Platz. Nein, festgelegt ist das nicht, aber automatisiert: Günter, 76, Pensionär, geschieden, ehemals beim Fernmeldeamt beschäftigt. Heinz, 74, Pensionär, verheiratet, Vermessungstechniker. Jürgen, 70, früher Tischler, geschieden, verwitwet. Hartmut, 58, Taxi- und Berufskraftfahrer, ledig und „nein, noch nicht pensioniert“. Heute fehlt Uwe, 66, Pensionär, einst technischer Zeichner.

Die Gründung

Die Gruppe spielt seit Mitte der 1980er Jahre zusammen, Günter und Heinz gehören von Anfang an dazu. Für jene, die nicht mehr dabei sind, sind andere neu dazugekommen. „Bei Ute“ waren sie ursprünglich auch nicht. Wo denn? „In der ,Goldenen Kugel‘ “, sagt Hartmut. „Da habe ich meinen 18. Geburtstag gefeiert. Das war die erste Disco im Kreis.“ „Da musstest du um 19 Uhr hin, wenn du einen Platz haben wolltest“, erinnert sich Heinz an 50 Sitzplätze in dem Etablissement gegenüber des heutigen Rathauses. Als die „Goldene Kugel“ 1991 geschlossen hat, sei der Club gewechselt, und bei der jeweiligen Schließung der Lokalität in ein neues Domizil umgezogen.

Diese Hand ist längst gespielt.

Die Herren treffen sich eigentlich nur zum Kartenspiel. „Wir sind privat relativ gut ausgelastet“, sagt Jürgen. Man grüße sich, wenn man sich begegnet, gratuliere zum Geburtstag, gute Wünsche zu Ostern und Weihnachten. Wenn Günter zu Kurzreisen aufbricht, meldet er sich ab. Wer meint, dann könnte der Kartenabend (alle 14 Tage) ja einmal zu verschmerzen sein, der irrt: „Es fehlt dann einfach was“, sagen alle. „Der Termin ist wie ein Treffen der Familie. Eine tierische Freude“, beschreibt Hartmut seine Empfindung.

Alle hoffen, dass die Runde noch lange so bleibt. Gespielt wird Doppelkopf und wenn alle fünf Herren anwesend sind, dann pausiere der Geber. „Dann ist Zeit zum Quatschen“, erklärt Heinz, warum das keinen stört. „Die Themen sind dann schon mal anders.“

Der Kartenspielabend hat seine Bedeutung. Jürgen etwa trinkt Bierchen nur am Kartenabend, zuhause kommt ihm kein Alkohol auf den Tisch. Politisches bleibt in der Runde außen vor. Gespielt wird in die gemeinschaftliche Kasse, denn von dem Geld wird vier bis fünf Mal im Jahr ein gemeinsames Essen bezahlt. Reihum darf jeder das Menü bestimmen. Und wenn einer das nicht mag? „Dann isst er es trotzdem“, sagt Hartmut.

Den „Wasserstand“ in den Gläsern haben die fröhlichen Kellnerinnen derweil gut im Blick. Und Günter notiert die jeweiligen Ergebnisse penibel auf dem Block. Zuhause überträgt er das in eine eigene Computer-Software. Titel der Datei: „Unser blödes Kartenspiel“. Als Kassenwart halte er das Geld zusammen, „seit 1997, seit Herbert verstorben ist.“ Wer hat denn bisher am wenigsten verloren? „Eigentlich sind spielerisch alle gleich gut“, sagt Günter. Überlegt noch mal. Und verrät dann doch: „Jürgen hat wohl am wenigsten verloren.“

Die Herren können übrigens gleichzeitig plaudern und sich trotzdem versiert um Pik, Herz, Kreuz und Karo kümmern. Das Kartenspielen macht ihnen so viel Spaß, dass sie, wenn nicht gerade Corona Verbote erteilt, alles daran setzen, sich alle zwei Wochen zu treffen. Trotz zuletzt achtmonatiger Pause muss es diese Kartenspielrunde sein, betont Günter, keine andere. „Die heutige Jugend kennt Kartenspiele wie diese ja gar nicht mehr“, sagt Hartmut. „Nicht unbedingt“, will Heinz dagegenhalten, doch Hartmut ergänzt: „Von meinen beiden Neffen, 29 und 31 Jahre alt, kann keiner Doppelkopf. Mau Mau vielleicht und Schwimmen. Aber deren Interessen sind andere. Bei mir hat meine Oma dafür gesorgt, dass ich Karten spielen kann.“

Die Ergebnisse notiert Günter penibel seit 1997.

Aus der Gruppe fehlt keiner unentschuldigt beim Kartenspiel. „Die Stimmung hebt sich“, erklärt Heinz die Vorfreude auf das Zusammentreffen. Der Zusammenhalt sei prima. Gespielt wird von 19 bis 21 Uhr. Und wenn die Runde mal länger dauert, dann geht es eben länger. Ein wöchentliches Treffen lehnen alle ab. Alle zwei Wochen, das reiche.

„Du bist auch so‘n Traumtänzer“

Wieso, gibts sonst Streit? Alle lachen: „Streit gibt es jeden Tag“, sagen die Herren. Und: Günter und Jürgen debattieren auch schon mal lauter. Wenn die falsche Karte ausgespielt wurde, etwa. Wenn einer „geschlafen“ hat beim Kartenspiel. „Du bist auch so’n Traumtänzer“, kriegt derjenige dann zu hören. „Aber nach zwei Minuten ist alles vergessen. Wir sind da nicht nachtragend“, beteuert Jürgen.

Zwischenzeitlich hat sich der Raum gefüllt, die neuen Gäste haben die Kartenfreunde begrüßt. Man kennt sich. Wirtin Ute Meyer ist das verbindende Element zwischen den Gästen auf der Terrasse und denen in den Gasträumen.

Noch’n Bierchen? Und, zack, ist die erste Kartenrunde nach der Corona-Pause beendet. Später geht ein Solo schief. „Aber das macht nichts“, sagt Jürgen. „Kommt halt mehr in die Kasse.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Landkreis Diepholz: Großbrand ruiniert Scheune – 100 Einsatzkräfte nötig

Landkreis Diepholz: Großbrand ruiniert Scheune – 100 Einsatzkräfte nötig

Landkreis Diepholz: Großbrand ruiniert Scheune – 100 Einsatzkräfte nötig
Eröffnung des Gartenkultur-Musikfestivals 2021 auf dem Hohen Berg in Syke

Eröffnung des Gartenkultur-Musikfestivals 2021 auf dem Hohen Berg in Syke

Eröffnung des Gartenkultur-Musikfestivals 2021 auf dem Hohen Berg in Syke
Filmcrew dreht Musikvideo für „Beast 51“ in Twistringen mit vielen Statisten

Filmcrew dreht Musikvideo für „Beast 51“ in Twistringen mit vielen Statisten

Filmcrew dreht Musikvideo für „Beast 51“ in Twistringen mit vielen Statisten
Die Idee in der Flasche abgefüllt: Likörkreation aus Sulingen

Die Idee in der Flasche abgefüllt: Likörkreation aus Sulingen

Die Idee in der Flasche abgefüllt: Likörkreation aus Sulingen

Kommentare