Nils-Joachim Meinheit im Interview

Landwirtschaftskammer: Akzeptanzverlust ist Risiko für Niedersächsischen Weg

Nils-Joachim Meinheit ist seit wenigen Monaten Leiter der Landwirtschaftskammer Bezirksstelle Nienburg.
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Nils-Joachim Meinheit ist seit wenigen Monaten Leiter der Landwirtschaftskammer Bezirksstelle Nienburg.

Für die Landwirte in den Landkreisen Diepholz und Nienburg ist sie eine Institution: Die Landwirtschaftskammer-Bezirksstelle Nienburg ist Begleiterin und fachliche Führerin durch den Dschungel des Agrarrechts. Nils-Joachim Meinheit steht als neuer Bezirksstellenleiter an ihrer Spitze. Im Interview reflektiert er aktuelle Entwicklungen. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Meinheit, die Landwirtschaft – und in der Folge auch die Landwirtschaftskammer – erlebt eine noch nie dagewesene Zeit des Wandels, sowohl in der Tierhaltung als auch bei der Landbewirtschaftung. Was hat Sie bewogen, in diesen Zeiten die Führung der Landwirtschaftskammer-Bezirksstelle in Nienburg zu übernehmen?
Das stimmt. Die Veränderungen in den skizzierten Bereichen sind in der Tat enorm. Meine persönlichen Beweggründe, mich auf die Leitungsposition in unserer Region zu bewerben, sind davon allerdings komplett losgelöst zu betrachten. Ich darf mittlerweile seit gut 14 Jahren in einem hervorragenden Team arbeiten, und diese Arbeit hat mich persönlich in allen Bereichen stets erfüllt und motiviert.

Ich möchte einfach für unsere landwirtschaftlichen Unternehmen die gute Arbeit, die über Jahre hinweg unter Leitung meines Vorgängers Henrich Meyer zu Vilsendorf geleistet wurde, fortführen und gemeinsam mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein kompetenter Ansprechpartner sein.

Und ja, es stimmt – auch die Landwirtschaftskammer muss sich natürlich auf die veränderten Anforderungen und Rahmenbedingungen einstellen und sich anpassen. Dieser Wandlungsprozess stellt natürlich eine Herausforderung dar. Dem stellen wir uns – Tag für Tag und mit aller Kraft.
Führt der Wandel mit seinen stetig neuen Vorgaben nicht zu wachsendem Kontrollbedarf?
Das ist zumindest nicht ausgeschlossen. Rein aus Sicht der landwirtschaftlichen Betriebe möchte und darf ich glaube ich auch sagen – leider! Und das ausdrücklich nicht, weil die Unternehmen womöglich etwas zu verbergen haben. Nein! Kontrollen sind ja grundsätzlich notwendig, wenn Vereinbarungen getroffen wurden. Das gilt für sämtliche Wirtschafts- sowie andere Lebensbereiche. Vertrauen ist aber auch unerlässlich!

Es ist nur so, dass die Vielzahl der Verordnungen und Erlasse, die sich zudem noch in vielen Themenbereichen überschneiden und sich teilweise sogar inhaltlich konterkarieren, unsere Betriebe an die Grenze des administrativ Leistbaren bringt.
Welchen Stellenwert haben Kontrollen?
Kontrollen sind nur ein Baustein in einem komplexen System von Anforderungen. Und besonders in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten führt dies zu einer hohen emotionalen Belastung. Der stark gestiegene Beratungsbedarf im Arbeitsfeld Sozioökonomie ist ein deutlicher Beleg für die momentane Gesamtsituation.
Ist der Aufgabenzuwachs mit der derzeitigen Mannschaft zu bewältigen?
Das ist bei uns differenziert zu betrachten. Die Landwirtschaftskammer ist eine Flächenorganisation mit vielen unterschiedlichen Aufgaben und Geschäftsbereichen an unterschiedlichen Orten in Niedersachsen. Ich könnte es mir jetzt einfach machen und sagen: „Die Bezirksstelle der LWK ist nicht für die Kontrollen zuständig – das lassen wir mal die Prüfdienste unserer Organisation erledigen.“ So einfach funktioniert es aber nicht!

Aus Sicht des Betriebes ist es eine Landwirtschaftskammer, an die man sich wendet. Und so verstehen wir diesen Auftrag auch in unserer Region. Wir sind in vielen Bereichen erster Ansprechpartner für die Landwirte und versuchen, zu einer Lösung zu kommen.
Und was sind Ihre Aufgaben dabei?
Auf Ebene der Bezirksstelle haben wir ja nicht nur sogenannte Pflichtaufgaben wie zum Beispiel Beratungen zu erfüllen, sondern sind im Bereich der hoheitlichen Aufgaben auch für die fachliche Umsetzung von politischen Vorgaben verantwortlich. Der Bereich des Pflanzenschutzes ist dabei nur ein Beispiel.

Das Aufgabenspektrum der Bezirksstelle ist äußerst vielfältig. Von der Aus- und Fortbildungsberatung über das gesamte Gebiet des Ressourcenmanagements bis hin zur Aufgabenwahrnehmung im Rahmen der Träger öffentlicher Belange, beispielsweise mit Kommunen. Alle Arbeitsgebiete werden vom angesprochenen Wandel deutlich berührt.

Und natürlich kommt auch auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in sämtlichen Bereichen ein gewisser Mehraufwand zu, den es strukturiert zu bearbeiten gilt.

Wichtig dabei ist, dass diese Aufgabenwahrnehmung zielgerichtet und zukunftsorientiert gestaltet wird. Zukunftsthemen wie Biodiversität, Umbau der Tierhaltung und Nachhaltigkeit werden dabei stärker in den Fokus rücken. Von der fachlichen Qualifikation her sehe ich uns dabei im Bereich der genannten Themen sehr gut aufgestellt. Da nehmen wir schon heute eine Vorreiterrolle in Niedersachsen ein.
Der Niedersächsische Weg ist absolutes Neuland: Politik, Landwirtschaft und Naturschutz ziehen erstmals an einem Strang. Wo sehen Sie große Chancen?
Als Vertreter einer Fachbehörde kann und sollte man sich zu politischen Fragestellungen auf das zurückziehen, wofür man zuständig ist: die fachliche Begleitung. Darüber hinaus geht es um einen Konsens, der eine möglichst verlässliche Grundlage für diejenigen bieten soll, die das Ziel vornehmlich umsetzen müssen: unsere Landwirte vor Ort. Sie brauchen Verlässlichkeit!

Die Landwirtschaftskammer hat mit den entsprechenden Fachabteilungen diesen Weg auf fachlicher Ebene begleitet und somit ihren Beitrag – einen von vielen – zur Erreichung dieses Ziels geleistet. Wenn es nun gelingt, diesen Konsens in die Praxis so umzusetzen, dass es wirtschaftlich und arbeitseffektiv für unsere Betriebe machbar ist, dann kann der Niedersächsische Weg zu einem Modell für andere werden. Als LWK werden wir diese Umsetzung natürlich fachlich weiter begleiten.
Wo sehen Sie Risiken?
Auch hier kann ich nur aus Sicht des Landwirtes sprechen. Zielvorgaben müssen klar verständlich sein, um eine bestmögliche Umsetzung der Schritte zu gewährleisten. Wenn das gegeben ist, bin ich der Überzeugung, dass die Landwirte voll hinter den Zielen stehen.

Nun haben wir allerdings einen bunten Blumenstrauß an Verordnungen und Gesetzgebungen, die in den nächsten Monaten und Jahren auf die Landwirtschaft zukommen. Sei es die neue Agrarförderperiode (GAP), der Green Deal oder diverse Programme zur Steigerung des Tierwohls. Alles greift ineinander und überlagert sich zum Teil. Da den Überblick zu behalten, ist sowohl für Landwirte als auch Beratung herausfordernd. Ich sehe das Risiko eines Akzeptanzverlustes. Das wäre sehr kontraproduktiv.
Die Düngemittelpreise explodieren zurzeit. Für Stickstoff zum Beispiel haben sie sich so gut wie verdoppelt. Ist Gülle eine Alternative – wenn sie denn getrocknet und so effektiv transportiert werden kann?
Die Märkte spielen ja derzeit insgesamt „verrückt“. Aus pflanzenbaulicher Sicht ist die Anwendung von organischen Düngern, Gülle und Gärreste, natürlich eine sinnvolle Möglichkeit, zu einer ausgewogenen Düngung der Pflanzen beizutragen. Dass dies in den Landkreisen Diepholz und Nienburg verantwortungsvoll und wohl bemessen geschieht, verdeutlichen die Daten aus dem letzten Nährstoffbericht.

Somit sollte Wirtschaftsdünger als Substitut, also Ersatz für Mineraldünger, eigentlich interessanter werden. Aber Wirtschaftsdünger, Gülle, ist in letzter Zeit knapper geworden, weil Landwirte nicht mehr so viele Tiere aufgestallt haben. Dann kommen steigende Transport- und Ausbringungskosten dazu. Das heißt: Die Preise für Wirtschaftsdünger steigen bereits ebenfalls merklich.
Und wie sieht es technisch aus?
An einer Weiterentwicklung der Techniken, die eine Steigerung der Wirtschaftlichkeit ermöglichen, ist die LWK mit dem entsprechenden Fachbereich beteiligt. Aber: Auch die gesetzlichen Vorgaben wie die sogenannten roten Gebiete begrenzen natürlich den Umfang des organischen Düngereinsatzes.
Entwickelt sich die Tierhaltung zum Sorgenkind der Landwirtschaftskammer?
Das würde ich nun wirklich nicht behaupten! An den verschiedenen Versuchsstandorten der LWK laufen zahlreiche Pilotprojekte, die die zukünftigen erhöhten Anforderungen an mehr Tierwohl fachlich begleiten.

Der Umbau der Tierhaltung ist gesellschaftlich gewünscht – Landwirte sind Unternehmer. Und diejenigen, die diesen Weg mitgehen möchten, werden sich auch entsprechend an den Wünschen ausrichten, wenn es denn eine wirtschaftliche Alternative ist. Um dies zu tun, benötigen Landwirte eine langfristig verlässliche Perspektive und vor allem Folgenabschätzung, welche die Finanzierung von Maßnahmen rechtfertigt. Nur so werden Investitionen für landwirtschaftliche Familienbetriebe Sinn ergeben.
Laut Bundesinformationszentrum Landwirtschaft ist der Fleischverzehr der Bundesbürger auf ein Rekord-Tief gesunken – auf 57,3 Kilogramm pro Kopf. Was bedeutet dieser Trend für die Landwirte?
Landwirte sollten diesen Trend zur Kenntnis nehmen und für die eigene Betriebsführung bewerten. Sicherlich ist es so, dass insbesondere in der jüngeren Generation die Bereitschaft, auf vegetarische beziehungsweise vegane Produkte zurückzugreifen, wächst.

Dies soll nicht heißen, dass sich Investitionen in Tierhaltung per se nicht mehr lohnen können. Vielmehr werden zunehmend differenzierte Haltungskonzepte mit der Zeit an Bedeutung gewinnen. Wie schnell sich dieser Prozess vollzieht, hängt aber auch maßgeblich vom Verbraucherverhalten ab.

Sollte sich dennoch die eine Tür irgendwann schließen, ergaben sich bisher in der Regel immer Chancen zum Öffnen einer neuen Tür! Dieses wird meiner Ansicht nach auch in Zukunft so sein. Landwirtschaftliche Unternehmer sind breit ausgebildet, kreativ und entwickeln schnell neue Ideen. Die Begleitung der Umsetzung solcher Ideen wird auch zukünftig ein Hauptaufgabenbereich der Landwirtschaftskammer sein.
Wie stellen Sie sich einen Vollerwerbs-Landwirt und seinen Hof im Jahr 2040 vor?
Da ist jetzt viel Phantasie gefragt. Knapp 20 Jahre in die Zukunft zu blicken – das ist doch schon ein langer Zeitraum. Meine erste und spontane Idee ist, dass die Betriebsleiter weiterhin top ausgebildete Landwirte sind, die sicher mit modernen Medien und hochmoderner, EDV gestützter Technik umgehen – Stichwort Digitalisierung. Die Betriebe sind breit aufgestellt, und auch den typischen landwirtschaftlichen Betrieb, wie wir ihn heute kennen – als Milchviehbetrieb, Sauenhalter oder Schweinemastbetrieb – wird es noch geben. Aber zusätzlich werden immer mehr „Sonderprodukte und -formen“ eine Rolle spielen. In diesem Bereich wird sich die Vermarktung hin zu mehr Onlinehandel entwickeln.

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