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Landvolk-Kreisverband Diepholz: „Landwirtschaft braucht Planungssicherheit“

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Von: Harald Bartels, Sylvia Wendt

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Vorsitzender Theo Runge.
Theo Runge, Vorsitzender des Kreisverbands Grafschaft Diepholz. © Landvolk

Sulingen – Die klassischen Winterversammlungen des Landvolk-Kreisverbandes Grafschaft Diepholz werden auch in diesem Jahr wieder in den virtuellen Raum verlagert: Statt tatsächlicher Treffen in Versammlungsstätten in der Region gibt es eine Reihe von Online-Veranstaltungen zu unterschiedlichen Themen.

Den Auftakt bildet am Mittwoch, 26. Januar, ein Termin, bei dem Theo Runge als Vorsitzender des Kreisverbandes und Dr. Jochen Thiering als Geschäftsführer auf das vergangene Jahr zurückblicken. Vorab beantworten sie im Interview Fragen, die ihnen von Sylvia Wendt und Harald Bartels gestellt wurden.

Beim Blick zurück auf das Jahr 2021: Was bleibt für die Landwirte des Landkreises besonders in Erinnerung – positiv wie negativ?

Theo Runge: Fangen wir mit dem Positiven an: Noch ganz frisch ist die Erinnerung an die beiden Lichterfahrten im Sulinger und im Diepholzer Land. Über 100 Trecker wurden von den Landwirten herausgeputzt und weihnachtlich geschmückt und Tausende standen staunend am Straßenrand. So konnten wir im Advent viel Freude verbreiten. Die überaus positive Resonanz hat viele Landwirte umgehauen.

Jochen Thiering: Positiv war sicherlich auch die intensive Auseinandersetzung mit der Politik im Vorfeld der Kommunal- und der Bundestagswahl. Den engen Dialog mit den Politikern wollen wir fortführen.

Theo Runge: Negativ ist besonders die Preiskrise im Schweinesektor. Jeder Schweinehalter macht zurzeit ein dickes Minus beim Verkauf seiner Tiere. Gründe dafür sind zum einen die Absatzkrise durch Corona und ASP, aber auch ein Handel und eine verarbeitende Industrie, die dem Erzeuger von der üppigen Handelsspanne nichts mehr übrig lassen.

Geschäftsführer Dr. Jochen Thiering.
Kreisverbandsgeschäftsführer Dr. Jochen Thiering. © Landvolk

Wie viele Landwirte haben aufgegeben? Und warum?

Theo Runge: Im Landkreis Diepholz haben 2021 13 Betriebe für immer die Hoftore geschlossen, wobei eine unbekannte Zahl hinzukommt, bei denen der Betrieb im Nebenerwerb zumindest teilweise weitergeführt wird. Der große Strukturbruch kündigt sich aber an. Bei manchen stehen keine Betriebsnachfolger bereit und viele Betriebe sagen, ein Umbau in der Tierhaltung ist mit zu viel Risiko verbunden und deshalb steigen wir lieber aus. Allein 15 Betriebe haben 2021 die Sauenhaltung eingestellt. Jedes Lebensmittel, das hier nicht produziert wird, wird importiert – zu niedrigeren Standards und mit höheren Umweltkosten: Das muss man sich bewusst machen.

Jochen Thiering: Die Einkommenssituation und der Generationenwechsel sind zwei Faktoren, ein dritter ist sicherlich die fehlende Planungssicherheit. Die Betriebsleiter wissen zum Beispiel nicht, wie sie jetzt einen Stall umbauen sollen, sodass er auch in zehn Jahren noch den gesetzlichen Anforderungen genügt. Landwirtschaft braucht Planungssicherheit, die fehlt zurzeit.

Und wie viele starten neu durch – und womit?

Theo Runge: Direktvermarktung wird für viele zur Option, auch wenn es immer nur ein Standbein neben anderen sein kann. Einige versuchen sich auch in neuen Feldfrüchten wie zum Beispiel Süßkartoffeln, und andere bieten touristische Dienstleistungen an.

Inwieweit ist das Thema Energieerzeugung von Bedeutung? Bleibt es ein Nebengeschäft oder kann es eine Hauptrolle spielen?

Jochen Thiering: Die Energie aus Sonne, Wind und Biomasse sind die Stützen der Energiewende und können nur bei uns im ländlichen Raum in ausreichendem Maße entstehen. Für die Landwirte sind damit alternative Einkommensquellen verbunden, die als zusätzliches Standbein teilweise auch eine hohe Bedeutung haben.

Theo Runge: Bei den Fragen der Photovoltaik auf Freiflächen gehen die Meinungen auseinander, da hier wertvolles Ackerland verloren gehen könnte. Optimal wäre ein Einsatz auf extensiven Standorten, um so Umweltschutz und Energieerzeugung zu vereinen.

Der Schutz der Gewässer und der Moore werden immer wichtiger. Geht das nur zulasten der Landwirtschaft oder auch miteinander?

Theo Runge: Beides ist für die Landwirte ein wichtiges Anliegen. Moderne Technik und erprobte Pflanzenschutzmittel schützen unsere Gewässer schon jetzt. Der Schutz der Moore kann nur im Einklang mit den Bewirtschaftern gelingen. Unsere Vorfahren haben hier in der Region unter hartem Einsatz dem Moor Lebensraum abgetrotzt. Einschränkungen dürfen für die Betriebe nicht an die Existenz gehen und müssen finanziell ausgeglichen werden.

Ein Thema der Versammlung lautet „Was haben wir von der Agrarpolitik in den nächsten Jahren zu erwarten“? Was sind Ihre wichtigsten Forderungen an die Agrarpolitik?

Jochen Thiering: Planungssicherheit. Vorgaben, die auf wissenschaftlichen Grundlagen basieren. Die Sicherung der heimischen Landwirtschaft und der bäuerlichen Familienbetriebe. Eine stärkere Berücksichtigung der Ernährungssicherheit bei den politischen Entscheidungen.

Theo Runge: Der neue Minister Cem Özdemir sagte, er wolle Anwalt der Bauern sein. Wir brauchen aber keinen Anwalt in der Bundespolitik, sondern einen Partner auf Augenhöhe, der sich auch gegen ein sehr starkes Umweltministerium im Interesse der Landwirtschaft zur Wehr setzen kann.

Und was befürchten Sie, werden Sie serviert bekommen?

Jochen Thiering: Die neue Bundesregierung ist erst wenige Wochen im Amt. Unsere Aufgabe ist es, für die berechtigten Interessen der Landwirte zu werben und aus deren Sicht die Politik konstruktiv zu begleiten. Bei der von Ihnen angesprochenen Veranstaltung mit der parlamentarischen Staatssekretärin des Landwirtschaftsministeriums, Frau Dr. Nick, haben wir die Möglichkeit, unsere Anforderungen direkt an eine verantwortliche Person zu adressieren, und können uns zudem einen eigenen Eindruck von den Plänen in Berlin verschaffen.

Wieder ein Winter, in dem der Landvolk-Kreisverband Diepholz seine Mitglieder virtuell zu den traditionellen „Aussprachen“ begrüßt – wirkt sich das auf den Zusammenhalt der Landwirte aus?

Theo Runge: Wir haben im Sommer, als die Pandemie dies zuließ, gesellige Abende in unseren Ortsvereinen angeboten, die gut angenommen wurden, weil uns die Treffen und der Austausch gefehlt haben. Aber die Beteiligung an Veranstaltungen wie der Podiumsdiskussion zur Bundestagswahl und an den erwähnten Lichterfahrten zeigt: Der Zusammenhalt ist noch da. Wir sind ein Berufsstand.

Jochen Thiering: Weil wir den Bedarf gesehen haben, haben wir die diesjährigen digitalen Veranstaltungen um einen „klassischen“ Ausspracheabend ergänzt.

Und welche aktuellen Themen stehen für den Kreisverband in diesem Jahr ansonsten noch auf der Agenda?

Jochen Thiering: Die Preiskrise setzt sich fort mit zudem steigenden Erzeugerkosten. Wir unterstützen weiter die Aktion „5D“, die für deutsche Lebensmittel wirbt – das bundesweit verwandte Logo und der Claim dazu wurden von unserem Kreisverband mitentwickelt. Auf Kreisebene ist die Umsetzung des Niedersächsischen Weges weiter eine wichtige Aufgabe. Wir engagieren uns im Landschaftspflegeverband. Die Feldberegnung sowie die Frage nach den roten Gebieten sind weitere Punkte, die ich hier nur exemplarisch herausgreifen möchte.

Theo Runge: Es bleibt spannend. Unsere Aufgabe als Landvolk ist es nicht nur an den Problemen zu arbeiten – das machen wir natürlich mit voller Kraft –, sondern auch unseren Landwirten Zuversicht zu vermitteln und ein starker Partner zu sein.

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