Landesweit erste Windkraftanlage ihrer Größe verschwindet vom Dillenberg

Pionier-WKA zieht nach Polen

Die Gondel wird vom Mast gehoben.
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Die Gondel wird vom Mast gehoben.

Sulingen - „Sie hat immer treu und brav ihre Dienste geleistet.“ Ein bisschen Wehmut ist Hartmut Wagner anzumerken, als er am Dienstag auf die ersten abmontierten Teile seiner Windkraftanlage auf dem Dillenberg im Sulinger Ortsteil Klein Lessen blickt: Vor fast genau 25 Jahren ging sie ans Netz, „es war die erste große kommerzielle Anlage in ganz Niedersachsen.“

Die Rotorblätter sind schon „abgezupft“ und auf dem Sattelzugauflieger deponiert – die Größe erinnert an Segelflugzeug-Tragflächen, wirkt im Vergleich mit den heutigen Kolossen fast rührend. Rotordurchmesser 25, Nabenhöhe 30 Meter, Nennleistung 200 Kilowatt – der Steckbrief der „Vestas V 25“, mit der der Diplom-Ingenieur 1989 Neuland betrat. „Es gab noch zwei in Schleswig-Hollstein, da bin ich gewesen und habe mir Mut geholt.“ Ein Windpark auf dem Dillenberg – das Ziel hatten die Sulinger Grünen sich ins Programm geschrieben, für die Wagner im Stadtrat saß. Es gab Gegenwind: „Manche Leute – darunter Bürgermeister Werner Kling – haben behauptet, die Anlage ‚läuft mit Strom‘. So wurde die Tatsache interpretiert, dass sie immer in konstanten Drehzahlbereichen arbeitet. Ein Landwirt sagte im Ortsrat: ‚Die Schnapsidee von dem Wagner werde ich zu verhindern wissen‘. Der hat später selbst eine Windkraftanlage gebaut...“, erinnert sich Hartmut Wagner schmunzelnd. „Ein anderer hat behauptet, die Rotorblätter seien ‚schon abgefallen‘ – sie werden bei diesem Modell aus dem Wind gedreht, wenn der zu schwach wird, sind aus der Entfernung nicht mehr zu sehen. Heute kann man darüber lachen, aber mit welcher Skepsis und teilweise Lügen man damals die Sache madig machen wollte, hat mich schon geärgert.“ Allerdings sei seine Windkraftanlage bei den Klein Lessenern später, im Vergleich mit den anderen, die auf dem Dillenberg errichtet wurden, wohl gelitten gewesen, „weil sie so ruhig lief. Die Anlage der Stadtentwicklungsgesellschaft etwa, mit einem anderen Funktionsprinzip, musste nachts abgeschaltet werden.“

Laut Wagner hat seine Pionier-WKA bis zu ihrer Stilllegung Ende Januar insgesamt fast genau fünf Millionen Kilowattstunden Strom in das Netz eingespeist, somit rund 1400 Haushalte versorgt. Jetzt setzt der 70-Jährige mit seiner Firma „Solare EnergieTechnik“ ganz auf Sonnenenergie, Pelletsheizungen & Co.

Warum wird die Anlage abgebaut? „Ein Simmerring an der Nabe war undicht. Das wäre relativ leicht zu beheben – aber die Anlage bringt nicht mehr die Erträge wie zu Anfang, bedingt durch die niedrige Turmhöhe. Wir haben in den letzten Jahren viele Hochdruckgebiete gehabt, eine Folge des Klimawandels.“ Also nutzte Hartmut Wagner die Chance zum lukrativen Rückbau im Rahmen eines Repowering-Projektes – was nicht heißt, dass auf dem Dillenberg neu gebaut wird: „Eine große ‚Mühle‘ ist in Achim errichtet worden. Deren Betreiber bekommt 20 Jahre den Repowering-Zuschuss, weil eine kleine – meine – WKA abgebaut wird.“ Das Grundstück verkauft Wagner dem Landwirt zurück, der es vor 25 Jahren im Rahmen der Flurbereinigung veräußert hat. Eher durch gesetzliche Vorgaben gedrängt als aus freien Stücken, wie der Diplom-Ingenieur einräumt. „Ich bin ihm dankbar, dass er das Projekt trotzdem mitgetragen hat.“

Eine gute Nachricht lässt Hartmut Wagner den Abschied gestern leichter nehmen. Die Anlage wird nicht verschrottet, sondern in Polen wieder aufgebaut: „Da sind die alten Vestas noch gefragt, weil es zuverlässige Maschinen sind.“ab

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