Kunst-Netzwerk mit neuem Gestalter

Ein historisches Moment für die überregionale Vereinigung Kunst in der Provinz: Manfred Evensen übernimmt den Vorsitz von Brunhild Buhre.
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Ein historisches Moment für die überregionale Vereinigung Kunst in der Provinz: Manfred Evensen übernimmt den Vorsitz von Brunhild Buhre.

Die Lage war so dramatisch, dass der Verein Kunst in der Provinz mit seinen fast 300 Mitgliedern sogar über die Auflösung nachdachte – weil eine neue Kraft an der Spitze nicht zu finden war. Nun ist die Zukunft gesichert: Manfred Evensen hat den Vorsitz von Brunhild Buhre übernommen, die zwei Jahrzehnte im Amt war.

Sulingen – Künstlerisch-kreativ, organisierend oder sinnstiftend: Gestaltung hat viele Dimensionen. Kunst in der Provinz, die Vereinigung von fast 300 Kunstschaffenden, beweist das auf eindrucksvolle Weise. Sie hat mit Manfred Evensen aus Sulingen einen neuen Gestalter an der Spitze. Die drohende Auflösung des vier Jahrzehnte alten Vereins ist damit vom Tisch.

Rückblende: Schon 2018 kündigt Brunhild Buhre an, ihr Spitzenamt bei Kunst in der Provinz, das sie mit viel Kraft und Herzblut gestaltet, mit 80 Jahren abgeben zu wollen. Zwei Jahre bleiben bis dahin Zeit, um einen Nachfolger zu finden. Zwei Workshops gestaltet sie mit ihren Mitstreitern, um die Strukturen des Vereins neu zu definieren – und vor allem, um die Auflösung der 1980 gegründeten Vereinigung zu verhindern. Dazu gibt es ohne neue Führungskraft keine Alternative.

Es ist Clemens Niewöhner, der das mit aller Kraft verhindert will – und der den Sulinger Pädagogen Manfred Evensen anspricht. Genau der hat eine Affinität zur Kunst und selbst Bilder gemalt sowie Druckgrafiken geschaffen, ja Kunst als Lehrfach studiert. Und doch hat er Kunst lange nicht mehr praktiziert, denn drei Jahrzehnte lang wirkte der heute 70-Jährige als Schulleiter. In Uchte, Liebenau und an der Sulinger Realschule prägt er das Schulleben entscheidend mit – und leitet drei Jahre lang die neue Oberschule (Carl-Prüter-Schule), bevor er 2015 in Pension geht. „Damals habe ich mir vorgenommen, drei Jahre lang kein Ehrenamt zu übernehmen“, erinnert er sich schmunzelnd.

Alles Schicksal? In jedem Fall kommt die Anfrage von Clemens Niewöhner genau zum richtigen Zeitpunkt für den Sulinger. Er pflegt im Übrigen ein ganz besonderes Hobby, liebt Modell-Eisenbahnen und verbringt gern Zeit in seinem 45 Quadratmeter großen Raum voller kleiner Züge.

Wohin fährt der Zug von Kunst in der Provinz mit ihm als neuer Führungskraft? Manfred Evensen schmunzelt: „Eine Modelleisenbahn fährt in der Regel ja im Kreis.“ Aber der 70-Jährige besitzt viele andere Modelle – Züge, die ein konkretes neues Ziel ansteuern können. Behutsamkeit jedoch ist wichtig. Der neue Gestalter der Künstlervereinigung skizziert bewusst ein anderes Gedankenbild: „Der Kapitän eines Tankers kann ja nicht sagen: Kehrtwende um 180 Grad.“ Ohnehin ist das beim Erfolgskurs von Kunst in der Provinz keine Option. Es sind zwei elementare Bereiche, die Manfred Evensen stärken und weiter entwickeln will. Zum einen das Vereinsziel der Kunstschaffenden, Ausstellungen und Veranstaltungen selbst zu organisieren. „Aber das ist in Corona-Zeiten kaum zu realisieren“, weiß der neue Vorsitzende. Zum anderen ist es der Zugang zu Netzwerken und zum Erfahrungsaustausch, der Reflektion des eigenen Schaffens, das die Künstlervereinigung prägt. „Traditionell sind die Sparkassen Sponsoren und Ausstellungsort“, nennt Manfred Evensen ein konkretes Beispiel – und hat genauso die Kommunen im Blick. Das Dienstleistungszentrum Wagenfeld und das Rathaus Diepholz zum Beispiel gehören zu den klassischen Ausstellungsorten. „Ich möchte versuchen, diese Möglichkeiten zu erweitern“, sagt der erfahrene Pädagoge – und will das Netzwerk gern auf die Regionen Nienburg, Verden, Bremen und darüber hinaus erweitern. Der 70-Jährige will dafür seine persönlichen Kontakte nutzen. Und ist froh, dass die Mitgliederzahlen im Verein steigen: „Wir haben im vergangenen Jahr viele Mitglieder im Alter zwischen 30 und 40 Jahren hinzu gewonnen“, sagt er.

Eine Tatsache, die sich durchaus als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen verstehen lässt. Immer mehr Menschen scheinen Kunst und Kreativität als Weg zur Selbstfindung zu entdecken.

Genau das hat auch Manfred Evensen in Gesprächen mit Kunstschaffenden erfahren: „Künstlerisches Schaffen ist ein Stückweit Verarbeitung von Erlebnissen und Gefühlen.“ Die Perspektive der Künstler: „Ich mache es erst mal für mich, und irgendwann komme ich an den Punkt, wo ich es mit anderen teilen möchte.“

Brunhild Buhre hat einen wichtigen Teil ihres Lebens mit Kunst in der Provinz geteilt – und sich große Verdienste erworben, wie Kunstschaffende immer wieder betonen. 20 Jahre, die Hälfte der Vereinsgeschichte, hat die Sulingerin geprägt. Manfred Evensen schmunzelt: „Ich mache keine 20 Jahre, sondern erst mal vier Jahre.“ Daraus könnten, so überlegt der 70-Jährige, durchaus acht Jahre werden. „Aber danach kommt ein ganz großes Fragezeichen.“

Von Anke Seidel

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