Kein Geschichtsunterricht mehr

Lehrerabordnungen Gymnasium Sulingen: „Wir sind maßlos enttäuscht“

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Mit Stundenplänen jonglieren: Die verfügten Abordnungen von Lehrkräften haben große Auswirkungen für das Gymnasium. 

Sulingen – „Wir sind maßlos enttäuscht“, sagt Dr. Wiebke Kuls, die Vorsitzende des Elternrats des Gymnasiums Sulingen. Der Grund: Die Schule teilte den Eltern nun mit, dass sie im zweiten Schulhalbjahr weitere 48 Lehrerstunden an Grund-, Haupt- und Oberschulen des Landkreises Nienburg abordnen muss.

Von einem „weiteren Schritt nach vorne“ bei der Unterrichtsversorgung an den öffentlichen allgemeinbildenden Schulen spricht dagegen Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne in einer am selben Tag veröffentlichten Pressemitteilung. Weiter heißt es darin: „Die im landesweiten Durchschnitt am besten versorgte Schulform ist weiterhin das Gymnasium mit 102,2 Prozent.“

Diese Versorgung ist mit der Abordnung allerdings nur noch eingeschränkt spürbar, denn die Abordnungen gleicht die Schule durch Kürzungen an anderer Stelle notgedrungen wieder aus. Konkret bedeutet das unter anderem: In den Jahrgängen 7 und 8 entfallen die Verfügungsstunden, und weil das alleine nicht ausreicht, wird für die 6. Klassen der Geschichtsunterricht gestrichen; lediglich in Klasse 6c gibt es auf Vorschlag von Klassenlehrerin Christiane Josch alle 14 Tage ein Geschichtsprojekt, weil hier im ersten Halbjahr die Stunden auf Geschichtsunterricht und Verfügungsstunden aufgeteilt waren.

Olaf Schrader: „Das ist dramatisch“

Unterrichtsausfälle gebe es immer mal, aber in diesem Ausmaß noch nicht, sagt Olaf Schrader, Elternsprecher der Klasse 6c. Die Abordnungen seien schon länger Thema, aber „das ist dramatisch.“

„Es gab immer mal Ausfälle“, bestätigt auch Kuls, „und das war gut abgesprochen. Aber dass jetzt statt der Nebenfächer auch Hauptfächer betroffen sind, das unterstützt die Elternschaft so gar nicht, und ich weiß nicht, wie das kompensierbar ist.“ Unverständlich sei für die Eltern auch, dass Lehrkräfte in den Nachbarlandkreis abgeordnet werden müssen. Auch für den Umstand, dass Gymnasiallehrer an Grundschulen abgeordnet werden, habe man kein Verständnis, denn sie seien dafür nicht ausgebildet.

„Lehrkräfte arbeiten am Limit“

Unterstützung gibt es aus der Elternschaft dagegen für die Lehrkräfte: „Die arbeiten hier am Limit und stehen dem mut- und ratlos gegenüber.“ Von den Eltern bekomme sie nun regelmäßig E-Mails, in denen nach dem weiteren Vorgehen gefragt werde. „Manche Eltern fordern eine Demo, aber ich glaube nicht, dass wir mit Tumult auf der Straße eine Lösung bekommen.“ Kurzfristig werde sich der Schulvorstand mit dem Elternrat zusammensetzen, um das weitere Vorgehen zu besprechen: „Wir wollen mit der Schulleitung an einem Strang ziehen.“

Dagmar Gerding, die designierte Schulleiterin des Gymnasiums, äußert Verständnis – für alle Seiten: „Ich will niemandem einen Vorwurf machen, auch die Landesschulbehörde hat ihre Zwänge, und die Schulen, wohin die Kollegen abgeordnet werden, haben noch viel größere Probleme, denn der Bedarf wird mit den Abordnungen nicht gedeckt.“

„Wir haben ein tolles Kollegium“

Wie in den beiden vorangegangenen Schuljahren muss das Gymnasium pro Halbjahr durchschnittlich acht seiner aktuell 85 Lehrkräfte abordnen. Niemand werde komplett abgeordnet, so Gerding, sondern mit maximal acht Stunden. Man versuche aber, jeweils ganze Tage abzuordnen. Das habe großen Einfluss auf die Stundenplangestaltung: „Ohne Abordnung wäre es für die Schüler pädagogisch sinnvoller“, räumt die Schulleiterin ein.

Mit der Entscheidung, im 6. Jahrgang den Geschichtsunterricht entfallen zu lassen, habe man sich über die Wünsche der Landesschulbehörde hinweggesetzt: „Wir sind aufgefordert worden, nicht zu kürzen.“ Das hätte aber bedeutet, fast alle AGs zu streichen, und auch das Streichen der Verfügungsstunden sei eigentlich nicht sinnvoll. Man aber habe gemeinsam mit den Kollegen überlegt, was noch verträglich sei und später wieder aufgefangen werden könne. Einige Kollegen hätten sich auch freiwillig für die Abordnung gemeldet: „Wir haben ein tolles Kollegium.“

„Lehrerversorgung ist Herkulesaufgabe“

Sie selbst kann dabei auf eigene Erfahrungen zurückblicken, denn zu Beginn ihrer Tätigkeit am Gymnasium Sulingen war sie für ein Jahr an die Drei-Freunde-Grundschule in Scholen abgeordnet. „Ich habe die Erfahrung gemacht und auch als Rückmeldung bekommen, dass die Kollegen total positiv von den Schulen aufgenommen werden. Ich bin aufgenommen worden wie eine neue Kollegin, und man merkte die Erleichterung, dass Unterstützung kommt.“

Auf Anfrage unserer Zeitung erläutert Bianca Trogisch, Pressesprecherin der Niedersächsischen Landesschulbehörde, die Hintergründe der Maßnahme: „Das Verfahren folgt dem Runderlass des Kultusministeriums, wonach die Unterrichtsversorgung der Schulen aller Schulformen einschließlich der Gymnasien und Gesamtschulen in einem Landkreis beziehungsweise einer kreisfreien Stadt zu Beginn des zweiten Schulhalbjahres 2019 / 2020 im Zuständigkeitsbereich der jeweiligen Regionalabteilung der Niedersächsischen Landesschulbehörde möglichst ausgewogen ist.“ Aufgabe der Schulen und der Niedersächsischen Landesschulbehörde sei es, in der gemeinsamen Verantwortung für alle Schülerinnen und Schüler, flexibel und kurzfristig durch Ausgleich vor Ort auf Veränderungen zu reagieren. Das geschehe durch Abordnung von besser versorgten Schulen an schlechter versorgte, und „da das Gymnasium Sulingen vergleichsweise gut versorgt ist, haben wir die Schule gebeten, benachbarte Grundschulen und eine Oberschule zu unterstützen.“

Verfügung bis zum 1. Juli dieses Jahres

Eine Abordnung über Landkreisgrenzen hinweg gebe es dann, „wenn es den besser versorgten Schulen des zweiten Landkreises nicht in ausreichendem Maße möglich ist, die schlechter versorgten Schulen zu unterstützen, wie im Landkreis Nienburg, oder aber wenn die Entfernungen der Schulen untereinander beziehungsweise von den Wohnorten der Lehrkräfte deutlich geringer sind als im eigenen Landkreis.“

Die Abordnungen sind laut Behörde verfügt bis 1. Juli dieses Jahres. Man befinde sich noch mitten im Einstellungsverfahren zum 1. Februar 2020, und „rund 80 Prozent der ausgeschriebenen Stellen, gut 1 110 von 1 350 Stellen, sind bereits besetzt.“

Lehrkräftemangel bleibt Thema

Der Lehrkräftemangel bleibt Thema. Sebastian Schumacher, Pressesprecher des Kultusministeriums, sagt dazu: „Es ist klar, dass die Herausforderung sehr hoch ist und bleiben wird. Eine gute Versorgung an allen Schulen im ganzen Land zu gewährleisten, ist eine Herkulesaufgabe.“ Um diese zu meistern, habe das Land bereits eine große Anzahl an Schritten unternommen, darunter die Öffnung des Quereinstiegs, insbesondere für Grundschulen, das Ermöglichen der besseren Bezahlung von Schulleitungen an kleinen Schulen sowie von Lehrkräften an Grund-, Haupt- und Realschulen oder eine Imagekampagne für den Beruf. „Die Unterrichtsversorgung zu sichern ist und bleibt eine Aufgabe allerhöchster Priorität für das Kultusministerium und die Landesschulbehörde.“ 

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