Reigen der „großen Drehs“ beendet

Sulingen Projekt: Keine Fisimatenten – oder?

Die Unterzeichnung der Sulinger Konvention hält Regisseur Martin Hermann hier fest.
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Die Unterzeichnung der Sulinger Konvention hält Regisseur Martin Hermann hier fest.

Sulingen – Filmfans sind akribisch: Genau aufgelistet wird jeder Fehler. Ein falscher Uniformknopf kann da Gemecker auslösen. Das Team des Sulingen Projektes rauft sich daher jedes Mal die Haare, wenn es um die Kostüme geht. Jede aufwendiger die Szene, desto schlimmer.

Genauer: Desto penibler wird die Kostümfrage angegangen. Beispiel „Naziszene“: Ein Verleih in Berlin hat originale Uniformen. Die wiederum haben ein Hakenkreuz, was die Frage der Verleiher nach sich zieht, wer die Leute da sind in Sulingen und was die mit den Uniformen anstellen wollen. „Die haben aber auf unserer Homepage gesehen, wie wir arbeiten – und waren ganz begeistert“, erzählt Kerstin Melloh-Kordes. So begeistert, dass der Profi-Verleih den Sulingern etliche Hundert Euro erlassen hat, die eine Hollywood-Produktion um Regisseur Quentin Tarantino sicherlich hätte bezahlen müssen.

Wenn Abgaben zu zahlen sind, kann keiner entkommen.

Szenen, in denen viele Darsteller und Statisten benötigt werden (und entsprechend viele Kostüme) stellen das Team vor besondere Herausforderungen. Aber manchmal hat man ja auch Glück. Das Sulingen Projekt profitierte jüngst davon, dass es sogenannte Reenactmentgruppen gibt. Die sind nicht nur pingeliger als Filmfans, sondern verschreiben sich ihrer Wunsch-Historie so sehr, dass sie auch kleinste Details nicht aus den Augen verlieren. Kerstin Melloh-Kordes und Team-Kollege Werner Focke schwärmen von der Zusammenarbeit mit den Akteuren französischer Regimente und Bataillonen an Westphalen/Hannoveranern. Sie gehören dem Verein der „Napoleonik“ an. Und damit konnte nachgestellt werden, in historisch korrekten Uniformen, wie die Sulinger ihre Fußnote in die Weltgeschichte setzten – mit der sogenannten „Sulinger Konvention“.

Fans der historischen Darstellung

„Napoleonik“, ein Verein für „historische Darstellung“, hat Mitglieder aus Deutschland und dem benachbarten Dänemark. Für den auf drei Tage angesetzten Dreh auf dem historischen Hof in Rahden reisten auch Darsteller aus Dänemark an. „Die leben das auch“, berichtet Kerstin Melloh-Kordes. Das heißt: Der Darsteller des Generals zieht nicht einfach nur die Uniform an, er ist auch sonst Befehlsgeber, ordnet an, wessen Auto wo steht, wer wo sein Zelt aufstellt und wenn die Corona-Vorgaben besondere Nachweise erfordern und die Eintragung in Listen, dann wird auch das geregelt. „Und die gehorchen alle“, sagt Melloh-Kordes.

Die Zeitreise beginnt nicht erst mit der Kostümierung.

„Wir machen es da immer nach besten Wissen und Gewissen“, berichtet Werner Focke von den Vorbereitungen der Drehs im Sulingen-Projekt-Team. Das den Anspruch besitze, alles richtig zu machen und nicht zu pfuschen. Die Sulinger haben für das Gesamtprojekt Sponsorengelder eingeworben, sind bei den Ausgaben aber sparsam. Fahrkosten, Mahlzeiten werden gezahlt – Darsteller, die in Hotels schlafen möchten, zahlen diese selbst. Die Darsteller der Reenactmentgruppe reisten unter anderem aus Hamburg, Leipzig, Potsdam, Fünen und Vejle an, schlugen Zelte auf, zogen Stroh in die Bettdecken ein und suchten Holz zusammen. Rund um das Lagerfeuer blieb Zeit, um die Szenen zu besprechen.

Von Fisimatenten und „Visitez ma tente“...

Und auch, dass der Begriff „Fisimatenten“ stammen soll von der Einladung der französischen Soldaten an die hiesige Damenwelt „visitez ma tente“. Darsteller Einar aus Dänemark füllt das Bier aus der Flasche in den Zinkbecher um, um in die Zeit um 1800 zu fallen.

Uniformen vom Schlachtfeld

Hatten damals eigentlich alle Soldaten Uniformen? „Auf den Schlachtfeldern wurden passende Uniformteile zusammengesucht, sodass jeder irgendwie uniformiert war“, berichtet Kerstin Melloh-Kordes. Die eigentlich blau-weißen Unformen seien aber auch mehr weiß als blau gewesen: „Wie man herausgefunden hat, war zu der Zeit Indigo in Frankreich knapp.“ Die Reenactment-Darsteller konnten etliche der Lücken füllen, die die Sulinger trotz aller Recherchen noch hatten in Bezug auf die „Franzosenzeit in Sulingen“. Und haben auch die von Regisseur Martin Hermann vorbereiteten Szenen so umgestellt, wie es wahrscheinlicher gewesen sein könnte.

Nächste Aufgabe: Die Premiere und alles Drumherum planen

370 Darsteller, 19 Szenen bisher und die stets wiederkehrende Frage: „Habt Ihr keine Hobbys?“ Doch, haben sie, aber sie sind mit Herz bei der Sache und biegen mit dieser letzten großen Szene sozusagen auf die Zielgerade ein. Seit 2016 sind sie am Ball, zum Jahresbeginn 2022 sollen die Planungen für die Premiere angegangen werden. „Was macht ihr denn dann, wenn die eigentlichen Filmarbeiten beendet sind?“ „Wir werden weitere Szenen drehen, weitere Aufnahmen.“

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Viele „Making of“-Filme sind online, ein Buch mit allen Anekdoten könnte gut gefüllt werden. DVD? Streaming-Portale? Alles Ideen, die bereits jongliert werden im Team, wie auch die, wann und wie Premiere gefeiert werden könnte. Die Grundidee, 1000 Jahre Sulingen im und als Film darzustellen, bleibt ein Alleinstellungsmerkmal für das Mittelzentrum: „Alles umsonst, das kann so keiner bezahlen. Dafür musst du erst mal Bekloppte finden.“

Szeneneinweisung in Rahden.

Der Darsteller des Generals Mortier, Marius Franke aus Heide in Holstein, wurde derweil in Auerstedt mit der Kommandant-Prendel-Medaille geehrt, er ist seit 30 Jahren zum Thema „Erlebte Geschichte“ engagiert.

Die Sulinger Konvention von 1803

Am 5. Juli 1803 erklärte die kurhannoversche Armee ihre Selbstauflösung. Mit der Konvention von Artlenburg kapitulierte das Kurfürstentum Hannover vor dem Heer Napoleons. Großbritannien hatte am 16. Mai 1803 Frankreich erneut den Krieg erklärt. Den Versuch, das Kurfürstentum für neutral zu erklären, ignorierte Frankreich: Am 26. Mai drangen französischen Truppen ein. König Georg III. und seine Minister hatten die Lage völlig falsch eingeschätzt und der Befehlshaber der kurhannoverschen Armee, Feldmarschall Johann Ludwig von Wallmoden-Gimborn, fühlte sich der napoleonischen Armee nicht gewachsen. Er befahl, keinen Widerstand zu leisten. Kurfürstliche Unterhändler zogen dem französischen Generalleutnant Adolphe Édouard Casimir Joseph Mortier entgegen und schlossen am 3. Juni 1803 in Sulingen eine Konvention mit ihm ab: Die kurhannoversche Armee verpflichtete sich, sich für die Dauer des Krieges auf das Ostufer der Elbe, in das Herzogtum Sachsen-Lauenburg, zurückzuziehen.

Friedliches Miteinander.

Die Konvention von Sulingen war jedoch lediglich paraphiert worden. Napoleon fand einen Vorwand, um die Ratifizierung zu verweigern – er wollte die vollständige Unterwerfung des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg. Die französischen Truppen rückten weiter vor. Wallmoden-Gimborn unterzeichnete am 5. Juli 1803 in Artlenburg die Konvention über die Kapitulation des Kurfürstentums Hannover, die Auflösung von dessen rund 17 000 Mann starker Armee samt Übergabe der Waffen.

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