Johannes Pätzolds Empfang im Gasthaus Brinkmann 1945 wirkt nach

Am 5. Juli: Schinkenbrot und Milch

Zum „Schinkenbrotessen“ fanden sich am Jahrestag von Johannes Pätzolds (3.v.l.) Ankunft in Rathlosen am Freitag auch Verwandte des 99-Jährigen ein. Foto: Kurth-Schumacher

Sulingen – Johannes Pätzold war 25 Jahre alt, als es ihn in den Nachkriegswirren ins Sulinger Land verschlug. Erste Anlaufstelle war die Gaststätte Brinkmann (Köppe) in Rathlosen. „Die Wirtin servierte mir ein Schinkenbrot und ein Glas Milch. Ich habe gedacht, ich bin im Schlaraffenland“, erinnert sich der 99-Jährige an den 5. Juli 1945.

Pätzold stammt aus Wurzen (Sachsen). Nach dem Abitur absolvierte der künstlerisch Hochbegabte, der eigentlich ein Kunststudium anstrebte, Arbeitsdienst und Wehrdienst, geriet schließlich in russische Gefangenschaft. „In dem Lager in Wismar bin ich mit Willi Brinkmann zusammengescheppert“, sagt Pätzold. Der habe ihm bei seiner Entlassung am 19. Juni gesagt: „Wenn du nicht weißt, wohin: Komm zu uns.“

Als Kriegsgefangener aus den Ostgebieten mit landwirtschaftlichen Kenntnissen bot sich Pätzold diese Möglichkeit des Neuanfangs im Westen. Über Eutin und Hannover wurde er per Lkw nach Diepholz gebracht, von dort aus machte er sich zu Fuß auf den Weg nach Rathlosen – ausgehungert und mit ungewissen Zukunftsaussichten. Zu seiner großen Freude hatte man ihn bei Brinkmanns schon erwartet: Die Frau seines Kameraden Willi schickte ihre Kinder, ihn vom Feld zu holen, sie selbst ging in die Küche, um Pätzold ein Abendessen zu richten. Die herzliche Aufnahme blieb ihm nachhaltig in Erinnerung, die freundschaftlichen Beziehungen zur Familie pflegt er mittlerweile zur vierten Generation des Hauses. Und der 5. Juli, an dem ihm traditionell ein Schinkenbrot und ein Glas Milch serviert werden, ist für beide Seiten seit 74 Jahren ein fester Termin.

Johannes Pätzold hatte im Sulinger Land schnell Wurzeln geschlagen. Er arbeitete zunächst als Knecht auf dem Bauernhof Plate in Rathlosen. Gern erinnert er sich an die von ihm initiierten plattdeutschen Abende und an „Danz op de Deel“, wo er seine spätere Drau Dora kennenlernte. Nach dem Tod des Schwiegervaters zog er mit seiner Familie nach Sulingen.

Arbeit fand er hier als Hilfsarbeiter im Kabelwerk, 1955 wechselte er als kaufmännischer Angestellter zur BEB Erdgas und Erdöl GmbH in Barenburg.

Sein festes Einkommen gab ihm Freiraum für seine künstlerische Tätigkeit. Durch zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland wurde er weit über die Grenzen Sulingens hinaus bekannt; auch in seiner Heimat Wurzen ist er als prominentes „Kind“ der Stadt hochgeschätzt. Die Kunst ist für den 99-Jährigen bis heute ein wichtiges Lebenselixier: Feder und Pinsel gehören für ihn zum „täglich Brot“.

Johannes Pätzold, ein Mensch mit wachem Geist und feinsinnigem Humor, kann auf einen großen Fundus an „alten Geschichten“ zurückgreifen. Sie standen beim „Schinkenbrotessen“ am Freitagmorgen im Mittelpunkt. Neben Pätzolds langjähriger Künstlerfreundin Heidemarie Schulz-Due stellten sich hierzu zwei seiner Töchter und weitere Gäste aus dem Kreis seiner weit verzweigten Verwandtschaft ein.  mks

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