Von Maskenpflicht, Abstand, Distanzlernen: „Es ist doch kacke“

Alltag für Jugendliche unter Corona: „Ich will meine Jugend leben“

Auf Abstand draußen sitzen und ein offenes Gespräch über den Alltag unter Corona führen. Die jungen Frauen finden deutliche Worte.
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Auf Abstand draußen sitzen und ein offenes Gespräch über den Alltag unter Corona führen. Die jungen Frauen finden deutliche Worte.

Sulingen – Mal sagen, wie sie als Jugendliche die Situation unter Corona finden. Stichworte: Schnelltest, Schule, Freunde, Jugend, Freizeit. Annina, 15, und Jette, 16, dürfen mit richtigen Namen genannt werden, Sandra, 17, und Daniela, 21, sind Pseudonyme. 18 Grad, die Sonne scheint, die Stühle stehen auf Abstand auf dem Parkplatz vor dem Jugendzentrum („JoZZ“) in Sulingen.

Das besuchen sie sonst regelmäßig, seit Jahren, gehören zum Mädchengruppenkreis um Stadtjugendpflegerin Karina Rosendahl. Wie geht’s euch so? „Relativ scheiße. Es ist doch kacke“, findet Sandra deutliche Worte, nicht nur zum Auftakt des Interviews.

„Ich halte mich nicht an die Auflagen. Ich treffe mich auch so mit Freunden. Man muss nur aufpassen, dass man nicht erwischt wird.“ Bist du schon mal erwischt worden? „Ja.“ Und? „Ich sollte 260 Euro zahlen. Habe ich aber nicht eingesehen. Ich sollte dann ein Referat schreiben. Ich bekam einen Zettel mit Fragen, zu Corona, die sollte ich beantworten“, berichtet Sandra. Hat sie gemacht. Ihre Eltern fänden die Treffen zwar nicht gut, könnten ihre Tochter aber verstehen, sagt die. „Ich will meine Jugend leben. Ich habe bald Abschluss, muss eine Ausbildung und einen Job suchen. Da bleibt nicht mehr viel Zeit.“

Suche nach einem Ausbildungsplatz

Wie schwer ist die Jobsuche? Das sonst übliche zweite Schülerpraktikum habe nicht stattfinden können. Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz würden mitunter abgelehnt mit dem Hinweis darauf, dass die Zukunft der Firma überhaupt nicht gesichert sei, die angestellten Mitarbeiter schon keinen sicheren Arbeitsplatz hätten. Da könne man jetzt keinen Azubi einstellen. Sandra will nun ein Freiwilliges Soziales Jahr anhängen, „in der Hoffnung, dass es im nächsten Jahr besser aussieht, mit einer Ausbildungsstelle.“ Was willst du denn werden? „Heilerziehungspflegerin.“ Gerne hätte sie in den Beruf reingeschnuppert im zweiten Praktikum, ob der wirklich passt, aber...

Konzentration im Homeschooling

Annina will nach der Realschule das Fach-Abitur schaffen. Das berufliche Ziel: Lehrerin. Gutes Stichwort: Wie läuft’s mit dem Lernen? Ein kurzes Fazit vorweg: Schule ist effektiver. Annina erklärt das: „Wir haben jetzt zwar viel Zeit zum Lernen, aber zuhause werde ich zu leicht abgelenkt.“ Deutlich wird, dass Homeschooling unterschiedlich interpretiert wird: Die eine Schule hole alle in ein virtuelles Klassenzimmer und wer nicht mitmache, kriege ‘ne Sechs. Andere würden Aufgaben für die Tage aufgeben, an denen die eine Gruppe zu Hause bleibt, während die andere in der Schule ist. Wer keine private Hardware habe, bekomme Geräte gestellt.

Schule fühlt sich nicht mehr an wie Schule

Und wer wird gefragt, wenn man nicht weiterkommt? „Das ist das Problem“, sagt Annina. „Die Schüler, die in der Klasse sind, können einem das besser erklären, weil der Lehrer es erklärt hat, als wenn ich Jette anrufen, die in meiner Gruppe und damit auch zu Hause ist.“ Und die Eltern wissen oft eben auch thematisch gerade nicht weiter. Sandra ist begeistert von einem ihrer Lehrer. Der rufe auch zuhause an, frage nach, mache sich Gedanken. Bei anderen wiederum verstehe man nur Bahnhof. Ist das noch ein Gefühl von Schule? „Nee“, sagen alle Vier. Daniela kennt es gar nicht, dass Lehrer zuhause anrufen und nachfragen. Ihre Ausbildung umfasst einen schulischen und einen theoretischen Anteil, sie lernt Hauswirtschaft. Stehen da als Belohnung vielleicht besondere Rezepte auf dem Plan? „Nein.“

Schnelltests

Und die Schnelltests? Findet ihr die schlimm? „Nein, man kann es auch übertreiben“, kommentiert Sandra die Reaktion mancher auf die Tests. „Es kitzelt halt kurz und meine Augen tränen dann eine halbe Stunde. Aber es ist besser, als zu Hause bleiben zu müssen.“ Millionen Tests sind wöchentlich notwendig, um allen Schülerinnen und Schülern zwei pro Woche bieten zu können. Ob immer genügend da sind, will Karina Rosendahl wissen. Unterschiedlich, in Sulingen gab es einen Engpass. Und die klare Anweisung seitens der Lehrer an die Abschlussschüler, dennoch zur Schule zu kommen.

Informationüberfluss zu Corona

Wie informieren sich die Jugendlichen in Sachen Corona? „In der Schule, im Fernsehen und Radio hört man es auch immer. Am Anfang haben wir uns auf jeden Fall richtig informiert. Man hört ja nichts anderes mehr“, sagt Annina. „Ich gucke auch Youtube-Videos, wenn die interessant klingen“, ergänzt Jette. Grundsätzlich aber nehme das Interesse ab, sich täglich und ständig mit dem Thema auseinanderzusetzen. „Das macht depressiv“, sagt Sandra. „Man kann nicht mehr feiern gehen und sitzt am Wochenende da, überlegt, wie geil es wäre, mal wieder was machen zu können.“ Zusammen mit Freundin Daniela macht sie Touren per Bus. Dann geht es nach Nienburg, an die Weser. Oder nach Bassum in den Tierpark. Oder nach Diepholz zum Eisessen. Was fehlt: Shopping. Im Internet bestellte Ware passe oft nicht oder sehe nicht gut aus. Das sei ätzend.

Freundschaften und Gespräche

Noch mal zum Stichwort Depression: „Es gibt viele, denen geht es schlecht. Die haben vielleicht Vorerkrankungen. Und nun dürfen sie sich nicht mit Freunden treffen. Manche sind da schon in Tränen ausgebrochen. Und sind damit allein“, erklärt Sandra, warum Treffen unter und mit Freunden für sie so wichtig sind.

Impfen?

Sie kennen alle Freunde oder Freunde von Freunden, die schon an Corona erkrankt waren. Sie kennen auch Personen, die daran gestorben sind. Sandra ist sich nicht sicher, ob sie sich impfen lassen würde – sie kenne Personen, die unter schlimmen Nebenwirkungen leiden. Annina widerspricht: „Ich möchte mich sofort impfen lassen. Ich möchte Urlaub machen. Wenn man dann nur etwas darf, wenn man geimpft ist, will ich dazugehören.“ Ihre Botschaft an andere: „Haltet Euch an die Corona-Regeln, dass wir mal ein Ende sehen. Dass wir uns mit Freunden treffen können. Dass wir den Sommer genießen können.“ „Ich hoffe, dass ich mal wieder Sport machen kann“, sagt Schwimmerin Jette, die Trainingseinheiten und Wettkämpfe vermisst. Brillenträgerin Daniela ist genervt von der Maske: „Immer ist die Brille beschlagen.“

Das JoZZ und seine Bedeutung für die Jugendlichen

Was bedeutet euch das „JoZZ“? „Das ist schön hier. Wenn man sich mal treffen kann, um sich ernster zu unterhalten. Mal einen Tee trinken bei Karina. Man weiß, dass Karina für einen da ist. Und man trifft auch andere. Karina ist unsere ,zweite Muddi‘ geworden“, lauten die Antworten der Vier.

Karina Rosendahl freut sich über die Verbundenheit mit den jungen Frauen, die einst als kleine Mädchen über das Ferienkinderprogramm zur Stadtjugendpflege gefunden haben. Und diese Anlaufstelle auch heute noch schätzen.

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