SERIE „MIT BEEINTRÄCHTIGUNG DURCH CORONA“ Teil 3: Interview mit Betroffenen

„Ich muss zugeben: Ich habe Angst“

Solidarität und Zusammenhalt fordern Wolfgang Müller und Ilona Schiffgens in Zeiten von Corona. Statt über ihre eigenen Beeinträchtigungen zu sprechen, blicken sie auf jene, die gerade dringender Hilfe brauchen als sie.
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Solidarität und Zusammenhalt fordern Wolfgang Müller und Ilona Schiffgens in Zeiten von Corona. Statt über ihre eigenen Beeinträchtigungen zu sprechen, blicken sie auf jene, die gerade dringender Hilfe brauchen als sie.

Sulingen – Leiden Menschen mit Beeinträchtigung mehr unter den Folgen der Corona-Pandemie? Während im vergangenen Teil dieser Serie der Leiter der Ambulanten Betreuung bei der Lebenshilfe Grafschaft Diepholz zu Wort kam, äußern sich jetzt seine Kunden. Ilona Schiffgens und Wolfgang Müller haben dabei nicht nur ihre eigene Situation im Blick, sondern die der gesamten Gesellschaft – und machen sich sogar stark für diejenigen, die noch mehr Unterstützung als sie im Alltag benötigen. Die Fragen stellte Luka Spahr.

Wenn Sie an die vergangenen Monate zurückdenken: Was ist Ihnen da am meisten in Erinnerung geblieben?

Müller: Wenn ich einkaufen gegangen bin, habe ich viele Leute gesehen, die Hamsterkäufe gemacht haben, als würde es nie wieder was geben. Etwa Klopapier. Als ich das kaufen wollte, war nichts mehr da. Das ist dann schon gewaltig.

Schiffgens: Ich wurde mal von einer Frau in einem Drogeriemarkt beschimpft. Da ist ja immer so ein roter Strich an der Kasse auf dem Boden und da halte ich mich auch dran. Die Frau hinter mir hat mich dann angepatzt, ich solle mal weiter vorgehen. Aber wir müssen uns ja alle daran halten, auch wenn es nervt. Das ist für alle schwer. Doof war für mich außerdem, als die Arbeit bei den Delmewerkstätten zugemacht hat. Ich habe zwar einen Garten, in dem ich mich dann immer ausgepowert habe, aber irgendwann verblödet man ja auch zuhause. Ich habe dann mit dem Walken angefangen. Das tut mir super gut und ich mache es noch heute.

Hat Sie Ihre Beeinträchtigung vor weitere Probleme gestellt?

Schiffgens: Also mich schon. Ich habe viel mit den Betreuern über die Situation gesprochen. Die haben dann versucht, mich zu motivieren, was für mich selbst zu tun. Eigentlich lasse ich mich ja auch nicht hängen, ich bin eine Kämpferin – auch in blöden und stressigen Situationen.

Gab es Momente, in denen Sie einfach keine Lust mehr auf Corona hatten und in den Ihnen alles egal war?

Müller: (lacht) Ich bin einmal einfach rausgegangen und habe mir gesagt: So, ich mache jetzt einen Spaziergang nur für mich.

Schiffgens: Man hat ja auch abends einfach mal das Bedürfnis, irgendwo hinzugehen. Das ist natürlich gerade eine doofe Situation: keine Schützenfeste, keine anderen Veranstaltungen. Das fehlt mir schon. Ich sperre mich aber natürlich nicht ein. Ich gehe abends auch mal mit einer Freundin los. Nur zuhause sitzen: Das geht gar nicht.

Wie war es bei Ihnen zu Beginn der Pandemie: Haben Sie sich eingeigelt oder durften die Betreuer Sie noch besuchen?

Müller: Die Betreuer durften auf jeden Fall vorbeikommen! Wir haben die Hygienevorkehrungen vorher einfach telefonisch abgesprochen. Das klappte dann auch sehr gut.

Schiffgens: (nickt) Das war bei mir genauso. Als das mit Corona anfing, habe ich aber zumindest mit meinen Freundinnen eher telefoniert. Man will ja kein Risiko eingehen. Wir haben uns irgendwann aber auch wieder mit Abstand getroffen. Man geht ja auch einkaufen. Wie soll man da den Leuten aus dem Weg gehen? Können Sie mir das sagen? Das geht gar nicht!

Gab es für Sie zuletzt auch schöne Momente?

Schiffgens: Ich habe häufiger mal Passanten getroffen, mit denen man einfach mal Witze gemacht hat über die ganze Situation mit Corona. Die Sache ist schon ernst genug.

Konnte die Betreuung bei Ihnen die ganze Zeit aufrechterhalten werden?

Müller: Bei mir kam der Betreuer zweimal in der Woche und hat geschaut, wie es mir geht. Im Grunde gab es da keine Einschränkungen.

Statt sich drinnen zu treffen, sind Sie mit Ihren Betreuern häufiger mal draußen an der frischen Luft gewesen.

Müller: Ja, das war auf jeden Fall mal sehr angenehm.

Schiffgens: Da war dann aber oft die Frage: Wo soll man hin? Es war ja fast alles zu. Man konnte ja nicht mal ein Kaffee irgendwo trinken gehen. Da mussten wir dann doch schon häufiger mal zuhause Kaffee trinken. Da bin ich ja auch grundsätzlich ganz gerne. Da bin ich alleine und kann schalten und walten wie ich will. Aber irgendwann reicht es auch! Wenn es mir deswegen mal nicht gut ging, konnte ich jederzeit bei meinen Betreuern anrufen. Sofern sie keine Termine hatten, sind sie dann auch sofort gekommen. Man kann sich auf die Betreuung verlassen.

Ihre Arbeit in den Delmewerkstätten konnten Sie wegen Corona auch nicht immer aufsuchen.

Müller: Ich war ja wegen einer Krankheit anfangs sowieso außer Gefecht gesetzt. Als ich dann wieder anfangen wollte, war auf einmal Corona da. Das war im März. Heute arbeite ich wieder ganz normal.

Schiffgens: Ich arbeite auch wieder normal. Zwischenzeitig hatte ich aber oft drei Tage frei und musste dann wieder zwei Tage arbeiten. Das wurde gemacht, weil der Abstand bei der Arbeit sonst nicht eingehalten werden konnte. Das war zwischendurch schon ein komisches Gefühl. Man musste sich erst mal an den Arbeitsrhythmus gewöhnen. Am Ende bin ich aber einfach froh, dass ich heute wieder arbeiten kann. Wenn es irgendwann heißen sollte, dass das wieder geschlossen wird, dann wäre das für mich schon sehr anstrengend.

Und was denken Sie über eine mögliche zweite Welle, Herr Müller?

Müller: Das brauche ich nicht noch mal. (lacht) Einmal hat mir schon gereicht. Ich arbeite in einer Großküche bei den Delmewerkstätten und da kann man das mit dem Mindestabstand auch nicht immer so einhalten, zum Beispiel in der Spülecke.

Die Corona-Pandemie für Sie in einem Wort?

Müller: Genervt! Weg! Brauche ich nicht mehr! (lacht)

Schiffgens: Stress pur. Ich kann da eigentlich gar nicht mit umgehen. Und ich muss zugeben: Ich habe auch Angst. Jetzt steigen die Infektionszahlen wieder und da verstehe ich manche Leute nicht. Warum müssen die jetzt in den Urlaub fliegen? Muss das sein? Also ich würde das nicht riskieren. Da sollte man meiner Meinung auch mal sagen: Ich verzichte dieses Jahr auf meinen Urlaub im Ausland und fliege nirgendwo hin. Ich persönlich hätte Angst, mich da anzustecken und das mit nach Deutschland zu bringen.

Müller: Ich denke da auch an die Leute, die zum Beispiel nach Mallorca geflogen sind, und die das Virus dann hier eingeschleppt haben. Das ist eine Sache, wo ich sage: Es reicht! Was ich auch nicht so schön finde, ist, wenn man spazieren geht und irgendwo Jugendliche in großen Gruppen am Feiern sieht – ohne Abstand. Da stelle ich mir dann auch die Frage, ob das sein muss.

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Schiffgens: Ich denke, dass man mehr zusammenhalten muss in dieser Zeit. Nicht gegeneinander kämpfen, sondern zusammenarbeiten, sich gegenseitig unterstützen. Wir sollten uns zum Beispiel alle daran halten, nur noch mit Maske und Abstand einkaufen zu gehen. Viele Leute halten sich da nicht dran. Die sollen sich gefälligst zusammenreißen! Es ist halt im Moment eine schwierige Zeit. Wir müssen alle da durch. Ich habe da ehrlich gesagt Angst, wie das gerade alles läuft und wie es in Zukunft weitergeht. Was kann man da noch machen gegen das Virus? Es muss doch irgendwas möglich sein. (seufzt) Ich weiß es nicht. Vielleicht stelle ich mir das auch immer alles zu leicht vor. Ich denke aber zum Beispiel auch an die Menschen mit schweren Behinderungen, die aktuell viel einstecken müssen. Ich finde, dass diese Leute mehr Unterstützung brauchen. Die sind auf Hilfe angewiesen! Ich persönlich helfe gerne. Wenn mich jemand anrufen würde, würde ich sofort hinfahren und unterstützen, Spaß haben, spazieren gehen, Kaffee trinken oder irgendwo durch die Läden bummeln. Bei vielen anderen werden die Leute aber schnell abgestempelt nur, weil sie eine Behinderung haben. Was soll das? Nur weil die anders sind als wir? Sie haben genau so viele Rechte. Da muss mal mehr Druck gemacht werden.

Müller: Auf jeden Fall! In dem Bereich ist der Hilfsbedarf ganz groß. Ich denke auch an die Altenheime. Da weiß man auch nicht, was für Angebote die da aktuell haben. Da muss man sich auch mal einbringen und Unterstützung anbieten. Ohne Hilfe von außen klappt das nicht.

Ausblick: Teil 4

Im vierten Teil dieser Serie kommende Woche soll es um die Auswirkungen auf die Frühförderung von Kindern mit Beeinträchtigung gehen. Eine Stuhrer Heilpädagogin spricht von „pandemiegeschädigten“ Kindern und „massiv verängstigten“ Eltern.

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