Serie Hausgeschichte(n): Zeitweise ein Rathaus

Sulingen nur ein Flecken – aber mit E-Werk

Ulrike Melloh steht vor dem Haus.
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Vor dem zeitweiligen Sulinger Rathaus mit dem markanten Erker an der Südstraße steht Ulrike Melloh.

Sulingen – Sein Alter lässt sich von außen nur erahnen, aber der Stil verrät, dass es sich bei dem Haus Nummer 48 an der Südstraße in Sulingen um kein ganz junges Gebäude handelt. Noch viel weniger verrät die Fassade, welchem Zweck die Immobilie einmal diente: Für immerhin zwölf Jahre war sie das Sulinger Rathaus.

Seine Existenz verdankt das Haus der Fläche gegenüber: Dort, wo sich heute der Sitz des Deutschen Roten Kreuzes in Sulingen samt Parkplatz befindet, stand Anfang des 20. Jahrhunderts das Sulinger Elektrizitätswerk. Dessen Leiter, Ingenieur Paul Clev aus Bad Godesberg, ließ das Gebäude 1902 errichten. Im Erdgeschoss waren Büroräume untergebracht, und die beiden Geschosse darüber bewohnte der Eigentümer mit seiner Familie.

Von 1921 an diente das Haus dann als Sulinger Rathaus mit Standesamt. Der von Erich Plenge herausgegebenen Chronik zufolge kaufte die damalige Fleckensverwaltung (Stadt wurde Sulingen erst 1930) das Gebäude zu diesem Zweck, und verfügte damit erstmals wieder über ein eigenes Rathaus, nachdem seit 1846 die Ratsstube im Ratskeller, jetzt Sitz des Restaurants „Capocaccia“, ungenutzt blieb: Bürgermeister Johann Heinrich Windels hatte den Dienstsitz in sein Wohnhaus verlegt, und sein Sohn Heinrich, der ihm im Amt nachfolgte, beließ es dabei; an diesen Umstand erinnert der Name „Alte Bürgermeisterei“, unter dem das Gebäude heute bekannt ist.

Nach ihrer Trauung verlassen Bäckermeister Hermann Riehl und seine Frau Dora, geborene Meier, das damalige Rathaus.

Trauzimmer lag im Erdgeschoss

Im Haus an der Südstraße 48 versah nun der neue Bürgermeister Fritz Schmeling aus Lübbecke, zuvor Obersteuersekretär, seinen Dienst. Der Haupteingang befand sich zu dieser Zeit noch hin zur Südstraße, direkt unter dem imposanten Erker, und das Wohnzimmer der Wohnung im Erdgeschoss diente als Trauzimmer.

Ab dem Jahr 1933 – nachdem die Stadt Sulingen den Kreissitz an Diepholz verloren hatte und das Rathaus in das bisher vom Landrat bewohnte Gebäude an der Lindenstraße, heute Galtener Straße, verlegt wurde – befand sich das Haus im Eigentum der Familie Gutmann.

Die heutige Eigentümerin Ulrike Melloh mit historischen Fotos des Gebäudes aus dem Album der Familie – darunter auch eine Aufnahme ihres Onkels beim Streichen auf der Drehleiter.

Von ihr erwarb es Friedrich Melloh 1960: Seine Enkelin Ulrike Melloh weiß, dass er das Haus – in unmittelbarer Nachbarschaft zu seiner eigenen Immobilie – für seine Tochter Marie-Luise gekauft hatte, mutmaßlich zu deren Hochzeit mit Hans-Georg Labude. Das Paar bewohnte das Erdgeschoss, während die beiden Wohnungen im ersten und zweiten Obergeschoss vermietet waren. „An das Haus habe ich viele Kindheitserinnerungen“, erzählt Ulrike Melloh, „weil wir immer bei Tante Marie waren, und damals kam mir das Haus riesengroß vor.“

Ihr Onkel sei ein sehr sparsamer Mensch gewesen und habe so viel wie möglich selbst gemacht. Unter anderem habe er das komplette Gebäude von außen selbst in Handarbeit gestrichen – und sich 1979 dafür, dank seiner guten Kontakte, auch die Drehleiter der Sulinger Feuerwehr aus dem inzwischen gegenüber gelegenen Feuerwehrhaus ausgeliehen, wie ein Foto aus dem privaten Album von Ulrike Melloh beweist.

Hausanstrich mit der Feuerwehr-Drehleiter

Noch an den ursprünglichen Charakter des Gebäudes erinnert das Treppenhaus.

Im Jahr 1999 sei ihre Tante verstorben, 2011 sei auch ihr Onkel eingeschlafen. Weil das Paar kinderlos blieb, erbte Ulrike Melloh die Immobilie. Es folgte eine umfassende Sanierung des Hauses: Die Fassade wurde vollständig gedämmt, das Erdgeschoss energetisch saniert, die Wohnung erhielt ein barrierefreies Bad und für die Wohnung im ersten Obergeschosse wurde eine 70 Quadratmeter große Dachterrasse angelegt.

Früher sei das Haus immer kalt gewesen, erinnert sich Ulrike Melloh, das sei nun vorbei. An den alten Charakter des Hauses erinnere die Wohnung im ersten Obergeschoss teilweise, aber vor allem das Treppenhaus mit seinem gewundenen Holzgeländer.

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