„Hatte Selbstmordgedanken“

24-Jähriger spricht offen über seine Krankheit: die Depression

Ein tolles Projekt aus der Kunsttherapie, erklärt der 24-Jährige: „Da sollten wir spontan Gefühle darstellen, ohne gegenständlich zu malen. Ich fand das gut und habe die Gefühle Zuhause aufgehängt. Angefangen links mit Zärtlichkeit, dann Angst, Wut, Trauer und ganz rechts Freude.“

Sulinger Land - Von Sylvia Wendt. Immer wieder trifft man auf den jungen Mann: Er ist in hiesigen Vereinen aktiv, Musiker, hat einen großen Freundeskreis. Eine Frohnatur. Dann „Funkstille“. Dann macht er öffentlich, warum: Er leidet unter Depressionen. Er ist in Behandlung, aber auch bereit für ein Interview. Sein Umfeld kennt ihn und seine Geschichte, aber seine Identität bleibt an dieser Stelle geschützt.

Wie hat sich die Depression bemerkbar gemacht? „Es gab eine private Situation. Die hat mich denken lassen, dass das Leben doch nicht so lebenswert ist. Aber ich hatte immer schon Selbstmordgedanken.“ Aufgrund mehrerer Vorkommnisse im Privaten und im Beruf haben irgendwann andere bemerkt, dass der junge Mann Hilfe bräuchte. Doch er zieht sich zurück, besucht keinerlei Feste mehr. Ein Gespräch mit seiner Schwester schließlich setzt ihn in Bewegung: „Du brauchst sofort Hilfe, das könnte eine Depression sein.“ Der junge Mann fährt direkt nach Bassum, in das dortige „Zentrum für seelische Gesundheit“. Dort ist an dem Tag kein Bett frei.

Dankbarkeit für eine Gesellschaft, in der Betroffene sich Hilfe holen können

„Ich wollte doch da gar nicht bleiben, habe ich gedacht. Ich bin aber dankbar dafür, in einer Gesellschaft zu leben, wo man Anlaufstellen hat, um sich Hilfe zu holen. Ich war erleichtert, als ich eine Diagnose hatte, als bekannt war, dass ich eine Krankheit hatte und nun Hilfe bekam.“

Im Laufe der Therapie wird festgestellt, worin diese begründet ist: Im frühen Verlust der Mutter. Alle haben gedacht, der da Anderthalbjährige hätte nicht viel davon mitbekommen. Doch.

Mutterliebe nämlich, die fehlte. Und: Niemand sprach über die Frau. „Ich habe ihr nachgeeifert, wollte immer fröhlich sein – so wie sie. Also habe ich versucht, sie zu ersetzen.“ Der junge Mann, ein Ausbund an Fröhlichkeit, das ab dem Alter von etwa neun Jahren aber auch immer zum Friedhof ging, um das Grab der Mutter schön zu gestalten. Im Alltag flieht der junge Mann, vor allem vor sich selbst: In das Engagement in Vereinen, ins Theaterspiel, in Kapellen, in denen er als Musiker gefragt ist. Heute weiß er, dass das alles wirklich eine Flucht war: „Ich wolle nicht mit mir selber zu tun haben. Mich analysieren.“

Eine Woche Hölle zu Beginn des Aufenthalts

Die erste Woche in Bassum sei die Hölle gewesen. Drei Tage lang durfte er sein Zimmer nicht verlassen, insgesamt verbringt er 15 Wochen in stationärer Behandlung. Die Zwei-Bett-Zimmer haben weiße Wände, die Flure sind weiß gestrichen, die Klinik ist erst Anfang 2016 neu eröffnet. Der Bereich ist allerdings familiär gestaltet mit Gemeinschaftsräumen und Diensten, für die jeder Patient eingeteilt wird. Deren Krankheitsbilder sind ganz unterschiedlich. Es gibt gemeinsame Therapien ebenso wie Einzelbehandlungen.

„Die Kasse zahlt übrigens 15 Minuten Einzeltherapie pro Woche“, sagt der junge Mann. Intensivere Gespräche dauern aber – und folgen. Autofahren ist zeitweise nicht erlaubt, die Busfahrten zur und von der Behandlung in Bassum nehmen Stunden ein.

Wie hätte er sich eigentlich umgebracht? „Mit Gift. Ich hatte mir das passende schon rausgesucht, dazu hätte ich noch reinen Alkohol aus der Apotheke gegeben.“  Handlungsanweisungen, die er aus dem sogenannten Darknet gezogen hat. Das Gift hat er übrigens nicht mehr. Ebensowenig die Selbstmordgedanken.

Situation zeigt: Er hat mehr Freunde, als er geglaubt hat

Klingt schon mal gut, die Behandlung dauert an. Erfolgt jetzt ambulant. Der junge Mann wohnt in Hannover. Die Anonymität der Großstadt bietet Chancen. Gerne würde er in einer Wohngemeinschaft wohnen, das hat sich aber nicht ergeben. Zuhause zu bleiben war keine Option, um wieder auf die eigenen Füße zu kommen.

Und Hannover ist ja nicht weit: Am Wochenende mit Freunden ein Schützenfest besuchen, das gefällt ihm wieder. Auch, dass die Situation gezeigt habe, dass er mehr Freude hat, als er geglaubt hatte. Weniger erfreulich: Man gehe nicht mehr so mit ihm um, wie früher. Er, der gerne auch Sprüche ausgeteilt hatte, kriegt nun keine mehr zurück.

Offener Umgang von großer Bedeutung

Wie soll man ihm denn begegnen? „Ganz normal. Wer mich was fragen will, kann das gerne tun. Und wer mir einen Spruch mitgeben möchte, kann auch das gerne tun. Wundert euch nur nicht, wenn ich manchmal zerstreut bin.“ In Hannover sucht der junge Mann aktuell nach Tagesstrukturen, nach einer neuen beruflichen Idee, lebt seine neu entdeckte kreative Seite aus, meistert Konzentrationsschwächen und spricht über seine Krankheit, die Depression.

„Interessant ist, dass es zwar kaum einer zugibt, selbst betroffen zu sein, aber viele kennen jemanden, der betroffen ist.“ Der offene Umgang mit dem Thema sei wichtig, für ihn, für sein Umfeld. Und hoffentlich auch für jene, die noch im Verborgenen leiden – und weiterhin suizidgefährdet sind. „Das ist eine Krankheit, über die man offen sprechen kann. Und für die es Hilfe gibt.“

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