Sulinger Kulturprogramm ist startklar, aber: Was geht? Und wann?

„Hängen in der Warteschleife“

Ariane Hanselmann vor dem Bild des Stadttheaters, in der Hand der Plan mit Sitzplätzen im notwendigen Abstand.
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Ariane Hanselmann vor dem Bild des Stadttheaters, in der Hand der Plan mit Sitzplätzen im notwendigen Abstand.
  • Sylvia Wendt
    vonSylvia Wendt
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Sulingen – Also, das Programm wäre fertig. Allein: Der Kulturverein Sulingen kann den Veranstaltungsreigen nicht eröffnen, das Programmheft nicht zum Druck freigeben. Die Korrekturfahnen liegen auf dem Schreibtisch der Geschäftsführerin Ariane Hanselmann, die über das kulturelle Angebot für das Mittelzentrum sagt: „Ich finde, ich habe ein tolles Programm.“ Die Homepage gibt Einblicke und listet die erste Veranstaltung für Ende September. Ist das realistisch? „Wir tun alles, aber ich weiß nicht, wann wir in die Saison starten können.“

Hanselmann hat für das Stadttheater ausgerechnet, was an Sitzplätzen belegt werden könnte, bei den derzeit geltenden Abstandsregelungen: Statt 446 Plätzen stünden 85 zum Verkauf. Desinfektion, getrennte Eingangs- und Ausgangsregelungen, Frischluftzufuhr: „Das macht uns alles keine Sorgen, aber die reduzierte Zahl an Plätzen“, sagt Hanselmann. Auch wenn alle Karten verkauft würden – die eingeplanten Einnahmen brächen weg.

Für die Künstler ist das seit dem Lockdown bereits der Fall. Keine Auftritte, keine Einnahmen: So schlimm einfach ist das. Die Kulturschaffenden werden geliked im Internet für kostenlose Online-Angebote. Das aber zahlt keine Miete, keine Versicherung, keine Nahrungsmittel, nix.

Klassik bleibt

Auch wenn die Klassik-Konzerte keine große Besucherschar anziehen, bleibt Hanselmann dabei und bucht sie weiterhin für die eingeschworene Fangemeinde. Und hat diesen Musikern bereits einen Vorschuss gezahlt.

Auch wenn eine Veranstaltung abgesagt wird, versucht Ariane Hanselmann einen Nachholtermin zu buchen. Für die entfallenen Stücke der vergangenen Saison ist das bereits der Fall, allerdings gibt es Tücken: Die Schmidt-Show war ausverkauft. Wer von den aktuell 446 Karteninhabern aber könnte, würden beim neuen Termin Auflagen die Zahl der Besucher reduzieren, hingehen dürfen? Laut Hanselmann haben die Kulturschaffenden Ideen überlegt, ob Stücke ohne Pause spielbar sind oder zwei Mal hintereinander. In Telefonaten seien Veranstalter, Künstler und Agenturen miteinander in regem Austausch.

Noch vor dem Lockdown hat sie bei der Freiburger Künstlermesse für das Sulinger Publikum „eingekauft“. Kleinkunst-Auftritte sind ihr überaus positiv aufgefallen. Und so gibt es, zack, ein neues Abo, das für Kleinkunst. Wer es bucht, der erhält für die drei Veranstaltungen jeweils 15 Prozent Ermäßigung auf die Karten.

Neu: Kleinkunst-Abo

Zum Kleinkunst-Abo-Trio gehört Sven Garrelt. Unter dem Titel „Kleinstadttiger“ präsentiere er tolle freche Texte, sagt Hanselmann: „Das ist ein Spitzbube auf der Bühne, der einfach Spaß macht.“

Das Regenauer-Kuch-Projekt hat sie sich mit einer Freundin angeschaut und beide rätseln noch heute: „Man wird da in die Magie gezogen, sitzt da, denkt sich: Man sieht ja, was er macht und fragt sich dann doch, wie das jetzt passiert ist.“ Traditionelle Tricks und neue, spannend verpackt und mit charmanter Moderation garniert, werden bei dem Auftritt geboten. Dritter im Bunde ist Entertainer Kay Ray. Hanselmann: „Frech! Manchmal ein bisschen unter der Gürtellinie und mit dem Schalk im Nacken.“

Abwechslung ist nicht nur in Sachen Kleinkunst geboten: „Das Brautkleid“ klingt nur nach romantischer Komödie, soll es aber nicht sein. „Inspektor Takada und das doppelte Spiel“ verspricht Krimi auf der Bühne. Nach ein paar Jahren Pause gastiert auch Sascha Korf erneut in Sulingen. Tina Teubner ist schon Stammgast, traditionelle Termine mit den Kooperationspartnern sind wieder dabei, unter anderem laden die Lions ein zum Musikabend mit Reinhold Beckmann und zum Stiftungsabend der evangelisch-lutherischen Kirche wird Musikproduzent Dieter Falk erwartet. Auch Gastspiele der regionalen Laien-Theatergruppen bleiben Bestandteil des Programmes.

Aber, derzeit gilt ohne Aussicht auf Besserung: „Wir hängen in der Warteschleife. Es gibt kein Datum, nichts darüber, wann wir öffnen können und unter welchen Umständen.“

Kein Startdatum

Aktuelle Unterstützung durch die Politik fließe nur in feste Häuser und in die Infrastruktur, sagt Hanselmann. Die finanziellen Auswirkungen würden die Kulturschaffenden auf lokaler Ebene, wie etwa der Kulturverein Sulingen, in der darauffolgenden Saison erst richtig spüren.

Die Kulturkrise könne auch Sulingen erreichen, nicht nur die Großstädte, betont Hanselmann. Fraglich bleibe, was sich nach einer Krise realisieren lasse. Hanselmann legt Wert auf Qualität: „Wir bieten ein Programmangebot auf hohem Niveau und sind keine Kaschemme.“

Die Sulinger Kulturchefin weiß, dass zahlreiche Künstler bereits aus dem Beruf in andere Branchen gewechselt sind, um Geld zu verdienen, etliche hätten Hartz 4 beantragt. Darum ruft sie auf: „Besucht unsere Veranstaltungen, damit Kultur vor Ort bleiben kann.“ Das Vorstandsteam frage sich nämlich, ob die Zuschauer aus Angst wegbleiben, wenn wieder geöffnet werden dürfte. Hanselmann verspricht: „Wir versuchen alles, damit jeder, der kommt, auch Spaß hat.“

„Für Dich! Vor Ort! Mit Herz!“ laute das Motto des Kulturvereins, nicht erst seit März, sondern seit Jahren.

Kommentar zum Thema. Von Sylvia Wendt

Es wird gerne abwertend belächelt, das Engagement von Kulturschaffenden auf dem Land. Das ist aber der falsche Ansatz. Wer mit Spielstätten wie einem Theater, einer Alten Bürgermeister und anderen Orten gesegnet ist, kann Künstler passgenau buchen. Der Kulturverein Sulingen tut dies seit jetzt 26 Jahren.

Mit Ariane Hanselmann erhielt der Verein vor acht Jahren eine in der Kulturszene bestens vernetzte Geschäftsführerin, die mit Mut und viel Know How jedes Jahr aufs Neue unentdeckte künstlerische Kostbarkeiten mit den sogenannten „großen Namen“ kombiniert. Auf ihr Votum verlassen sich die Besucher mittlerweile mitunter auch mal blind, kaufen ohne Faktencheck Karten. Wer nach einem „Eventausflug“ aus der Großstadt zurückkehrt und ihr einen „Tipp für eine Buchung“ zukommen lässt, muss sich oft genug anhören: „Der Künstler war doch schon hier.“

Wer Kultur vor Ort abwertend betrachtet als „Tourneescheiß, öde Wiederholung heute in Hintertupfing und morgen in Obergurgel“, der sollte innehalten und in den Spiegel schauen: Hällöchen nach Hintertupfing oder Obergurgel, du hältst dich doch nicht für weniger wert, als die Einwohner von Hamburg, München und Berlin. Wo die Produktionen übrigens genauso gastieren und nachgefragt sind, wie auf dem Land. Die Profis erheben die Bühne zum Mittelpunkt des Geschehens für die Zeit der Aufführung. Es folgen: Anregende Gespräche, Kalorienverlust durch ausgiebige Lachsalven, Darbietungen, die nachdenklich stimmen – je nachdem. An Veranstaltungsabenden profitiert der gesamte Ort: Vielleicht wird vorher gebummelt, geshoppt, gespeist oder nachher noch eingekehrt. Aus all dem ergibt sich, dass Kultur vor Ort, um in der aktuellen Sprache zu bleiben, systemrelevant ist. Übrigens: Der größte Umsatz in der Berechnung der bundesweiten Bruttowertschöpfung summiert sich in der Automobilindustrie. Platz zwei? Na? Genau: Die Kultur- und Kreativwirtschaft (Quelle: BMVI).

Von Sylvia Wendt

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