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Großer Schmerz: Tod ohne Abschied

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Von: Anke Seidel

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Eine Hand, die am Ende des Lebens die andere hält – das hätte Angela Strathmann aus Bahrenborstel für ihre sterbende Mutter gern getan.
Eine Hand, die am Ende des Lebens die andere hält – das hätte Angela Strathmann aus Bahrenborstel für ihre sterbende Mutter gern getan. © Sebastian Kahnert//dpa

Eine 59-Jährige darf ihre an Corona erkrankte Mutter in der Klinik Sulingen nicht besuchen. Die 85-Jährige stirbt ohne familiäre Begleitung. Die Angehörigen sind immer noch fassungslos.

Landkreis Diepholz – Noch immer ist Angela Strathmann sprachlos. „Mama hat bestimmt Angst gehabt“, versucht sich die 59-Jährige in die letzten Lebensstunden ihrer Mutter hineinzuversetzen. Gern wäre sie an der Seite der 85-Jährigen gewesen. „Aber man hat uns nicht zu ihr gelassen“, ist die Bahrenborstelerin noch heute entsetzt über das Verhalten von Mitarbeitern der Klinik Sulingen. Dort war festgestellt worden, dass die 85-Jährige an Corona erkrankt war.

„Erst als sie gestorben war, durften wir zu ihr“, sagt Angela Strathmann mit leiser Stimme, in der plötzlich Wut aufflammt: „Es kann doch nicht sein, dass man sich von seiner sterbenden Mutter nicht verabschieden darf.“ Das kann Ralph Ehring als Geschäftsführer des Klinikverbunds Landkreis Diepholz sehr gut verstehen. „Wir entschuldigen uns ausdrücklich bei Frau Strathmann und der Familie, dass sie ihre Mutter trotz Covid-19-Erkrankung nicht besuchen konnte“, erklärt er auf Anfrage dieser Zeitung – und verspricht: „Wir werden recherchieren, warum hier bedauerlicherweise kein Besuch ermöglicht werden konnte.“

Tochter kann ihr Versprechen nicht erfüllen

Rückblende: Am Freitag, 16. Juni, geht es der Mutter von Angela Strathmann nicht gut: „Sie klagte über Kopfschmerzen und bekam nicht so gut Luft.“ Der Bruder der 59-Jährigen ruft den Rettungsdienst. Die 85-Jährige kommt gegen 17 Uhr in die Klinik Sulingen. Die Tochter erfährt, dass sie an diesem Tag nicht mehr zu kommen braucht – aber in zwei oder drei Stunden ruhig anrufen soll. Angela Strathmann verabschiedet sich mit den Worten: „Mama, ich komme morgen früh zu dir ins Krankenhaus.“ Aber sie kann ihr Versprechen nicht erfüllen.

Dass es der Mutter nicht gut gehen würde, hatte ihr Bruder noch am Abend per Anruf in der Klinik erfahren. Aber eigentlich dürfe man am Telefon keine Auskunft geben. „Am Samstagmorgen bin ich zum Krankenhaus gefahren, wieder durfte ich nicht zu meiner Mama“, blickt Angela Strathmann zurück, „es hieß, es ist ja keine Besuchszeit“. Netterweise habe sie vom Empfang aus auf der Station anrufen dürfen. „Ich erfuhr am Telefon, dass meine Mama Covid-positiv getestet ist. Also hieß es, wir dürfen sie gar nicht besuchen oder sehen, erst wenn sie wieder negativ ist.“

„Ich will gar nicht daran denken, was sie für Angst gehabt hat.“

Klinikverbund-Geschäftsführer Ralph Ehring erklärt: „Die Patientin lag mit einer Covid-19-Erkrankung auf der Station. Unser Hygienekonzept sieht im Normalfall hier keine Besuchsmöglichkeiten vor.“ Für ihre Tochter ist das schwer zu ertragen, denn ihre Mutter ist dement: „Ich will gar nicht daran denken, was sie für Angst gehabt hat. Nicht zu wissen, wo sie ist und warum keiner von uns kommt.“

Notgedrungen fährt die 59-Jährige nach Hause, ruft am Samstag noch einmal in der Klinik an und im Laufe des Sonntags noch drei Mal. „Jedes Mal haben wir zu hören bekommen, dass es ihr nicht gut geht. Sie sei total unruhig und wolle keine Medikamente nehmen“, so Angela Strathmann – und betont: „Ich glaube, meine Mama wäre ruhiger gewesen, wenn ich bei ihr gewesen wäre und sie meine Stimme erkannt hätte.“ Noch heute empfindet sie es als unerträglich: „Aber zu ihr hin darf man nicht, ist verboten. Auch nicht, wenn man Schutzkleidung trägt.“

Bei einer telefonischen Nachfrage am Montagmorgen erfährt der Sohn und Betreuer, dass sich der Zustand der Mutter verschlechtert hat und sie nicht mehr schlucken kann. „Ich bin ehrenamtlich im Hospizdienst tätig und mir muss keiner erzählen, was das bedeutet“, betont Angela Strathmann: „Natürlich wollte ich zu ihr!“ Offensichtlich habe der Sterbeprozess begonnen, den sie unbedingt begleiten wollte: „Ich wollte einfach nur bei ihr sein und ihr vielleicht noch was sagen.“ Aber gegen 15 Uhr habe ihr Bruder einen Anruf bekommen: „Leider verstorben. Wenn wir wollen, können wir jetzt kommen und uns verabschieden.“ Die Bahrenborstelerin beschreibt ihre Gefühle so: „Ich war fassungslos, unendlich traurig und wütend. Jetzt durften wir zu Mama, ohne irgendwelche Hygieneregeln einhalten zu müssen.“

Klinikgeschäftsführer: „Grundsätzlich sollen Besuche bei schwerstkranken und sterbenden Patienten und Patientinnen nach Absprache ermöglicht werden.“

Die ehrenamtliche Hospizbegleiterin empfindet das als absolut inakzeptables Verhalten: „Nach meinem Wissen dürfen sterbende Menschen Besuch empfangen. Auch Covid-positive.“ Angela Strathmann wünscht sich, „dass sich Ärzte und Pflegepersonal und alle Verantwortlichen Gedanken machen, was ihre Haltung und ihr zwischenmenschliches Verhalten für uns bedeutet – und welchen Schmerz es für uns mit sich bringt.“ Leise fügt sie hinzu: „Ich möchte dabei gar nicht an den Schmerz meiner Mama denken.“

Dafür hat Klinikverbund-Geschäftsführer Ralph Ehring vollstes Verständnis: „Grundsätzlich sollen Besuche bei schwerstkranken und sterbenden Patienten und Patientinnen nach Absprache ermöglicht werden.“ Dabei müssten Angehörige selbstverständlich entsprechende Schutzkleidung tragen und die jeweiligen weiteren Hygieneregeln einhalten. Der Geschäftsführer weiß: „Diese Besuche können für Verwandte ja gegebenenfalls die einzige Möglichkeit sein, sich von einem geliebten Verwandten zu verabschieden und ihn vielleicht ein letztes Mal zu sehen.“ Warum das in diesem Fall nicht möglich war, will der Klinikverbund sorgfältig klären.

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