Mitglieder des Bauvereins Sulingen geben grünes Licht für Verschmelzung mit Volksbank

Große Zustimmung – und ein Missklang

Die voraussichtlich letzte Mitgliederversammlung des Bauvereins Sulingen eröffnete Bürgermeister Dirk Rauschkolb als Vorsitzender des Aufsichtsrats.
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Die voraussichtlich letzte Mitgliederversammlung des Bauvereins Sulingen eröffnete Bürgermeister Dirk Rauschkolb als Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Sulingen – Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Am Donnerstag um 21.34 Uhr, mehr als drei Stunden nach Beginn der Mitgliederversammlung des Bauvereins Sulingen, verkündete Notar Fritz Stelter, dass von den 40 abgegebenen Stimmen 36 für die Verschmelzung der Genossenschaft mit der Volksbank Sulingen zählen – bei zwei Gegenstimmen und zwei Enthaltungen.

Ob die Teilnehmer dem Notar folgten, der von 90 Prozent Ja-Stimmen sprach, oder es mit Jörn G. Nordenholz, Vorstandsvorsitzender der Volksbank, hielten, der die Enthaltungen herausrechnete und so auf 94,7 Prozent Zustimmung kam, blieb gleichgültig – das gesetzlich geforderte Votum von drei Vierteln der abgegebenen Stimmen war in jedem Fall erreicht.

In die Erleichterung mischten sich jedoch auch Ärger und Enttäuschung bei einigen Beteiligten – Auslöser dafür war der stellvertretende Sulinger Bürgermeister Michael Harimech: Der Stadtrat habe kein Problem mit den aktuellen Akteuren, sagte er, aber es werde parteiübergreifend kritisch gesehen, ob es noch ein Interesse am Erhalt des Bauvereins geben würde, wenn es zu Fusionen mit weiteren Volksbanken käme. Daher sei er vom Rat beauftragt worden, gegen die Fusion zu stimmen.

Nordenholz: „Angst so nicht nachvollziehbar“

„Wir haben klar zum Ausdruck gebracht, dass wir keine Heuschrecken sind“, entgegnete Nordenholz, „die Angst des Stadtrats ist so nicht nachvollziehbar.“ Schon auf eine zuvor von einem Bauvereinsmitglied gestellt Frage hatte er geantwortet, dass die Bank keine Pläne zum Verkauf der Wohnungen habe, sondern sie langfristig erhalten und weitere Wohnungen entwickeln wolle.

Die Gastgeber hatten wohl geahnt, dass den Teilnehmern eine längere Zusammenkunft bevorstehen sollte: Am Eingang des Stadttheaters erhielten sie jeweils eine Verpflegungstüte mit Mineralwasser, Schokoriegeln, Pfefferminzbonbons und Desinfektionstüchern.

Sulingens Bürgermeister Dirk Rauschkolb hatte als Vorsitzender des Aufsichts-rats die Versammlung eröffnet: Sie habe historischen Charakter, nicht nur wegen der besonderen Umstände in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, sondern vor allem wegen des Beschlusses über die Fusion.

Detlefsen: „Ein großartiges Projekt“

Diesem Tagesordnungspunkt voraus gingen ausführliche Informationen über die geplante Verschmelzung durch Detlef Detlefsen, Vorstandsvorsitzender des Bauvereins. Die Mitglieder seien vorab in Briefen, Einzel- und Gruppengesprächen bereits informiert worden, und es seien die Fragen der Ratsmitglieder und interessierter Personen beantwortet worden. Die Verschmelzung sei ein „großartiges Projekt“, das im vergangenen November begonnen habe mit einem informellen Gespräch mit Volksbankvertretern über die genossenschaftlichen Gemeinsamkeiten. Daraus sei der Gedanke des Zusammengehens entstanden, um langfristig genossenschaftlich und mitgliedergerecht bauen zu können: „Der eine kann reiten, und der andere hat das Pferd“, umschrieb er die angestrebte Zusammenarbeit. Dieser gemeinsame Weg sei ein Mehrwert, nicht nur für die Mitglieder, sondern auch für die Stadt Sulingen und ihre Bürger.

Der Bauverein werde künftig als Niederlassung der Volksbank geführt mit den beiden Standorten am Vogelsang und an der Langen Straße, der Name und das Logo blieben – als nach 101 Jahren gut eingeführte Marke – erhalten. Es werde keine Mietkündigungen oder -erhöhungen geben und auch keine fusionsbedingten Verkäufe; die Immobilien könnten eventuell zu einem späteren Zeitpunkt in eine andere Gesellschaftsform unter Zugriff der Volksbank überführt werden. Alle Mitglieder und alle Mitarbeiter gingen in die Volksbank über. Bis zur Eintragung der Verschmelzung in das Genossenschaftsregister bleibe der Vorstand unverändert; danach sei geplant, dass er als hauptamtlicher Vorstand die Leitung der Niederlassung Bauverein übernehme, während die beiden nebenamtlichen Vorstandsmitglieder, Markus Winter und Ingrid Lühs, ausscheiden; Lühs bleibe aber dem Servicepunkt erhalten. Das Ziel, wie es auch im Entwurf des Verschmelzungsvertrags festgehalten werde, sei es, den Bauverein langfristig zu sichern und die Volksbank unabhängiger zu machen vom Kapitalmarkt: „Wir wollen gemeinsam Wohn- und Finanzpartner werden.“

Kreditkosten zehren Hälfte der Mieten auf

Die Notwendigkeit der Fusion, die rückwirkend zum 1. Januar 2020 in Kraft treten soll, wurde zuvor noch einmal deutlich, als Winter die Zahlen für das Geschäftsjahr 2019 vorlegte: Danach ergab sich zwar ein Bilanzgewinn von 18 720,30 Euro, aber bei einer Bilanzsumme von rund 15 608 000 Euro drückten den Bauverein Verbindlichkeiten von 11 892 000 Euro, und 49,4 Prozent aller Mieteinnahmen mussten für das Bedienen der Verbindlichkeiten aufgewandt werden.

Ähnlich sieht man das beim Genossenschaftsverband, der in seinen jährlichen Prüfberichten dem Bauverein sowohl für 2018 als auch für 2019 eine „wesentlich beeinträchtigte wirtschaftliche Handlungsfähigkeit“ aufgrund der knappen Mittel bescheinigt.

Trotzdem habe der Bauverein mit der Sanierung zahlreicher Wohnungen Erfreuliches geleistet, betonte Detlef Detlefsen. Allerdings sei auch klar: Ohne einen Finanzpartner werde sich das Level nicht halten lassen.

Für diese Partnerschaft haben die Mitglieder des Bauvereins mit ihrer Zustimmung die Voraussetzungen geschaffen; die endgültige Entscheidung fällt in der Vertreterversammlung der Volksbank eG, Sulingen, am 15. Oktober in Rehden.

KOMMENTAR

Gewiss ehrenwerte Motive – aber warum erst jetzt Widerstand?

VON HARALD BARTELS

Die Freunde älterer Krimiserien werden sich erinnern: Inspektor Columbo pflegte sich, nachdem er sich bereits vom erleichterten Verdächtigen verabschiedet hatte, noch einmal umzudrehen, um eine letzte Frage zu stellen, und die Antwort darauf überführte den scheinbar überlegenen Täter. Buchstäblich die letzte Gelegenheit vor der Abstimmung über die geplante Verschmelzung des Bauvereins mit der Volksbank nutzte der stellvertretende Bürgermeister Michael Harimech, um im Auftrag des Stadtrats zu erklären, warum er gegen die Verschmelzung stimmen werde.

Während Columbos Abschiedsfrage im Fernsehkrimi ein Mittel der Dramaturgie war, lässt sich dem Rat sicher nur schwerlich unterstellen, dass er aus dramatischen Gründen diesen Weg gewählt hat. Dennoch stellt sich die Frage: Warum äußern die Ratsmitglieder ihre Kritik erst jetzt?

Die schlechte wirtschaftliche Lage des Bauvereins ist keine überraschende Entwicklung der vergangenen Wochen, sondern war – anhand der öffentlich zugänglichen Zahlen – bereits seit Jahren absehbar.

Mit der Volksbank als Fusionspartner wurde ein Akteur gefunden, der allen Beteiligten seit geraumer Zeit bestens vertraut sein sollte, über die Fusionspläne berichteten wir bereits im Juli, und im August standen die Vorstände von Bauverein und Volksbank dem Rat in nichtöffentlicher Sitzung Rede und Antwort. Was also hat die Kommunalpolitiker davon abgehalten, ihre Kritik frühzeitig zu äußern?

Offen bleibt auch, welche Alternative zur Verschmelzung mit der Volksbank die Ratsmitglieder zu bieten haben. Gibt es einen anderen finanzstarken Partner? Soll der Bauverein, um eigenständig überleben zu können, weitere Immobilien veräußern? Mitarbeiter entlassen? Die Mieten erhöhen?

Den Ratsmitgliedern darf sicher unterstellt werden, dass ihre Motive in dieser Angelegenheit ehrenwert sind. Die Art und Weise, in der sie vom Rat verfolgt wurden, ist jedoch mehr als fragwürdig und wird der Sache nicht gerecht.

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