Interview zur Schwangerschaftskonfliktberatung

„Die Frau muss zu sich finden“

Ortrud Kaluza möchte in ihren Beratungen Schwangeren einen Raum eröffnen, Klarheit über ihre Entscheidung zu gewinnen.

Sulingen - Ortrud Kaluza ist Mitarbeiterin der Fachstelle Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Grafschaft Diepholz. In einem Gespräch mit unserer Praktikantin Amata Schulze erklärt sie, warum eine Beratung hilfreich sein kann und wie sie abläuft. Die Beratungen bietet das Diakonische Werk im Familiengesundheitszentrum Sulinger Land, dienstags von 9 bis 10 Uhr und donnerstags von 16 bis 17 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung unter Tel. 0 42 71 / 95 00 39 an.

Frau Kaluza, wieso ist eine Schwangerschaftskonfliktberatung ihrer Meinung nach hilfreich?

Ortrud Kaluza: Eine Schwangerschaftskonfliktberatung ist in jedem Fall sinnvoll. Jede Frau, die herkommt, ist sich bewusst, dass es eine existenzielle Entscheidung ist, ob sie die Schwangerschaft abbricht. Da ist es gut, einen Raum zu haben, das „Für“ und „Wider“ genau beleuchten zu können.

Wie läuft eine Beratung in der Regel ab?

Oft beginne ich mit Fragen an die Schwangere, um zu hören, was die Frau schon weiß, und was sie im Vorfeld recherchiert hat. Es gibt keinen festen Ablaufplan. Jede Frau ist anders und so muss auch jede Beratung individuell auf die Schwangere abgestimmt sein. Ein gewisser Teil der Beratung befasst sich natürlich mit Informationen; zum Beispiel über den Ablauf und die Risiken eines Schwangerschaftsabbruchs oder dessen Finanzierung. Der Hauptteil befasst sich allerdings mit der Frau und der Situation, in der sie sich befindet. Hier ist Raum für alles, was die Frau im Zusammenhang mit dem Entscheidungskonflikt bewegt. Dazu gehören ihre aktuelle soziale Lebenssituation, ihre inneren Werte, religiöse Überzeugungen und lebensgeschichtliche Erfahrungen. Ziel der Beratung ist, dass die Frau eine für sich stimmige Entscheidung findet und auch im Nachhinein gut mit dieser leben kann. Im Schwangerschaftskonfliktgesetz ist es so formuliert, dass die Beratung ergebnisoffen, doch zum Leben ermutigend sein muss.

Unterscheidet sich eine Beratung mit Minderjährigen von einer mit Volljährigen?

Bei Minderjährigen spielen die Eltern und auch deren Wertesystem jeweils noch eine große Rolle. Da kann es passieren, dass die Eltern so sehr von der Schwangerschaft ihrer Tochter betroffen sind, dass sie versuchen, auf die Entscheidung ihrer Tochter Einfluss zu nehmen. Dies kann zu einem erhöhten seelischen Druck bei der Entscheidungsfindung führen. Umso älter die Minderjährigen sind, desto mehr können sie sich von den Eltern abgrenzen und haben oft schon eigene Vorstellungen vom Leben entwickelt. Allgemein kann man aber sagen, dass es keine Standardberatung gibt. Es sind immer Einzelfälle.

Wie reagieren sie, wenn Eltern für eine Abtreibung des Kindes ihrer Minderjährigen Tochter sind, aber die Tochter ihr Kind bekommen möchte?

Zunächst würde ich mit dem schwangeren Mädchen unter vier Augen sprechen, um in Erfahrung zu bringen, was sie eigentlich will. Auch ein Gespräch nur mit den Eltern könnte helfen, weil sie oft gar nicht wissen, welche Perspektiven ihre Tochter auch mit Kind hat. Anschließend ist ein gemeinsames Gespräch von Nutzen. Ist der Konflikt zwischen der Tochter und den Eltern nicht lösbar, und die junge Schwangere bleibt bei der Entscheidung für das Austragen der Schwangerschaft, kann das Jugendamt zurate gezogen werden. Im schwierigsten Fall ist eine Unterbringung der schwangeren Minderjährigen in einer Jugendhilfe-Einrichtung, beispielsweise einem Mutter-Kind-Haus, möglich.

Passiert es häufig, dass Frauen ihre Entscheidung nach einer Beratung ändern?

Das kommt vor, wenn die Frau zunächst mehr auf die Gefühle und Meinungen anderer hört, als auf ihre eigenen. Besonders der Partner spielt meistens eine große Rolle für die Frau; etwa wenn seiner Meinung nach ein gemeinsames Kind aus verschiedenen Gründen nicht in Frage kommt. Ich höre dann öfter von der Betroffenen: „Er hat ja auch recht.“ Aber es geht nicht darum, wer recht hat, sondern, dass die Frau zu sich selbst kommt und herausfindet, was für sie richtig und wichtig ist. Deswegen gebe ich der Frau auch keine Ratschläge. Ich eröffne einen Raum, damit die Schwangere zu sich findet und Klarheit über ihre Entscheidung gewinnt.

Was sind die häufigsten Gründe für eine Entscheidung für eine Abtreibung?

Es ist eher ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren. Häufig ist die Situation der Partnerschaft ein wichtiger Punkt. Wenn der Partner beispielsweise bei Fortsetzung der Schwangerschaft mit dem Ende der Beziehung droht, ist es für die Frau ein schwerer Konflikt. Sollten Freunde und Verwandte von der Schwangerschaft wissen, versuchen sie oft, Einfluss auf die Schwangere zu nehmen. Auch dies ist nicht immer hilfreich für die Entscheidungsfindung. Aber auch soziale Unsicherheiten, wie es mit Schule, Ausbildung oder Beruf weitergehen soll, wie die Finanzierung eines Kindes oder wie eine Alleinerziehende eine Wohnung bekommen soll, können Gründe für eine Entscheidung gegen das Austragen des Kindes sein.

Bekommen die Frauen oder Mädchen nach der Abtreibung weiterhin Hilfe?

Nach dem Abbruch ist zwar die Schwangerschaft beendet, das bedeutet aber nicht immer, dass danach alle Probleme gelöst sind. Manchmal stecken die Frauen in einer Krise und haben Bedarf an einem Gespräch mit einem Menschen, der nicht wertend ist. Deswegen gehören auch Gespräche nach einem Schwangerschaftsabbruch zum Aufgabenfeld einer Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberaterin.

Immer häufiger hört man von Frauen, die ihre Säuglinge nach der Geburt töten, aussetzen oder vernachlässigen. Wie kommt es dazu, dass Frauen so reagieren?

Es kommt vor, ist aber eine Ausnahme. Frauen die so reagieren sind in einer psychischen Ausnahmesituation. Oft kommt alles Mögliche an Unglück zusammen, damit sie derartig reagieren. Einige dieser Frauen verheimlichen ihre Schwangerschaft bis zur Geburt, weil sie in eine Art Panik verfallen oder sich nicht eingestehen wollen, dass sie schwanger sind. Oft stehen sie unter massivem Druck, sind traumatisiert und wissen nicht mehr, was sie tun. Dazu kommt meistens noch, dass die sozialen Umstände ganz schwierig sind und die Frauen nicht in guten und normalen Verhältnissen leben.

Was kann man tun, um so etwas zu verhindern?

Es ist nicht leicht, Frauen, die in Panik verfallen sind, mit Hilfsangeboten zu erreichen. Der Staat hat aber mit dem Gesetz der vertraulichen Geburt ein weiteres Angebot zum Schutz der schwangeren Frauen und ihrer Kinder geschaffen. Danach haben Frauen die Möglichkeit, ihre Kinder, ohne ihre Identität preiszugeben, zur Welt zu bringen. Hilfreich finde ich die Notfalltelefonnummern, die rund um die Uhr besetzt sind. Trotzdem kann man noch mehr dafür tun, diese Hilfsangebote und Anlaufstellen bekannter zu machen. Im ländlichen Raum sind Anlaufstellen oft zu weit entfernt.

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