Flammender Appell für Rettung

Es soll Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten: „Sea-Watch 4“ heißt das ehemalige Forschungsschiff Poseidon jetzt. Die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) hat es mitfinanziert. Es habe begeisterte Rückmeldungen gegeben, so Heinrich Bedford-Strohm als Ratsvorsitzender der EKD während des Jahresempfangs des Kirchenkreises Grafschaft Diepholz, aber auch scharfe Kritik. Foto: EPD/Frank Molter

Aktiv setzt sich die evangelische Kirche Deutschlands (EKD) für die Menschenrettung ein – und beteiligt sich finanziell am Rettungsschiff „Sea-Watch 4“, das Flüchtlinge vor dem Ertrinken bewahren soll. Dass es dazu keine Alternative gibt, erläuterte EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm während des Jahresempfangs des Kirchenkreises Grafschaft Diepholz in Freistatt.

VON ANKE SEIDEL

Freistatt – Es ist ein flammender Appell für die Rettung und für die Menschlichkeit, mit dem sich Heinrich Bedford--Strohm als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) an seine knapp 100 Zuhörer wendet. Zur handfesten Hilfe für Menschen in absoluter Not – für Flüchtlinge – gibt es keine Alternative, lautet seine Botschaft beim Jahresempfang des Kirchenkreises Grafschaft Diepholz in der Freistätter Moorkirche. Er wirbt für mehr als nur eine „Willkommenskultur“ – in dem Wissen, dass dieser Begriff „für manche zum schlimmsten Wort geworden ist“.

Der EKD-Ratsvorsitzende und bayerische Landesbischof betont die unbedingte Notwendigkeit, Rechtsradikalismus „mit allen staatlichen Mitteln zu bekämpfen“. Denn Worte können, mahnt er, zu einem zerstörerischen Gift werden. „Welche brutalen Konsequenzen fremdenfeindliche Worte für einen verwirrten Geist haben können, haben wir in Hanau gesehen“, richtet Bedford-Strohm den Blick auf das unfassbare Attentat, bei dem zehn Menschen und der Täter selbst ums Leben gekommen sind. Und zeigt sich froh über Menschen, die aufstehen und gegen Rechtsterrorismus demonstrieren oder Stellung beziehen. Denn die Würde des Menschen ist unantastbar, stellt der bayerische Landesbischof klar: „Der Mensch ist geschaffen zum Bilde Gottes.“

Genau das hat Superintendent Marten Lensch schon zu Beginn des Empfangs herausgestellt: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn“ zitiert Lensch aus der Bibel, aus dem ersten Buch Mose. Botschaft: Ein Mensch muss seinen Wert nicht verdienen – er steht ihm zu. Genau deshalb muss der Kirchenkreis sich positionieren und engagieren, stellt Marten Lensch klar: „Auch Flüchtlinge sind Gottes Ebenbilder. Auch da müssen wir Verantwortung übernehmen.“

Zurück in die Zeit Moses, in die Zeit der unterdrückten Israeliten in Ägypten, führt Heinrich Bedford-Strohm seine Zuhörer. Er erinnert an die Fremdlinge, an die schlecht behandelten Unterdrückten – eine Historie, die zu den christlichen Wurzeln gehört. Deshalb spricht er von einer „Ethik der Einfühlung“ und der „Erinnerung und Errettung aus der eigenen Not“. Einladend fordert er auf: „Versetz dich doch einen Moment in die Lange eines Menschen in Not. Und frage dich: Wir würdest du behandelt werden wollen in dieser Situation?“

Da ist die Hilfe für die vielen Menschen in Not, die 2015 in Deutschland Schutz suchen: Flüchtlinge, die von anderen Menschen zugewandt begrüßt und aufgenommen werden. „Wir dürfen uns das, was 2015 passiert ist, nicht schlechtreden lassen“, betont der EKD-Ratsvorsitzende – und sieht noch heute eine stabile Hilfsbereitschaft für diese Menschen. Etwa die Hälfte der damaligen Flüchtlinge habe mittlerweile einen Ausbildungsplatz oder einen Job, sagt er.

Doch noch immer ertrinken Menschen auf der Flucht im Mittelmeer. „Für mich ist klar, dass wir Verantwortung übernehmen müssen“, betont der Landesbischof – und lehnt kategorisch ab, dass die Kirche nur zuständig ist für die Moral und die Politik für das, „wo man sich die Hände schmutzig machen muss“. Bedford-Strohm appelliert an Verantwortung im christlichen Sinne: „Wie können wir sicherstellen, dass Menschen in Sicherheit und Würde leben können?“ Ganz bewusst fügt er hinzu: „Das heißt nicht, dass diese Menschen alle in Deutschland leben müssen.“

Zur Rettung von Menschen vor dem sicheren Ertrinken gibt es keine Alternative für den Landesbischof. Er berichtet, wie schnell sich die EKD dazu entschieden hat, Geld bereit zu stellen und mit anderen Hilfsorganisationen ein Schiff zu kaufen: Das ehemalige Forschungsschiff „Poseidon“ trägt nun den Namen „Sea-Watch 4“ und wird in Spanien mit einer Krankenstation versehen. Die „Sea-Watch 4“ soll Ostern zum ersten mal auslaufen – „als Symbol für den Sieg des Lebens“, stellt der Landesbischof klar. Genauso wichtig sei es, Fluchtursachen zu bekämpfen: „Ja selbstverständlich! Aber man kann nicht zur Abschreckung einfach Menschen ertrinken lassen!“

Die Hilfs- und Aufnahmebereitschaft in Europa sei sehr groß. Es fehle aber an einem Verteilmechanismus, die geretteten Bootsflüchtlinge in der EU auch unterzubringen, mahnt Heinrich Bedford-Strohm. Genau der müsse dringend geschaffen werden. Mit Herzblut setzt er sich genauso für eine Brücke vom Asylrecht ins Einwanderungsrecht ein. Er will nicht hinnehmen, dass Menschen über Jahrzehnte in Deutschland leben und dann abgeschoben werden. „Wir müssen die Möglichkeit schaffen, dass solche Menschen bleiben können“, fordert der EKD-Ratsvorsitzende unter Beifall der Zuhörer – und ist felsenfest überzeugt: „Integration ist die beste Möglichkeit, dem Rechtspopulismus und dem Rechtsradikalismus etwas entgegenzusetzen!“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Der Blauregen hat viel Kraft

Der Blauregen hat viel Kraft

Wandern, Waldbaden und Wellness in Bad Steben

Wandern, Waldbaden und Wellness in Bad Steben

Barock und Bio im Bliesgau

Barock und Bio im Bliesgau

Kampf gegen Corona: Italien verlängert Ausgangsverbote

Kampf gegen Corona: Italien verlängert Ausgangsverbote

Meistgelesene Artikel

Wolf trabt auf Häuser zu: Ist das noch normales Verhalten?

Wolf trabt auf Häuser zu: Ist das noch normales Verhalten?

Coronavirus im Landkreis Diepholz: Sorglose Bürger gefährden andere

Coronavirus im Landkreis Diepholz: Sorglose Bürger gefährden andere

Mit Kindern durch die Corona-Krise – eine Expertin gibt Tipps für Eltern

Mit Kindern durch die Corona-Krise – eine Expertin gibt Tipps für Eltern

Stadt rechnet mit erheblichen Einbußen bei der Gewerbesteuer

Stadt rechnet mit erheblichen Einbußen bei der Gewerbesteuer

Kommentare