Bürgermeister sieht Nachholbedarf

Fahrradklima bekommt Note 3,9: Sulingen erstmals in ADFC-Test-Wertung

Ein Radfahrer, gefolgt von einem Auto, in der Langen Straße in Sulingen.
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In diesem Fall wahrt das Auto ausreichend Abstand zum Fahrrad – die Regel ist das aber nicht.

Sulingen – Gesamtnote 3,9 und damit Rang 227 unter 417 Kommunen mit 20 000 Einwohnern oder weniger: So lautet das Ergebnis für Sulingen im „Fahrradklima-Test 2020“ des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC).

Ermittelt wurden die Ergebnisse anhand von Fragebögen, in denen die Teilnehmer für ihre Kommune in verschiedenen Kategorien Noten vergeben konnten – von 1 für fahrradfreundlich bis 6 für so gar nicht fahrradfreundlich. Insgesamt flossen die 230 000 Fragebögen für mehr als 1 000 Kommunen in die Auswertung ein; für Sulingen bewerteten 184 Teilnehmer die Gegebenheiten vor Ort.

Am besten bewertet wurde für die Sulestadt die Erreichbarkeit des Zentrums mit dem Fahrrad; mit der Durchschnittsnote 2,2, gefolgt von der Möglichkeit zum zügigen Radfahren (Note 2,3) und der Verteilung der Radnutzung auf unterschiedliche Altersgruppen (Note 2,6).

Radwegeoberfläche und -breite mangelhaft

Die schlechtesten Noten gab es für die Breite und die Oberfläche der Radwege mit jeweils der Durchschnittsbewertung 4,9. Ebenfalls negativ benoteten die Teilnehmer die Maßnahmen der Fahrradförderung in jüngster Zeit mit dem Resultat 4,6.

Bemerkenswert ist allerdings auch, welche Fragen häufig unbeantwortet blieben: Immerhin 54 Prozent der Teilnehmer mochten sich nicht dazu äußern, ob die Einbahnstraßen in Sulingen für das Befahren mit dem Rad auch in Gegenrichtung freigegeben sind. Ganze 43 Prozent gaben keine Antwort dazu, wie einfach oder preisgünstig das Mitnehmen von Rädern in öffentlichen Verkehrsmitteln ist.

Nachholbedarf bei der Infrastruktur

„Uns ist bewusst, dass wir infrastrukturelle Mängel haben, da gibt es Nachholbedarf“, räumt Bürgermeister Dirk Rauschkolb ein. Allerdings gebe es vielfach auch keinen Radweg mehr, weil seit Längerem die Radwegebenutzungspflicht in Sulingen aufgehoben sei; es seien Gehwege, für die andere Vorgaben gelten. Über die Einrichtung von Fahrradspuren auf Straßen sei bereits nachgedacht worden. Generell folge die Stadtverwaltung der Empfehlung der Polizei, wonach der Radverkehr auf die Straße gehöre – „hier fehlt es aber oft an der Akzeptanz durch die Autofahrer.“

Ein Sonderfall sei noch die im Zuge der Langen Straße eingerichtete Fahrradstraße. Sie solle stärker „beworben“ werden, das Einhalten der Vorgaben funktioniere oft noch nicht. „Wir sind aber nicht dafür zuständig, den Teilnehmern die Verkehrsregeln zu erklären“, stellt der Bürgermeister fest, „auch dürfen wir als Stadt den fließenden Verkehr nicht kontrollieren.“

Radweg an der Diepholzer Straße soll erneuert werden

Baulich habe die Verwaltung bereits die Bassumer Straße, die Nienburger Straße und die Linderner Straße im Blick: „Die Haupttangenten zur Innenstadt müssen betrachtet werden“, stellt Nicole Kossinna fest, Leiterin des Teams Ordnungswesen im Fachbereich III – Bauen, Planung und Ordnung – der Sulinger Stadtverwaltung. Das seien allerdings alles Baumaßnahmen, die „man so eben mitmacht.“ Bereits in Planung sei die Sanierung des Radweges an der Diepholzer Straße zwischen der Einmündung des Barrier Kirchwegs und der Kreuzung zur Bundesstraße 61: „Das soll gemacht werden, sobald die Maßnahme der Avacon abgeschlossen ist.“

Ganz klar sei aber nicht, was die Teilnehmer beim Stichwort Oberfläche genau gemeint haben, so Dirk Rauschkolb: Geht es nur um Schäden oder um die Beschaffenheit? Beispielsweise störten sich manche Radfahrer am Kopfsteinpflaster auf der Langen Straße.

Verschiedene Wege der Förderung

Auch den Punkt der fehlenden Förderung will Nicole Kossinna nicht so stehen lassen: „Wir fördern den Verkehr ja auch durch die ganzen Radtouren, die wir anbieten, und trotzdem haben wir da schlecht abgeschnitten.“ Auch die Fahrradboxen am Busbahnhof gebe es schon lange, aber sie würden kaum genutzt.

„Wir streben auf jeden Fall eine gute Bewertung an“, betont der Bürgermeister, „und wir nehmen das als Ansporn, uns zu verbessern.“

Die Kritik der Teilnehmer des ADFC-Fahrradklima-Tests teilt Ingo Büntemeyer, Sachbearbeiter Verkehr der Polizeiinspektion Diepholz, nur bedingt. „Im Rahmen der Verkehrsunfallauswertung für den Bereich Sulingen ab dem Jahr 2010 ist festzustellen, dass sich die Zahl der Verkehrsunfälle unter Beteiligung von Radfahrenden mit schwerem Personenschaden glücklicherweise jährlich nur im einstelligen Bereich bewegt.“

Polizei rät zur Fahrbahnnutzung

Aus Sicht der Polizei sollten Radfahrer die Fahrbahn nutzen, weil sie dort besser wahrgenommen werden und weniger Gefahr laufen, „von ein- oder ausparkenden, kreuzenden oder einmündenden motorisierten Kraftfahrzeugen gefährdet oder gar geschädigt zu werden.“

Hinzu komme, dass es schwierig sei, Radwege anzulegen und das Verhalten darauf zu regeln. Radfahrer – Gelegenheitsfahrer, Kleinkinder, Schulkinder und Sportfahrer – bildeten keine homogene Gruppe. Sie seien sehr gefährdet, weil sie keinen eigenen Schutz haben, und ihre Bereitschaft, Regeln zu akzeptieren, sei geringer ausgeprägt als bei motorisierten Verkehrsteilnehmern, weil sie mit einem sehr individuellen Verkehrsmittel unterwegs seien und es keine Kennzeichnungspflicht gibt. Aufgrund der baulichen Gegebenheiten könnten auch nicht überall ausreichend breite Radwege angelegt werden.

Fahrradstraße ist ein Sonderfall

Ein Sonderfall sind Fahrradstraßen wie auf einem Teilstück der Langen Straße. Dieser Bereich sei dem Radverkehr vorbehalten, der Autoverkehr sei jedoch per Zusatzzeichen erlaubt mit einer Höchstgeschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde. Zu beachten sei, dass „Radfahrer nebeneinander fahren dürfen und nur überholt werden dürfen, wenn ein ausreichender Sicherheitsabstand von mindestens 1,50 Metern eingehalten wird.“ Autofahrer hätten auf Radfahrer besonders Rücksicht zu nehmen, aber das gelte auch außerhalb der Fahrradstraße: „Jeder Unfall mit einem verletzten Radfahrer ist einer zu viel.“

Ein großer Nachteil der Sulinger Fahrradstraße sei aber der Fahrbahnbelag, sagt Ingo Büntemeyer: „Es ist immer wieder zu beobachten, dass Radfahrende dort auf den gepflasterten Gehweg ausweichen, was oft zu brenzligen Situationen führt.“ Eine asphaltierte Deckschicht würde allerdings Autofahrer zu schnellerem Fahren verleiten, was wiederum eine erhöhte Gefahr für Radfahrende bedeuten würde.

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