1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Diepholz
  4. Sulingen

Online-Glücksspiel: Per Mausklick in die Abhängigkeit

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Harald Bartels

Kommentare

Zwei Menschen stehen vor dem Eingang zur Suchtberatung.
Das Thema Online-Glücksspiel bereitet Leonie Rathmann und Torben Kohring von der Fachstelle Sucht und Suchtprävention weiter Sorge. © Bartels

Sulingen – Seit dem 1. Juli 2021 gestattet der Glücksspielstaatsvertrag Online-Glücksspielangebote in ganz Deutschland. Wirken sich die zusätzlichen Spielmöglichkeiten auf die Arbeit der Fachstelle Sucht und Suchtprävention in Sulingen aus?

„Bis jetzt ist es ruhig, was das Online-Thema angeht“, sagt Leonie Rathmann, Sozialarbeiterin der Fachstelle. In den letzten Wochen sei vermehrt das Spielen in Spielhallen im Blick gewesen, aber „wir haben ein kleines Loch im Winter und können schwer sagen, woran das liegt, ob an Corona, am Lockdown oder an Weihnachten.“

Die Vermutung sei allerdings, dass es beim Online-Glücksspiel auch länger dauere, bis den Menschen und ihren Angehörigen bewusst werde, dass sie ein problematisches Verhalten zeigten: „Onlinespiel ist nicht so offensichtlich wie für ein paar Stunden in die Spielhalle zu gehen.“ Das könne man nebenbei laufen lassen, auch im Homeoffice, und das Spielen gehe schneller, weil es oft nur einen Klick brauche. „Daher dauert es auch länger, bis es den Angehörigen auffällt.“

Einführung der Schutzmaßnahmen hakt

Zeit benötigen auch die Anbieter: „Es dauert, bis die Regulierung umgesetzt wird“, erklärt Torben Kohring, Präventionsbeauftragter der Fachstelle. Beispielsweise müsse geklärt werden, in welcher Form die Anbieter der Glücksspiele auf ihren Internetseiten auf Hilfsangebote wie die Fachstelle hinweisen – „man muss ihnen dafür Zeit geben, ein halbes Jahr ist da wenig.“

Schutz für die Betroffenen soll die Möglichkeit bieten, sich selbst bundesweit sperren zu lassen – sowohl für Spielhallen als auch für Online-Glücksspiel. Man habe befürchtet, dass das nicht funktionieren würde, moniert Leonie Rathmann, und das sei eingetreten. Aus dem engen Kontakt mit den Ordnungsämtern wisse sie, dass es an zentraler Stelle im System hake: Die Daten für das Sperrsystem OASIS würden alle beim Regierungspräsidium Darmstadt erfasst, aber: „Die sind schlicht überlastet.“

Mehr Glücksspielelemente in Handyspielen

Daneben falle den Fachleuten vermehrt auf, dass in immer mehr Online- und Handyspielen Glücksspielaspekte auftreten: Etwa, wenn im Spiel „einarmige Banditen“ betätigt werden müssten, um Gegenstände zu erhalten, mit denen man im Spiel besser werde,

Das werde jetzt in den Jugendschutzrichtlinien aufgegriffen, ergänzt Torben Kohring. Bisher sei das nicht der Fall gewesen, weil es nicht um Geldausschüttung gegangen sei, aber die Spielehersteller arbeiteten mit Prinzipien, die aus dem Automatenspiel bekannt seien. Kohring mahnt: Solche Aspekte müssten mit Kindern und Jugendlichen auch medienpädagogisch aufgearbeitet und mit den Eltern reflektiert werden. „Man muss sich bewusst werden, wie diese Prinzipien funktionieren, um einen Reizwiderstand zu erlernen.“ Aus der Suchtforschung wisse man, dass die Selbstkontrolle als Erwachsener nicht funktioniere, wenn sie nicht schon in der Kindheit und Jugend gelernt wurde.

Sucht-Prävention wieder in Gang bringen

Als problematisch sieht er zudem an, wenn Medien mit Werbung für diese Glücksspielaspekte verknüpft werden, und nennt sogenannte „Let’s Plays“ als Beispiel. Dabei handelt es sich um Videos, in denen Spieler sich beim Spielen filmen. In manchensei zudem zu sehen, wie gegen Echtgeld erhältliche „Spielerpacks“ für ein Fußballvideospiel geöffnet werden, um möglichst starke Kicker für sein Team zu erhalten. Auf diesen Bereich müsse sich der Jugendschutz ebenso fokussieren, fordert Torben Kohring.

Die Medien würden von den Schulen als Thema für die Prävention angefragt, berichtet Leonie Rathmann, „und wir versuchen, das Suchtthema da mit einzubinden.“

Beratung weiter stark nachgefragt

Die Fachleute versuchen, weitere Kontakte zu knüpfen und eine Zusammenarbeit zu etablieren mit Ordnungsämtern – und Spielhallen. Allerdings gehe es jetzt darum, überhaupt erst wieder „in die Prävention zu kommen und da eine Regelmäßigkeit hineinzukriegen.“ Vorrangige Zielgruppen für die vom Diakonischen Werk Diepholz-Syke-Hoya betriebenen Fachstelle seien Schulen und Konfirmandengruppen: „Im Jahr 2017 konnten wir noch über 400 Schüler, Multiplikatoren, Konfirmanden et cetera in über 40 Veranstaltungen erreichen.“ Bis 2019 seien die Zahlen ähnlich gewesen, aber seither sei wegen der Pandemie kaum etwas möglich gewesen.

Darunter leide die Präventionsarbeit, erklärt Torben Kohring, denn „der persönliche Kontakt ist durch nichts zu ersetzen.“ Zwar könne man auch telefonieren, aber im direkten Gespräch könne man Rede und Antwort stehen, Tipps geben und die Jugendlichen könnten Fragen stellen. „Sie sind sehr interessiert, weil Spiele Teil ihres Alltags sind.“ Auch wenn die Präventionsarbeit in den beiden vergangenen Jahren kaum möglich gewesen sei, sei die Arbeit insgesamt nicht weniger geworden, denn die Beratung für Betroffene und Angehörige sei verstärkt in Anspruch genommen worden. „2021 hatten wir insgesamt 598 Kontakte und 2020 633 Kontakte“, berichtet Leonie Rathmann. Deutlich gestiegen sei dabei, unabhängig vom Suchtmittel, die Zahl der Angehörigen, die sich in der Fachstelle melden, von 91 im Jahr 2020 auf 130 im Vorjahr.

Familien noch mehr stärken

„Es wird in den Familien viel mehr geguckt, wie man die Angehörigen unterstützen kann“, erklärt Torben Kohring, „vielleicht auch, weil man unter Corona mehr Zeit miteinander verbringt.“ Dabei begleite das Team der Fachstelle die Familien zum Teil sozialpädagogisch und unterstütze sie bei der Freizeitgestaltung, durch vergünstigte Kino-, Theater- oder Zoobesuche, die dank Kooperationen mit Anbietern möglich sind, durch begleitete Ausflüge in Klettergärten oder zum Kartfahren. Das seien Anlaufpunkte, um mit der Familie qualitativ etwas zu unternehmen: „Man hat Spaß zusammen und lernt bei gemeinsamen Erlebnissen sich und die anderen besser kennen. Das Stärken der Familie stärkt auch die Personen, mit ihrer Suchterkrankung klarzukommen.“ Das sei ein Service, den die Fachstelle künftig weiter ausbauen wolle. Gerne zusammen mit weiteren Institutionen, insbesondere aus dem Sulinger Land, denn bisher habe man vor allem Angebote aus Diepholz im Blick.

Auch interessant

Kommentare