Experten erläutern, wie Flüchtlinge in Arbeit zu bringen sind

„Realistisch bleiben und geduldig sein“

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Viele Flüchtlinge können leere Stellen im Handwerk füllen. Aber sie brauchen Unterstützung.

Sulingen - Von Julia Kreykenbohm. Viele Köche verderben den Brei. Dieser Spruch passt nicht immer. Manchmal sind sogar viele Köche notwendig, damit der Brei überhaupt gelingt, denn einer allein wäre hoffnungslos überfordert. Allerdings ist es wichtig, dass sich die Köche kennen, untereinander absprechen und Hand in Hand arbeiten. In diesem Fall heißt der Brei, der erfolgreich gekocht werden soll: „Integration von Flüchtlingen“.

Die Köche sind unter anderem der Landkreis Diepholz, Arbeitsagenturen, Jobcenter, Kreishandwer-kerschaft, ortsansässige Unternehmer, ehrenamtliche Helfer und die Industrie und Handelskammer (IHK). Diese hatte Landrat Cord Bockhop – gewissermaßen als „Küchen-Chef“ – zu einer gemeinsamen Veranstaltung nach Sulingen eingeladen.

Dort ging es um Fragen wie: Ab wann darf ein Flüchtling arbeiten? Was ist vorher an Formalien zu beachten? Welche öffentliche Einrichtung kann unterstützen und beraten? Aber die Organisatoren wollten auch Rückmeldungen und Anregungen von den Besuchern hören. „Die Zeit drängt“, machte Bockhop deutlich. Je schneller Flüchtlinge in Arbeit kämen, desto besser.

In kurzen Vorträgen setzten Kreisrat Markus Pragal, Christopher Lalottis, Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit Nienburg-Verden, Bernd Jobs, Geschäftsführer des Jobcenters im Landkreis Diepholz, Constantin von Kuczkowski, Leiter der Geschäftsstelle Syke der IHK Hannover, und Jens Leßmann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Diepholz/Nienburg, die 111 Gäste in der Alten Bürgermeisterei über die aktuelle Situation, Angebote und Fördermittel ins Bild.

2 600 Flüchtlinge leben im Kreis Diepholz. „Bis März sollen laut Quote noch 1 800 Menschen dazukommen“, berichtet Pragal. Dazu leben 141 unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge im Landkreis, zu denen noch 173 dazukommen werden.

Wichtig sei es, realistisch zu bleiben, um Enttäuschungen zu vermeiden. „80 Prozent der Flüchtlinge haben keine formelle, berufliche Qualifikation“, sagte Pragal. Dazu käme, dass viele auch Analphabeten seien. Die Menschen seien aber größtenteils sehr motiviert, wollen schnell Geld verdienen, um Schulden zu begleichen oder ihre Familien zu unterstützen.

Die unterschiedlichen Vorstellungen von dem, was sich Flüchtlinge vom Leben und Arbeiten in Deutschland erhoffen, und dem, was die deutschen Arbeitgeber von ihnen erwarten, waren zentrale Themen. Die Arbeitswelten seien häufig sehr verschieden, da ein Mechaniker in Syrien anders arbeite als in Deutschland. „In Syrien gibt es beispielsweise nur eine schulische Ausbildung“, so Lalottis. Viele deutsche Ausbildungsberufe würden die Flüchtlinge gar nicht kennen. „Wir müssen testen, was sie können und sie dann hinführen.“

Wie so etwas funktionieren kann, davon berichtete Sylvia Scheland von BTR-Logistik aus Rehden. Dort seien seit einem Monat drei Flüchtlinge beschäftigt. Einer von ihnen habe erklärt, Mechaniker zu sein und durfte in der Lkw-Werkstatt aushelfen. „Der hatte keine Ahnung von Hydraulik, Elektrik und auch solche Lastwagen hatte er noch nie gesehen.“ Aber der Mann lernte schnell und arbeite mittlerweile schon allein. „Wir sind alle begeistert von den drei Flüchtlingen“, betont Scheland. „Sie sind motiviert und gehen jeden Tag nach der Arbeit noch in einen Sprachkurs.“

„Wir geben den Rahmen vor“

Dass es aber auch negative Beispiele gibt, zeigte die Geschichte einer Frau, die zwei Flüchtlinge in Teilzeit beschäftigen wollte. Doch als diese erfuhren, dass ihr Gehalt nur 50 Euro über der Sozialleistung liegen werde, hätten sie abgelehnt. Auch ein ehrenamtlicher Helfer berichtete davon, dass viele Flüchtlinge „Hollywood-Vorstellungen“ von Deutschland hätten, die man ihnen erstmal in einem klärenden Gespräch nehmen müsse. „Wir müssen Geduld mit ihnen haben“, meinte er. Dasselbe Problem habe es früher bei den Deutsch-Russen gegeben und auch das sei nun kein Thema mehr.

Sylvia Scheland bestätigte das. „Auch unsere Flüchtlinge wollten gern ein Auto, um mittags nach Hause fahren zu können und ihre Mittagspause ausdehnen, weil sie beten müssten. Da haben wir ihnen klar gesagt, dass das nicht geht. Wir geben den Rahmen vor und das haben sie akzeptiert. Nun fahren sie jeden Tag mit dem Rad sechs Kilometer, bei Regen und Schnee und sind immer pünktlich.“

Arbeitgeber wie Scheland sollen nicht alleingelassen werden, wenn sie sich dazu entschließen, einem Flüchtling eine Chance zu geben, betonte Jobs und stellte verschiedene Angebote des Jobcenters vor. Auch die IHK möchte helfen und hat unter anderem für die nächsten drei Jahre zwei Millionen Euro in einem Fonds bereitgestellt, aus dem Weiterbildungsmaßnahmen für Flüchtlinge zu 75 Prozent gefördert werden sollen.

Einig waren sich alle Anwesenden darüber, dass die bürokratischen Hürden bei der Einstellung von Flüchtlingen oft zu hoch seien und viel Engagement ausbremsen würden. Diese Kritik richtete ein Unternehmer aus Sulingen auch konkret an den Landkreis, weil er auf eine Anfrage keine Antwort bekommen habe, als er einen Flüchtling als Praktikanten beschäftigen wollte. Cord Bockhop nahm diesen Hinweis auf, erläuterte, wo das Problem gelegen habe und machte klar: „Wenn Sie nichts hören, fragen Sie nach. Und zwar bei der Durchwahl 1000 – das ist meine.“

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