Sieben Löffel auf einen Liter

Erfahrungen im Praktikum bei der Kreiszeitung in Sulingen

Ein fast gar nicht gestelltes Foto: Johanna Sanders.
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Ein fast gar nicht gestelltes Foto: Johanna Sanders.

Sulingen – Sieben Löffel auf einen Liter. Stark und schwarz, so trinken die Kollegen hier in der Sulinger Redaktion der Kreiszeitung ihren Kaffee am liebsten. Das Klischee der kaffeekochenden Praktikantin ist in der Geschäftsstelle an der Lindenstraße jedoch nicht aktuell. Denn: Wer hier den Kaffee austrinkt, kocht dann auch den neuen.

Während meines dreimonatigen Praktikums in der Redaktion wurde mir ein Blick hinter die Kulissen journalistischer Arbeit gewährt. Durch das Praktikum, das ich zur beruflichen Orientierung gemacht habe, ist mir bewusst geworden, was ich eigentlich in Zukunft machen möchte: schreiben.

Nachdem ich in der ersten Woche Anfang März einige Kurzmeldungen verfassen durfte – Ankündigungen und vor allem, der Pandemie geschuldet, Absagen von Veranstaltungen – konnte ich direkt mit einem kleinen eigenen Artikel über die umsturzgefährdete Flatterulme im nördlichen Suletal einsteigen. Als ich an der Wegabsperrung auf den Baumexperten Bernd Brümmer wartete, Notizbuch und Kugelschreiber in der Hand, war ich schon etwas aufgeregt. Würde ich alles verstehen, was Brümmer erklärt? Und vor allem: Würde ich es danach auch wiedergeben können, würde ich das Wichtigste filtern können?

Denn das Filtern von Informationen ist, wie mir die Kollegen in der Redaktion erklärten, mit das Wichtigste am Schreiben – und mit dem Thema streifen wir ein größeres und sehr relevantes: das des „wahrheitsgetreuen Schreibens“. Ein kleiner Exkurs: In den Geisteswissenschaften, die ich studiert habe, ist nämlich höchst umstritten, ob „Wahrheit“ in sozialen Kontexten überhaupt existiert. Wir alle sind geprägt von sich wandelnden Parametern: Sprache, Geschichtlichkeit und vor allem Perspektivität. Und so sehe ich „Wahrheit“ als etwas Flüssiges, sie ist nicht statisch, sondern wandelbar und stets bereits interpretiert. Nichtsdestotrotz ist es wichtig – gerade in Zeiten von „Fake-News“ und Desinformationskampagnen – an ihr als Ideal festzuhalten und getreu der Tatsachen zu berichten.

Gut – bei der Flatterulme gab es nun wirklich biologische Tatsachen, und die faktische Gefahr, dass der Baum jemanden erschlagen könnte, wenn er nicht gefällt wird. Hier war es vielleicht nicht notwendig, zwei Stimmen zum Thema einzufangen – es gilt nämlich, ebenfalls idealerweise, das „Zwei-Stimmen-Prinzip“, wie ich gelernt habe. Beim kurzen Bericht über den „Equal Pay Day“ hätte man vielleicht schon eher eine weitere Meinung dokumentieren können. Denn zum Gender-Pay-Gap gibt es definitiv unterschiedliche Ansichten, die zu berücksichtigen gewesen wären. Aber an dieser Aktion des Sozialverbandes SoVD hatte mich das Engagement von Wiebke Wall beeindruckt, wie sie für die Sache der Frauen auf lokaler Ebene kämpft. Ich wollte es wirklich gut machen, und rief daher nach Feierabend noch die Kollegen in der Redaktion an, um eine kleine Änderung am Artikel vorzunehmen.

In den folgenden Wochen besuchte ich unter anderem Störche in ihrer Sommerresidenz und führte Umfragen in der Sulinger Innenstadt durch. Bei beidem habe ich gelernt, dass man Geduld beweisen muss – denn die Menschen auf der Straße wollen nicht alle etwas erzählen und ihr Bild am Folgetag in der Zeitung sehen. Und auch die Störche sind nicht zu jeder Zeit bereit für ein Foto.

Abwechslungsreich ist die Arbeit bei einer Zeitung. Ob bei den Delme-Werkstätten zum Impftermin, beim Hofcafé der Ihlos und ihren Alpakas, oder bei der muslimischen Gemeinde in Sulingen zum Ramadan – ich treffe gern auf Menschen, die mir mit Begeisterung von dem erzählen, was sie umtreibt. Dem dann im Anschluss beim Schreiben der Artikel gerecht zu werden und zugleich „objektiv“ Bericht zu erstatten, das ist vielleicht die größte Herausforderung beim journalistischen Arbeiten.

An dieser Stelle bedanke ich mich herzlich bei allen Menschen, die mir eine so lehrreiche und schöne Erfahrung durch das Praktikum ermöglicht haben. Mein Dank gilt im Besonderen Carsten Schlotmann, der mir an einem der ersten Tage bereitwillig erklärte, was eigentlich ein „Bauhof“ ist, Andreas Behling, der geduldig alle meine Texte mit mir gemeinsam korrigiert und diese konstruktiv kritisiert hat und Harald Bartels, der mir vor meinen Interviews mit vielen guten Ideen zur Seite stand.

Von Johanna Sanders

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