Bleisatz, Tiegel, Nut und Nudel

Das Ende einer Ära - Sulinger Druckerei D. Plenge & Sohn schließt

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Die Maschinen funktionieren noch immer einwandfrei.

Mit dem Jahreswechsel endet ein Stück Sulinger (Firmen-)Geschichte: Die Druckerei D. Plenge & Sohn schließt.

Sulingen - Als er anfing in der Druckerei, vor 35 Jahren, da sei er wirklich nicht beliebt gewesen, erinnert sich Joachim Anton. Der gelernte Schriftsetzer und Reproduktionsfotograf hatte sich fortbilden lassen und die neue Fotosatztechnik erlernt. Als er 1984 in der Sulinger Druckerei anfing, damals am ersten Computer der Firma, ersetzte seine Arbeit satte 15 der bisher notwendigen Mitarbeiter.

Dass die Traditionsfirma am 31. Dezember 2019 ihre Pforten schließt, trifft Joachim Anton, obwohl mit 66 Jahren bereits im Rentenalter, dennoch: „Wer ein Buch setzt, 150 Stunden Fotos und Texte bearbeitet, der hat 100 Stunden des Inhaltes behalten“, sagt er und denkt an seine Lieblingsaufträge: Die zahlreichen Chroniken der Vereine und umliegenden Kommunen. Ein Buch für die Ewigkeit dauert halt ein bisschen. Wie eine Druckerei arbeite, das verstehe nicht jeder. Ein Gastwirt sei eines Tages einmal reingeschneit, habe „druck mir mal ‘n paar Plakate“ gesagt und sich zum Warten hingesetzt. „Wir sind hier nicht in einer Bäckerei, wo man die Brötchen gleich mitnehmen kann...“, habe er dem Mann geantwortet.

Das Gespräch mit Joachim Anton über die Technik des Druckens zeigt, wie rasend schnell sich die Situation in diesem Bereich verändert hat. Bereits seine Ausbildung als Reproduktionsfotograf lässt stutzen – es gibt sie heute nicht mehr.

1400 Letter in der Stunde guter Schnitt

Bestimmte der Bleisatz über Jahrhunderte den Buchdruck, gibt es heute jährlich Neuerungen. Als Schriftsetzer hat Joachim Anton noch gelernt, jeden Text buchstabenweise zu platzieren. „1 960 Stück in einer Stunde, das war ‘ne Eins in der Prüfung“, erinnert er sich. Guter Schnitt seien 1400 Lettern gewesen pro Stunde. Spiegelverkehrt natürlich. Und das kann Joachim Anton immer noch mühelos lesen. Die einzelnen Lettern mussten natürlich auch einzeln wieder zurückgelegt werden.

Ein Fortschritt war die Maschine, die ganze Sätze als Bleisatz gießen konnte. Nach dem Gebrauch wurde der dann wieder eingeschmolzen. „Nudelkorrekturabzüge wurden gemacht, wenn die Seite fertig war“, sagt Joachim Anton. Soll heißen: Die Lettern wurden mit Farbe versehen, Papier draufgelegt und eine sogenannte „Nudel“ darübergezogen – ein Probedruck erstellt, um die Seite auf Fehler zu untersuchen.

Lettern für den einst per Hand gesetzten Druck. Bis zu 1960 Stück schaffte Joachim Anton in einer Stunde.

Die Modernisierung hin zum Fotosatz, zum Offsetdruck, eine Einführung digitaler Arbeiten begleitet Joachim Anton als Betriebsleiter in der Druckerei D. Plenge & Sohn. Seit 29 Jahren seine Kollegin: Waltraud Stoffers, die die Buchbinderarbeiten ausführt. Eine körperlich anstrengende Arbeit, die sie faszinierend findet.

Einen Nachfolger für eine kleine Druckerei zu finden sei schwierig, sagt Joachim Anton. Es gibt Nischenprodukte, die die Maschinen auch nach Jahrzehnten mit äußerster Präzision durchführen. Etwa Falzaufträge. Natürlich kann man kleine Karten auch per Hand knicken. Aber wenn eine Nut, die Knickfalte, eingeprägt wird, ist der Knick sauber und ebenmäßig. Kleine Aufsteller für die Tische ordern etwa Restaurants. Im Einsatz ist dann der „Tiegel“, so heißt die Maschine aus dem Hause „Heidelberg“, dem Marktführer: Stanzen, Nuten, Prägen ist ihr Ding. Und einer der Aufträge, die man eben nicht billiger im Internet kriegen könne, sagt Joachim Anton. Doch, so was gibt es auch.

Geschichte der Druckerei Plenge in Sulingen

Dietrich Plenge wird 1880 geboren und als Schriftsetzer in Sulingen und Nienburg ausgebildet, später auch als Journalist. Nach Jahren auf Wanderschaft kehrt er ins Mittelzentrum zurück und gründet am 1. September 1904 die Firma „Dietrich Plenge, Druckerei und Verlag“ – tatkräftig unterstützt durch Ehefrau Sophie, geborene Albers. Dietrich Plenge betreibt einen Zeitungsverlag: Herausgegeben wird Sulingens zweite Tageszeitung, die „Sulinger Nachrichten“. Plenge entwickelt ein Konzept, das in eigenen Publikationen für die umliegenden Gemeinden mündet. Die Siedenburger Landpost, die Barenburger Zeitung, das Varreler Wochenblatt und der „Anzeiger vom Aue- und Wesertal“ für den Bereich Uchte und Liebenau werden in Sulingen gedruckt. Dietrich Plenge ist ihr Herausgeber, Verleger, Chefredakteur, Anzeigenleiter und Drucker in Personalunion. Die Firma wächst bis zum Zweiten Weltkrieg auf 25 Mitarbeiter an. 1930 schafft Dietrich Plenge die erste Setzmaschine an, 1938 folgt die erste (und einzige) Rotationsmaschine im Mittelzentrum. Im Dritten Reich erfolgt die Zwangsfusion des Verlages mit der „Schreweschen Buchdruckerei“, die bis dahin die „Sulinger Kreiszeitung“ herausgab. Das ist der Titel der nun einzigen Zeitung, weitere Fusionen mit Verlagen im Landkreis folgen, der Zeitungsdruck in Sulingen endet 1943. Ab 1948 wird ein neues Geschäftsmodell eingeführt, entwickelt vom Sohn des Unternehmensgründers, Diplom-Volkswirt Erich Plenge: der Druck von Akzidenzen. Unter ihm wird das Unternehmen zum „Fachverlag“ für Sulinger Geschichte. Erich Plenge verfasst selbst zahlreiche Beiträge und Publikationen. (Aus: „Chroniken Sulinger Firmen, Ämter und anderer öffentlicher Einrichtungen“.)

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