Interview: Annette Lüneburg zum Status quo

Lebenshilfe-Geschäftsführerin zur Inklusion: „Eine Gemeinschaftsaufgabe“

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Annette Lüneburg ist Geschäftsführerin der Lebenshilfe Grafschaft Diepholz.

Sulingen – Mit Ende des Jahres verlässt Geschäftsführerin Annette Lüneburg die Lebenshilfe Grafschaft Diepholz. Sie wechselt zur Paritätischen Lebenshilfe Schaumburg-Weserbergland. Das Motto, das die heute 47-Jährige vor vier Jahren bei Amtsantritt ausgab: „Die Hände der Basis stärken.“ Mit Blick auf den heutigen Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung spricht Lüneburg über den Status quo der gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen in der Region – und Aufgaben, die anzugehen sind, um Inklusion tatsächlich umzusetzen. Die Fragen stellte Carsten Schlotmann.

Der Landkreis Diepholz veröffentlichte jetzt den kommunalen Aktionsplan Inklusion: Nur ein Stück Papier – oder tatsächlich Handlungsleitfaden?

Wir haben uns über die Veröffentlichung des Aktionsplans sehr gefreut. Er ist eindeutige Willenserklärung des Landkreises, die UN-Behindertenrechtskonvention umsetzen zu wollen oder zumindest den Weg dahin zu bereiten. Nach dem nationalen Aktionsplan und dem „Aktionsplan Inklusion Niedersachsen“ ein wichtiges Zeichen mit großer Strahlkraft in den Landkreis, nicht nur für Menschen mit Behinderung. Beachtlich finde ich, dass für die Entstehung des Aktionsplans viele Interessengruppen eingebunden und gefragt waren. Auch die Lebenshilfe war in den Arbeitsgemeinschaften vertreten. Insofern ist er viel mehr als nur ein Stück Papier: Er gibt uns Rückenwind für unsere Arbeit und bekräftigt, dass wir richtig liegen mit dem Ausbau unserer inklusiven Angebote in Krippen, Kindertagesstätten, Schulen und im Bereich Wohnen. Als kleinteiliger Handlungsleitfaden taugt der Aktionsplan nur bedingt, da es ja vor allem darum geht, die Haltungsfrage zur „Chancengleichheit für alle“ zu beantworten. Es ist aber durchaus gelungen, vielfältige Maßnahmen in den Themenschwerpunkten Gesellschaft, Bildung und Verwaltung mit ihren unterschiedlichen Handlungsfeldern darzustellen. Diese haben noch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil, denn so bleibt noch Gestaltungsspielraum. Wichtig ist, dass der Landkreis regelmäßig überprüft, ob die Umsetzung tatsächlich passiert und weiterentwickelt wird.

Sie sind Heilerziehungspflegerin, waren als Leiterin einer Wohngruppe tätig, studierten Wirtschaftswissenschaften – und gelten als praxisorientiert. Aus der Praxis und für die Praxis: Was fehlt im Aktionsplan?

Welche Handlungsfelder im Aktionsplan noch fehlen, ist darin explizit beschrieben. Für den Themenschwerpunkt Gesellschaft ist das zum Beispiel das Handlungsfeld „Mobilität und Beförderung“, für den Themenschwerpunkt Bildung ist es das Handlungsfeld „Erwachsenenbildung“.

Für die Praxis ist es wichtig, mit Haut und Haaren der Region verbunden zu sein: Kenntnisse der Infrastruktur, die eigene Nutzung derselben und ein guter Draht zu Schlüsselpersonen des Quartiers sind unerlässlich, um Menschen mit Behinderungen Teilhabe oder gar Teilgabe zu ermöglichen. Egal, ob ich im Bereich Wohnen, in der Kita oder in der Schule arbeite. Wenn ich von Schlüsselpersonen spreche, dann sind damit nicht nur die politischen und mittelständischen Akteure gemeint, sondern vor allem die Menschen, die sich im täglichen Kontakt mit den Menschen mit Behinderungen befinden: die Bäckereiverkäuferin, die Kassiererin im Supermarkt, die Arzthelferin, die Lehrkraft an der allgemeinbildenden Schule, der Busfahrer, das Vereinsmitglied. Deren Verhalten ist maßgeblich dafür, ob ein Mensch mit Behinderung sich ermutigt fühlt, demnächst wieder allein einzukaufen, zum Arzt, zur Schule oder zum Verein zu gehen – oder ob er doch lieber seinen Assistenten bemüht. Der Aktionsplan verweist da sehr auf die Ehrenamtlichen und deren Weiterbildung. Es sind aber auch die Profis im Quartier, die da zwingend eingebunden werden sollten.

Lebenshilfe setzt in der Gestaltung ihrer Arbeit auf Mitbestimmung der Menschen mit Beeinträchtigungen. Sind deren tatsächliche Bedarfe im Aktionsplan ausreichend berücksichtigt?

Die Bedarfe der Menschen mit Behinderung sind individuell und damit nicht über einen Kamm zu scheren. Ob es diesbezüglich noch Mängel im Aktionsplan gibt, werden wir mit den Selbstvertretungsgremien in der Lebenshilfe noch prüfen. Die Ergebnisse stellen wir dem Landkreis dann gerne zur Verfügung. Das Motto muss heißen: Raus aus der Konsumentenhaltung („der Landkreis muss für uns machen“), die zum Teil tief sozialisiert ist, und rein in die Mitbestimmung am Aktionsplan Inklusion. Sich selbst als wirksam zu erleben, ist wichtig für die Menschen mit Behinderung.

Lebenshilfe ist im Ursprung ein Elternverein, quasi eine Selbsthilfeorganisation. Integrative Kindertagesstätten, Bau einer inklusiven Wohnanlage in Sulingen: Immer mehr öffnet sich Lebenshilfe auch für Menschen ohne Beeinträchtigungen?

Unsere Einrichtungen sind lange Zeit als Sondereinrichtungen geführt worden. Der Aspekt des Schutzraums und der spezialisierten Förderung ist nach wie vor nicht von der Hand zu weisen, und das soll auch so bleiben. Über das Hereinholen von Menschen ohne Beeinträchtigungen in unsere Schutzräume oder auch über den Einsatz unserer Lehrkräfte und Schulassistenten in allgemeinbildenden Schulen, schaffen wir Möglichkeiten der Begegnung. Da wird gemeinsam gespielt, gelernt, gelacht und auch mal gestritten. Dieser gute Kontakt in der Kindheit sorgt später für mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit Menschen mit Behinderung, baut mögliche Vorbehalte und Berührungsängste ab. Und dass wir die Selbstverständlichkeit noch nicht überall sehen, ist ja der Grund, warum wir überhaupt über Inklusion reden müssen.

Ihre Erfahrungen in der Umsetzung oder auch in der Akzeptanz?

Die Bereitschaft beim Einzelnen, Menschen mit Beeinträchtigungen als gleichwertigen Teil der Gesellschaft zu sehen und einzubeziehen, ist groß. Berührungsängste sind leicht abzubauen, über Begegnung. Gesamtgesellschaftlich ist es schwieriger. Die Akzeptanz für Inklusion scheitert aus meiner Sicht am Willen zur dogmatischen Umsetzung im Bereich Bildung. Wir leben in einem hoch entwickelten Industriestaat, der von einer Leistungsgesellschaft geprägt wurde und diese zum Wohlstand gebracht hat. Wenn man dies so aufrecht halten will, bedarf es eben auch der Elitenbildung. Diese findet nach wie vor an Gymnasien und an Universitäten statt. Die Gymnasien hätten dennoch Möglichkeiten, Räume für Begegnung zu schaffen, etwa über Kooperationsklassen. Wir können uns gut vorstellen, eine der Klassen unserer Paul-Moor-Schule dort zu unterrichten. Gemeinsame Pausen, Projektwochen oder Bundesjugendspiele wären als Begegnungsräume prima.

Sie verlassen Ende des Jahres ein gut bestelltes Feld. Mit Bastian Winalke (kaufmännische Geschäftsführung) und Karsten Bonke (pädagogische Geschäftsführung) stehen ihre Nachfolger fest. Welche Aufgaben hinterlassen sie ihnen?

Ganz pragmatisch steht im Mai die Eröffnung des inklusiven Wohnprojekts in Sulingen an. Dafür ist noch viel zu tun, insbesondere, wenn die Entscheidungen für Konzept, Ausstattung und Personal unter Einbeziehung der Beteiligten getroffen werden. Des Weiteren sind im Bereich der Kindertagesstätten Neubauten vorgesehen: Die „Kita am Müntepark“ in Diepholz wird als inklusive Kita nach dem Brand neu aufgebaut. In Sulingen wird eine weitere Kita-Gruppe gebraucht, die mit der Krippe Goseküken zusammen am Standort Schwafördener Weg aufzubauen ist. Im Bereich Schule bleibt zu prüfen, ob wir am Standort Diepholz eine Schule in freier Trägerschaft an den Start bringen können. Mit inklusivem Konzept, natürlich.

Wie kann die Gesellschaft dabei unterstützen?

Hier gilt das Gleiche wie für den kommunalen Aktionsplan Inklusion: Das Fundament zur inklusiven Weiterentwicklung ist gelegt, aber Inklusion ist und bleibt eine Gemeinschaftsaufgabe, bei der jeder sich einbringen kann. Sei es, dass man an seiner inneren Einstellung arbeitet, oder auch ganz konkret durch die Übernahme ehrenamtlicher Aufgaben.

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